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Theater in der Josefstadt
Premiere: 16.05.2013

Peter Turrini

Aus Liebe

Uraufführung

ca. 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Morde finden statt, zu allen Zeiten und an allen Orten. In meinem Stück erschlägt ein vierzigjähriger Mann seine Frau und sein Kind mit einer Axt. Sein Leben ist bis zu diesem Moment ein "wohltemperiertes", er hat einen guten Job, eine kluge und hübsche Frau und ein süßes Kind. Sofort erhebt sich die Frage nach dem "Warum" seiner Tat, und alle versuchen, eine Antwort darauf zu finden: die Psychiater, die Journalisten, die Richter und manchmal sogar der Täter selbst. Ich habe in der Anstalt für sexuell abnorme Rechtsbrecher mit einem Mann gesprochen, einem ehemaligen Beamten, der eine Prostituierte ermordet hat. Er konnte sich die Gründe für seine Tat auch nicht erklären und sprach darüber mit Abscheu.

Ich versuche in meinem Theaterstück eine etwas andere Frage zu stellen: Was findet alles im Zusammenhang mit einem Mord statt? Wenn jemand seine Familie mit einer Axt umbringen will und in den Baumarkt geht, um eine solche zu kaufen, wie läuft sein Gespräch mit dem Verkäufer ab? Was antwortet er, wenn ihn der Verkäufer fragt, wozu er die Axt eigentlich braucht? Nimmt er eine aus dem Sonderangebot? Welche Menschen trifft der Mörder noch an diesem Tag und wie verhält er sich ihnen gegenüber? Wenn er kurz vor dem Mord sein Kind zu Bett bringt, erzählt er ihm eine Gute-Nacht-Geschichte? Ich möchte mich der großen Frage nach dem „Warum“ mit scheinbar kleineren Fragen nähern. Vielleicht erfährt man etwas über das Zentrale, das Mörderische, indem man die Peripherie abschreitet? Und vielleicht ist unsere Gesellschaft eine generell "mörderische"? Vielleicht verbergen sich hinter den sichtbar gewordenen Taten von wenigen die verborgenen Abgründe von vielen?
(Peter Turrini zu seinem Stück "Aus Liebe", 2013)

Herbert Föttinger überzeugte in der Josefstadt mit der hoch konzentrierten Inszenierung eines breiten gesellschaftskritischen Panoramas aus kurzen Szenen.(...)"Aus Liebe" schließt motivisch an Turrinis große sozialkritische Stücke der 80er- und 90er-Jahre ("Die Minderleister", "Tod und Teufel") an und entwickelt sich szenisch weiter. Es ist weder Krimi noch Kolportage und widmet sich nicht der Tat, sondern dem Umfeld, in dem eine solche entsteht. 37 Fassungen soll Turrini gebraucht haben, bis jene 22 Kurzszenen festgestanden sind, die in Herbert Föttingers hoch konzentrierter Uraufführungs-Regie in 80 Minuten an einem vorbeieilen, getrieben von pulsierender elektronischer Musik (musikalische Leitung: Christian Brandauer).(...)Regisseur Föttinger gelingt es, Märchen und Satire, Poesie und Empathie zusammenzubringen und den Witz mancher Szenen herauszuarbeiten, ohne die Figuren zu verraten. So viel zu lachen angesichts eines Doppelmordes gab es wohl noch selten (außer bei Quentin Tarantino, aber das ist eine ganz andere Geschichte). Dafür ist auch das Josefstadt-Ensemble verantwortlich, das sich ganz in den Dienst der Sache und des Stückes gestellt hat.(...)Ulrich Reinthaller gelingt die schwierige Aufgabe, eine Leerstelle plastisch darzustellen, ohne in Versuchung zu geraten, den darunter brodelnden Vulkan mitzuspielen.(...)Herzlicher Applaus. Viel zu wenig. Viel zu wenig euphorisch für einen außergewöhnlichen Abend.
(APA)

Ein großartiger, "denk"würdiger Abend. Und einer, der einmal mehr zeigt, über welch wunderbares, aufeinander eingespieltes Ensemble die Josefstadt verfügt.
(Mottingers Meinung)

Kurze, verblüffend witzige Momentaufnahmen.
(Österreich)

Peter Turrini gibt den Menschen, die um ihre Existenz kämpfen, eine Plattform. In "Aus Liebe" dürfen sie ihre Wut und ihre Ängste artikulieren.(...)Herbert Föttinger inszenierte die Uraufführung als rasanten, unterhaltsamen Thriller.(...)Ein straffes, von einem wahren Mordfall inspiriertes Stationendrama: Es ist nachgerade raffiniert gebaut.(...)Denn die wahre Intention erschließt sich erst nach und nach.(...)Herbert Föttinger, der Direktor des Theaters in der Josefstadt, hat das strikt chronologische Konzept noch verstärkt: Er präsentiert das Stück, das an einem Tag in Wien spielt, als Thriller in der Machart von 24. Vor Beginn jeder Szene weist eine Laufschrift über der neutralen Bühne (ein abstraktes Gemälde von Die Schichtarbeiter) auf die exakte Uhrzeit und den Ort hin. Schnelligkeit vermittelt auch die pulsierende elektronische Musik von Christian Brandauer.(...)Weil jeder und jede eine Facette darstellt, sitzt das gesamte Ensemble die 80 Minuten hindurch auf der schmalen Bühne. Seiner Leistung ist denn auch der mit zu wenig Applaus bedachte Erfolg zu verdanken. Einige stachen trotzdem hervor: Susanna Wiegand als energische Prostituierte, die ihren Standplatz wieder haben will, oder Martin Zauner als kettenrauchender Kriminalinspektor.
(Der Standard)

"Aus Liebe" gehört zu den besten Stücken des Autors.(...)Turrinis neuer Stil ist lakonisch, skizzenhaft, das Ausgesparte steht gleichberechtigt neben dem Gesagten. Das Stück ist eine lose Folge von Kurzszenen und erinnert nicht nur dadurch an Ödön von Horváth: Wir sehen eine Seelenausstellung, eine Galerie von Verlorenen, die mit der Sprache ringen und in Wahrheit nur noch mit sich selbst sprechen: Polizisten, Huren, Verkäufer, Querulanten, Passanten. Ein Pärchen inszeniert U-Bahn-Sex, um endlich via YouTube berühmt zu werden. Eine verwahrloste Frau, der das Jugendamt ihre Kinder weggenommen hat, fantasiert sich eine Fernseh-Karriere herbei. Ein Baumarkt-Verkäufer, dem der Lohn gekürzt wurde, steht an der Donau und brüllt seine Verzweiflung in den Lärm vorbeifahrender Schleppverbände. Alle könnten sie zu Mördern werden, einer wird es.
(Kurier)

Herbert Föttinger inszeniert "Aus Liebe" über einen Hackenmörder und das Falsche im richtigen Leben. Die Uraufführung wirkt sehr rund und gelungen.(...)In Turrinis neuestem Drama "Aus Liebe" sehen wir den Allerhöchsten beim "Schöpfen" – und wie er mit den Folgen zurechtkommt. Als "armer Irrer" missverstanden tänzelt er zu Jazzmusik aus dem Kofferradio durch eine düstere Welt, bietet Luftballons feil, begrenzt den Schaden, soweit möglich. Kurt Sobotka in dieser Rolle einmalig zu nennen ist stark untertrieben.(...)Tatsächlich beeindruckt "Aus Liebe" weit mehr als die Haupt- und Staatsaktionen, die Turrini am Burgtheater entfesselte – und zwar keineswegs aus ideologischen Gründen. Die "Josefstadt" ist kleiner, intimer als das Burgtheater. Das Ensemble besteht genau aus den Typen dieses neuen Stücks, es ist ihnen quasi auf den Leib geschrieben – und Föttinger hat seine Leute kunstlos und ohne krampfhafte Ambition ins allerbeste Licht gerückt.(...)Ein einprägsamer Theaterabend.
(Die Presse)

Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger brachte in einer sehr konzentrierten Regie mit einem wunderbaren Ensemble Peter Turrinis neues Stück "Aus Liebe" zur Uraufführung. Turrini geht es nicht um den Mord, sondern er fädelt mit 22 Kurzszenen, die an einem Tag zwischen sechs Uhr früh und kurz vor Mitternacht ablaufen, den ganz normalen Wahnsinn zwischen geballter Faust im Hosensack und tödlichem Zuschlagen auf. Turrinis poetische Alltagsverdichtung skizziert das pralle Leben, das manche aus der Bahn schleudert, andere verzweifeln oder Zuflucht in finstersten Sarkasmus finden lässt. Jeglicher Naturalismus wird auf der Bühne vermieden und dadurch entsteht unendlich viel Welt.(...)Die Abstraktionen unterstreicht Christian Brandauers Musik. Kurt Sobotka brilliert als lieber Gott, ein Entertainer mit altmodischem Kassettenrekorder, der die von ihm geschaffene Welt nicht wirklich versteht. Martin Zauner als zynischer Kriminalbeamter, Heribert Sasse als Kommandant eines Wachzimmers, Oliver Huether als degradierter Baumarktverkäufer, Sandra Cervik als allein gelassene Ehefrau oder Susanna Weigand als Straßenstrichdirne schütteln ihre Typen quasi aus dem Ärmel. Kleinkunstminiaturen ganz groß.(...)Während Nentwich als Dauerplaudertasche ihre Figur zauberhaft modelliert, gelingt es Reinthaller, seine existenzielle Verlorenheit durch beredtes Schweigen zum Ausdruck zu bringen. Turrini erweist sich einmal mehr als großer sozialkritischer Dramatiker, dem es gelingt, die Welt ohne Anflug von selbstgestrickter Küchenpsychologie bis zur Kenntlichkeit zu entstellen.
(Oberösterreichische Nachrichten)

22 Szenen sind es, Regisseur Herbert Föttinger holt aus seinem Ensemble das Beste. Da tauchen toll gezeichnete Typen auf, schrullig, hinterhältig, feige, gequält, bizarr, ein Pandämonium mit allerhand Verlierern. Peter Turrini hat den Leuten "aufs Maul geschaut", der Tonfall passt, es gibt sozialkritische Schlaglichter, alles ist präzise gearbeitet und mitunter sehr witzig. Aber auch Leute sind darunter, denen man nicht über den Weg traut. Der Mann im Baumarkt etwa (Oliver Hueter) ist voll Wut, vom Verkaufsspezialisten zum schlechter bezahlten Regaleinräumer degradiert. Er fragt nach seiner Suada, "wozu brauchen Sie die Hacke?", Weber hat keine Antwort. Weber bedrängt eine entlassene Personalleiterin (Andrea Nürnberger), schenkt einem verblüfften Bettler (Siegfried Walther) seine Brieftasche, abends in der Wohnung kommt es zur Bluttat. Schon vorher wurden Polizisten und Kriminalbeamter vorgestellt, Heribert Sasse klopft Sprüche und "schult" seinen Polizeiaspiranten (Ljubiša Lupo Grujčić), der Kriminalinspektor (Martin Zauner) hält kettenrauchend schlimme Vorträge. In der Wachstube, wo eine herrlich beleibte Nutte (Susanna Wiegand) ihren Standplatz einfordert und eine Witwe (Marianne Nentwich) wegen Belästigung fremder Männer, denen sie im Andenken an ihren Mann Torten vom Teller futtert, einvernommen wird, setzt sich das Geständnis des Mörders erst langsam durch. Der Parlamentsmitarbeiter dreht wohl durch, muss ein Burn-out haben, meint der Polizist. Ja, die Frau habe er erschlagen, dass er auch sein Kind getötet habe, bestreitet Weber. Erstmals bricht bei diesem Leugnen so etwas wie Emotion aus dem Mann. Man wird wie in einem Thriller in Turrinis Stück gezogen, es endet irgendwie sanft, als das Mädchen Flora (Annika Borde) auf den lieben Gott trifft. Turrinis "Aus Liebe" kann ängstigen, unterhalten, berühren.
(Salzburger Nachrichten)

Geglückte Uraufführung des "Axtmörder-Stücks". Lang nicht mehr war Peter Turrini ein Wurf wie dieser gelungen: auf der Höhe seiner sozialen Lauterkeit, voll des Mitleidens, aber ästhetisch auf neuem Weg. Der zum Sandler herabgewürdigte, von Kurt Sobotka bewegend dargestellte Gott führt in Absurditäten von den Gnaden George Taboris. Um ihr Leben und ihre Würde kämpfende Verlierer kommen aus dem Geist Horvaths und, mehr noch, Jura Soyfers. Doch das Ganze hat Aura und Handschrift, die vor allem den Hauptpersonen geschuldet sind: dem "Axtmörder" (großartig in seiner Versteinerung: Ulrich Reinthaller), der "aus Liebe" seine ihm entschwindende Familie (bewegend: Sandra Cervik und Annika Borde) tötet. Rundum behaupten sich Heribert Sasse, Martin Zauner, Siegfried Walther und Raphaela Möst am besten. Herbert Föttinger hat mit Kraft und Engagement Regie geführt, und vom Stück wird man noch hören.
(News)

Regie
Herbert Föttinger

Bühnenbild
Die Schichtarbeiter

Musik
Christian Brandauer

Kostüme
Elke Tscheliesnig

Der liebe Gott, ein alter Mann
Kurt Sobotka/Adolf Frühauf

Michael Weber, Parlamentsmitarbeiter
Ulrich Reinthaller

Elfriede Weber, seine Frau
Sandra Cervik/Alexandra Krismer

Herbert Stauber, Kommandant eines Wachzimmers
Heribert Sasse

Djahan Tuserkani, Polizeiaspirant
Ljubiša Lupo Grujčić

Ella Bischof, eine bürgerliche Dame
Marianne Nentwich

Otto Nagl, Kriminalinspektor
Martin Zauner

Flora, das Kind von Michael und Elfriede
Annika Borde

Hilde Böhmdorfer, Sozialhilfeempfängerin
Raphaela Möst

Ein Verkäufer in einem Baumarkt
Oliver Huether

Bettina Wolf, ehemalige Personalreferentin
Isabella Gregor

Ein junger Mann
Josef Ellers / Florian Feik

Harry, ein Sandler
Siegfried Walther

Jaqueline Hawlicek, eine Prostituierte
Susanna Wiegand

Wendelin, ein Fotograf
Friedrich Schwardtmann

Ein eleganter, älterer Herr
Adolf Frühauf

Ein Russe
Mile Stojisic

Eine junge Frau
Antonia Jung / Philine Hofmann