Ein Landhaus im tiefen Winter. Peter steht vor der Haustür und möchte seinen Vater Heinrich
aufsuchen – den er in seinem Leben noch nie gesehen hat.
Peters Erscheinen zerstört in kürzester Zeit ein bestehendes Gefüge, ein sehr morsches, aber
immer noch funktionierendes – mit dem Ziel den Vater zu demütigen?
Roland Schimmelpfennig: Peter ist auf der Suche, er hat kein ihm klares Ziel. Er
hat eine Erschütterung erfahren. Die ihn für den Rest seines Lebens prägen wird: Seine Mutter hat
ihm den Vater verschwiegen, aus was für Gründen auch immer. Sein Leben ist aus den Fugen. Peter
versucht sich zu orientieren, er versucht, den Weg zurückzuverfolgen, er kann nicht aufhören,
nachzudenken – außer, manchmal, auch nicht immer, beim Sex. Auch wenn das Ziel manchmal etwas
diffus und widersprüchlich ist, haben die Figuren meiner Stücke ein Ziel. Es geht in meinen Texten
um Veränderung, um Bewegung – und sei es eine Bewegung, die die Figuren verhindern möchten. Ich
wollte immer Stücke schreiben, bei denen man als Zuschauer mitgenommen wird – wie auf eine Reise.
Die Zuschauer kriegen von Ihnen keine Ratschläge mit auf den Weg?
Roland Schimmelpfennig: Mich interessiert die Reduktion, die Verdichtung – oder auch die
Auslassung, die Verweigerung bestimmter Informationen und Details. Die Reduktion lässt den
Zuschauer bestimmte Teile selbst zusammensetzen, entdecken, abwägen. Das ist ein dialogischer
Umgang mit dem Zuschauer. Es geht darum, die Geschichte so zu erzählen, dass man dem Zuschauer die
Chance lässt, das Geschehen abzugleichen, zu überprüfen. Ich mag Theater als offenes System. Das
Theater verkürzt den Weg, überspringt lange Prozesse und sucht die Eskalation, Theater ist immer
Eskalation.
Aus: Gespräch zwischen Friederike Emmerling, Uwe Carstensen und Roland Schimmelpfennig
Roland Schimmelpfennig ist der zurzeit meistgespielte Gegenwartsdramatiker
Deutschlands. Seine Stücke werden in über 40 Ländern aufgeführt. Schimmelpfennig wurde 1967 in
Göttingen geboren und ging nach dem Abitur als Journalist nach Istanbul. Nach einem Regiestudium an
der Otto-Falckenberg-Schule wurde er als Mitarbeiter der Münchner Kammerspiele engagiert. Er
arbeitete außerdem an der Berliner Schaubühne, dem Burgtheater und der Volksbühne Berlin. Er
erhielt mehrere Preise, darunter den Else-Lasker-Schüler-Preis, Einladungen zu den Mülheimer
Theatertagen, den Nestroy-Theaterpreis.
Aufführungen seiner Stücke u.a.: Münchner Kammerspiele, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin,
Staatstheater Stuttgart, Schauspielhaus Wien, Burgtheater, Akademietheater, Schauspielhaus Bochum,
Deutsches Theater Berlin, Thalia Theater und Schauspielhaus Hamburg.