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Theater in der Josefstadt
Premiere: 09.11.2002

Molière

Der Menschenfeind

Ein verliebter Menschenfeind? Das kann nicht gut gehen. Und geht es auch nicht in Molières 1666 entstandener Gesellschaftskomödie. Alcestes Hass auf die Spielregeln der ihn umgebenden Spassgesellschaft hat viele gute Gründe, sein Leiden an einer unerträglichen Seichtheit des Seins ist nachvollziehbar. Er scheint im Recht mit seiner Radikalkritik an den "fraktalen Persönlichkeiten", die ihr Leben wie ein Unternehmen begreifen, eine Ich-AG, die strategisch geführt werden muss, wo Werte, Lifestyles, Kommunikation, Bindungen und Trennungen nur Techniken sind, um das Grundkapital der eigenen Persönlichkeit geschickt zu vermehren.

Und doch, so muss man fragen, warum ist Alcestes Kampfplatz ausgerechnet die Clique der lebenslustigen Celimène. Warum muss er, bis zur Tollheit, sich selbst und diese Dame von Welt, die Verkörperung all dessen was er brandmarkt, mit seiner Liebe quälen. Er verfolgt das widerstrebende Objekt seiner Begierde so obsessiv, dass er lächerlich wird und sich selbst ins Unrecht setzt. Gegen Coolness und Distanz, die einen - wie auch immer gearteten - zivilen Umgang ermöglichen, will er die Tyrannei der Intimität durchsetzen. Zöge er sich in seine erträumte Einöde zurück, wäre seine Position als Menschenfeind, dem die Aufgabe der Demaskierung zukommt, gerettet. Doch so, in der Gefühls- und Beziehungsfalle, könnte das Missverhältnis zwischen seinen Maximen einer abstrakten Moral einerseits und seinem von maßloser Leidenschaft dominierten Verhalten andererseits kaum krasser sein. Molières Menschenfeind braucht offensichtlich diese selbstverliebte Welt, und sei es nur, um sie zu denunzieren und um sich an ihr aufzureiben. So wäre denn der tugendhafte Zensor vielleicht doch nur ein enttäuschter Narziss, der im Beweis seiner Einzigartigkeit sein Glück findet.

Es braucht wenig, um im historisch Entfernten das Nahe zu finden, Molière gehört zu den Gegenwärtigen: "Er hat das Tier Mensch wie ein Insekt aufgespießt und löst mit feiner Pinzette seine Reflexe aus. Und das Insekt Mensch zeigt nur den einen, immer gleichen Reflex, der bei der geringsten Berührung aufzuckt: den des Egoismus."
(Jean Anouilh)

Regie
Günter Krämer

Bühnenbild
Philippe Miesch

Kostüme
Falk Bauer

Oronte
Herbert Föttinger

Alceste
Helmuth Lohner

Philinte, sein Freund
Michael Dangl

Célimène
Anja Laïs

Arsinoé
Traute Hoess

Acaste
Alexander Strömer

Clitander
Boris Eder