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Kammerspiele der Josefstadt
Premiere: 18.05.2017

Joseph Kesselring

Arsen und Spitzenhäubchen

Zum 75. Geburtstag von Doyenne Marianne Nentwich

ca. 2 Stunden, 30 Minuten (Pause nach ca. 95 Minuten)

Auf ungefähr vier Liter Holunderwein
nehme ich einen Teelöffel
Arsen, einen halben Teelöffel
Strychnin und eine Prise
Zyankali.

Martha

Abby Brewster, eine liebenswürdige ältere Dame, ermordet gemeinsam mit ihrer Schwester Martha auf liebevolle Art und aus purem Mitleid einsame männliche Altersgenossen, um sie von der Pein des Alleinseins zu erlösen.

Es ist jetzt wohl die Zeit, Ihnen ein paar Prinzipien zur Kunst des Mordes an die Hand zu geben. Der Masse gefällt ja rein alles, vorausgesetzt, dass genügend Blut dabei fließt. Doch der denkende Mensch verlangt mehr.

Was das Opfer angeht, so halte ich es für evident, dass es ein "guter Mensch" sein muss. Ist diese Forderung nicht erfüllt, dann besteht die Gefahr, dass das präsumtive Opfer selber Mordabsichten hat. Es kann zum Handgemenge Mörder gegen Mörder kommen. Das ist als Kuriosität ganz reizvoll, strenger ästhetischer Kritik hält es nicht stand.

Ebenso klar erscheint mir zu sein, dass das Mordopfer niemand sein darf, der im öffentlichen Leben steht. Und das auserwählte Opfer muss vollkommen gesund sein. Eine kranke Person umzubringen, die dem Mörder keine Gegenwehr leisten kann, ist krasse Barbarei. Gerade hier, in dieser zarten Rücksicht auf das Befinden kranker Menschen, verrät sich wieder der durchgehende Effekt jeglicher Kunstausübung, dass sie nämlich veredelnd und verfeinernd wirkt.

Die Welt da draußen, meine Herren, schreit nach Blut. Sie verlangt von einem Mord weiter nichts, als dass Blut in Strömen fließt. Sie will die grelle Schau. Aber der Kenner ist damit nicht zufrieden. Sein Geschmack ist anspruchsvoller.
Thomas de Quincey

Die Doyenne der Josefstadt, Marianne Nentwich, spielt seit 1963 Rollen der Weltliteratur, u.a. die Christine in Schnitzlers Liebelei, die Marschallin im Rosenkavalier, die Madame des Volanges in Gefährliche Liebschaften, die Frau Zittel in Heldenplatz und die berührende Figur der tortenessenden Dame in der Uraufführung von Peter Turrinis Aus Liebe.

Eine Reihe ausgezeichneter Charakterdarsteller der Josefstadt agiert versiert im Slapstick (samt komplexer Schattenspiele wie im Stummfilm), ist sprachlich ausgesprochen quick und firm. Ohne Präzision wäre diese Farce verschenkt, bei der in einem absurd arrangierten Wohnzimmer Polizisten, Verbrecher und potenzielle Opfer genauso durchgeknallt sind wie die Brewsters. Überdreht wirken in dieser Inszenierung alle. Das Ensemble meistert seine Aufgabe bravourös. Und was für reizende alte Damen sind Nentwich und Schüsseleder, die einander mühelos Pointen zuwerfen können. Es bereitet ihnen sichtlich Vergnügen.
(Die Presse)

Fabian Alder inszeniert die ulkige Moritat mit viel Lust an der gemäßigten Groteske und dem Griff in die Kiste mit den optischen Filmzitaten. Martin Niedermair spielt den Neffen Mortimer und ist veritabel hysterisch, was es umso witziger macht, wenn er manchmal zur Untermalung einer bedrohlichen Situation die Stimmlage unbeholfen auf Horrormodus wechselt. Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder sind die mordenden Tanten, beide spielen sie mit kindlicher Sanftheit. Mit ihren Pastellkleidchen wirken sie erst wie aus einer "Golden-Girls"-Version von "Sieben", später wogen sie in üppigem Trauerornat über die Bühne, das einer Maria Theresia zur Ehre gereicht. Alexander Pschill rast in chaplineskem Slapstick durch seine turbulente Rolle.
(Wiener Zeitung)

Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder treffen stets den richtigen, weil unaufgeregten Tonfall, arbeiten die Pointen fein heraus und sind als herzige Giftmischerinnen ein pures Vergnügen. Alexander Pschill tritt bravourös in die Fußstapfen eines an Charlie Chaplin erinnernden Comedians. Ein rundum exquisites Ensemble.
(KURIER)

Das sind die Kammerspiele vom Feinsten, liebevoll und mit Kennerblick auf die humorvollen Details inszeniert, die Darsteller mit Verve und sichtlichem Spaß bei der Sache.
Der Abend ist mit einem Wort gesagt hinreißend. Laut und verrückt und wie eine Reminiszenz an die gute, alte Kinozeit. Da passt es fabelhaft, dass Alexander Pschill sich als Teddy Brewster einen beinah chaplinesken Gestus zugelegt hat, oder dass in Momenten höchster Gefahr stummfilmartige Schattenspiele auf der Bühne ablaufen, als würde Noferatu persönlich die Scheinwerfer bedienen. Alder und seine Mitstreiter balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen betulicher Kleinbürgerlichkeit und blankem Horror, der den Charme dieses Stücks ausmacht. Martin Niedermair kann gut hysterisch. Sein Mortimer ist eigentlich durchgehend am Rande des Nervenzusammenbruchs. Als Jonathan zeigt Markus Kofler einmal mehr sein komödiantisches Können. Wie er den elementar in seinem Mörderstolz gekränkten Killer gibt, weil die Tanten genauso viele Tote vorzuweisen haben, wie er, ist vom Feinsten. Alexander Pschill slapstickt sich als Teddy über die Bühne, dass es eine Freude ist. Fabian Alder hat im putzigen Bühnenbild von Nikolaus Frinke die Farce fabelhaft und mit großer Präzision aufgelöst. Das Ensemble ist bravourös überdreht und im Mittelpunkt ruhen souverän Nentwich und Schüsseleder mit ihrer subtilen, trockenen Darstellung der Tanten. Selten so viel gelacht!
(Mottingers Meinung)

Regie
Fabian Alder

Bühnenbild
Nikolaus Frinke

Kostüme
Julia Schnittger

Dramaturgie
Matthias Asboth

Licht
Manfred Grohs

Abby Brewster
Marianne Nentwich

Martha Brewster
Elfriede Schüsseleder

Mortimer Brewster
Martin Niedermair

Teddy Brewster
Alexander Pschill

Jonathan Brewster
Markus Kofler

Dr. Harper, Pfarrer
Félix Kama

Elaine Harper, dessen Tochter
Salka Weber

Dr. Einstein
Ljubiša Lupo Grujčić

Lt. Rooney
Alexander Strobele

Brophy, Polizist
Patrick Seletzky

Klein, Polizist
Oliver Rosskopf

O`Hara, Polizist
Oliver Huether

Mr. Gibbs
Bernd Ander

Mr. Witherspoon
Christian Futterknecht