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Theater in der Josefstadt
Premiere: 18.12.2014

Alexandre Dumas

Die Kameliendame

Uraufführung

ca. 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

Bühnenfassung von Herbert Schäfer
nach einer Übersetzung von Ludwig von Alvensleben

Warum ich mich verkauft habe? Weil ehrliche Arbeit mir niemals den Luxus erlaubt hätte, nach dem ich mich so sehnte. Dabei bin ich weder verderbt noch neidisch, ich wollte nur die Freude, die Genüsse und die Feinheiten einer eleganten und kultivierten Umgebung kennenlernen.
(Marie Duplessis, Vorbild für Die Kameliendame)

Die historische Marie Duplessis war die Tochter eines Kesselflickers aus der Normandie, ein Arbeitermädchen, das in jungen Jahren als Wäscherin und Dienstmagd arbeitete und früh sexuell ausgebeutet wurde. Mit fünfzehn Jahren kam sie nach Paris, tagsüber Verkäuferin, am Abend in Gesellschaft von Studenten und Künstlern. Sie fand einflussreiche und vermögende Liebhaber und stieg bald als Mätresse in die höchsten Kreise der Halbwelt auf. Alexandre Dumas der Jüngere, Sohn des Romanschriftstellers Alexandre Dumas père, hatte Marie Duplessis 1844 kennengelernt.
Das Verhältnis dauerte nur zwei Monate. Auf die Nachricht von ihrem Tod im Jahr 1847 hin beschloss er, der leidenschaftlichen und unvergessenen Liebesaffäre ein literarisches Denkmal zu setzen. Bereits ein Jahr später lag der Roman der Kameliendame vor, Dumas’ erstes Buch und der größte Erfolg seiner literarischen Laufbahn, den nur die eigene Bühnenbearbeitung des Stoffes noch zu steigern vermochte.
Das Theaterstück wurde am 2. Februar 1852 in Paris uraufgeführt, das aufsehenerregendste Bühnenereignis in Frankreich um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Verdi sah eine der Aufführungen und machte im folgenden Jahr aus Dumas’ Kameliendame sein "melodramma in drei
Akten" über die Frau, "die vom Weg abkam", "La Traviata".
Längst hat die Gestalt der Kameliendame sich von ihrem realen Vorbild und seiner konkreten Individualität gelöst. Einst die ideale Projektionsfigur kollektiver Männerphantasien, Inbegriff der erotischen Wünsche des arrivierten Bourgeois, existiert sie heute vor allem als Ikone tragischer Weiblichkeit.
Sie verkörpert in nahezu reiner Form den Typus der liebenden Kurtisane, der ehrbaren Dirne, der hochherzigen Sünderin, die von der Gesellschaft grausam verstoßen und ein Opfer der Bürgermoral wird.
(Hanjo Kesting)

Eine Kurtisane ist weniger als eine Mätresse, aber mehr als eine Dirne. Sie ist darum weniger als eine Mätresse, weil sie ihre Liebe für materiellen Gewinn verkauft, und darum mehr als eine Dirne, weil sie sich ihre Liebhaber auswählt. Die Kurtisane ist also im Grunde eine Frau, deren Beruf die Liebe und deren Kundschaft mehr oder weniger vornehm ist. Bei den Kurtisanen kann es sich um Frauen handeln, die dank einer unglücklich verlaufenen Liebesgeschichte in die demi-monde geraten sind; oder es sind Frauen von niedrigem Herkommen, deren einzige Hoffnung, im Leben etwas zu erreichen, auf ihren körperlichen Reizen gründet.
Dieses Gewerbe ist schwer, und wenn die Kurtisane ein gewisses Alter erreicht hat, ist sie entweder reich und angesehen, vielleicht sogar gut verheiratet, oder aber sie ist vorzeitig gealtert, einsam und unfähig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
(Joanna Richardson)

Sandra Cervik legt die Kameliendame als vom Leben hart gewordene Frau an, die ihre Dämonen sehr gut kennt und sich selbst von allen vielleicht am meisten verachtet. Was sie mit Champagner kompensiert. "Ich bin ein blutspuckender Geldraffautomat", sagt sie einmal. Cervik changiert zwischen nobel und nuttig. In ihrer famos gespielten Sterbeszene, "Armand" (hier Arango) rufend, den verzweifelten Eifersüchtling, der ihr gerade 500 Franc für ihre Dienste hingeworfen hat, ist sie bei sich. Im Sterben im Schnee so allein wie im Leben. Davor gibt es einen Dialog zwischen A. und M., in dem Hochmut auf Demut trifft. Und die Konflikte dieser Amour fou, in der man sich selbst hasst, weil man den anderen liebt, entblößt werden. Diese Szene ist wohl der Höhepunkt der Inszenierung.
Alexander Absenger gibt mit Bravour den unbedarften, netten Bursch’, dessen Wechselspiel mit Arango Fischer auf den Punkt inszeniert hat. Ein Auf-Augenhöhe-Spiel. André Pohl – und viele im Publikum waren gespannt, wie ihr liebenswerter Theaterwegbegleiter da sein wird – verkörpert mit Arthur de Varville den brutalen Unsympath, den "Vergewaltiger", aber auch Finanzier, nachdem Marguerite Duval verlassen musste. Er ist Täter und Opfer zugleich, lässt sie ihn doch nicht nur ihre Geringschätzung spüren, sondern ihn trotz Schuldentilgung auch nicht "ran". Ein sehr gelungener, anderer, neuer Einsatz Pohls! Ein paar witzige Metaphern wurden gefunden, um über "es" zu kommunizieren. Die Schönste: Wenn sich die Damen des Salons gegenseitig das Gesicht ab-budern. Da ist Marguerite bereits ein Gespenst an Varvilles Arm. Bei einem Fest kommt es zum Eklat mit Duval. Der Herr über den Körper gegen den Seelenfolterer, die Frau –  ein schon aus dem Leben schwindender Geist.
(Mottingers Meinung)

Dem Theater in der Josefstadt war es nun mit der als Uraufführung angekündigten Bühnenfassung von Herbert Schäfer immerhin ein Versuch wert. Schäfer zeigt die Handlung aus distanzierter Perspektive als ein Spiel der Erinnerungen auf, in dem der Autor Dumas als Erzähler auftritt und auch in die Rolle von Marguerites Geliebtem Armand Duval (Tonio Arango) schlüpft, während in den heraufbeschworenen Bildern der Vergangenheit Alexander Absenger als der "junge" Armand auftritt. Einige ans Publikum gerichtete, illusionsbrechend-ironische Bemerkungen sollen wohl ein Abgleiten ins allzu Melodramatische verhindern.
Unbekanntes Gefühl Liebe
Doch die Probleme, die abgehandelt werden, sind und bleiben Probleme von vorgestern, die bestenfalls historisch interessieren, auch wenn die ästhetisch überzeugende Inszenierung von Torsten Fischer das opulente Gesellschaftsleben dieser Vergangenheit mit gekonnten Spiegeleffekten (Bühne: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos) in eindrucksvollen Bilderfluten mit Männern in schwarzen Anzügen und Zylinder und mit Frauen in Abendtoiletten auf der Bühne stehen lässt.
Die Menschen dieser Gesellschaft, die sich auf Bällen und beim Glücksspiel amüsieren, leben aneinander vorbei. Im Mittelpunkt steht Sandra Cervik als umschwärmte Edelkurtisane Marguérite, die erst in ihrer Begegnung mit dem jungen Armand allmählich zur Erkenntnis kommt, dass die sogenannte Liebe keine Ware im Austausch für ein Leben in Luxus, sondern ein echtes, ihr zuvor unbekanntes, tiefes Gefühl ist; und bereit ist, für dieses Glück ein neues Leben in ländlicher Abgeschiedenheit zu beginnen. Doch das Glück ist von kurzer Dauer als Armands Vater - gefühllos bis zur Grausamkeit: Udo Samel - von ihr aus Rücksicht auf den untadeligen Ruf seiner Familie und die Zukunft des Sohnes den Verzicht fordert. Trotz ihrer bereits angegriffenen Gesundheit räumt er ihr mit den Worten "So schnell stirbt man nicht" nicht einmal eine Gnadenfrist ein. Und Marguérite, deren physischen Verfall Sandra Cervik drastisch und uneitel zeigt, fügt sich, verletzt den ahnungslosen Armand zutiefst, kehrt an der Seite des von ihr verabscheuten schwer reichen Varville (André Pohl) wieder in die Gesellschaft zurück und wird, bereits todkrank, nach einer letzten Begegnung vom immer noch Geliebten mit einem auf sie niederprasselnden Geldregen schwer gedemütigt.
Eine glückliche Inszenierung, das Stück hingegen wäre trotz Neuadaption im Archiv der Theatergeschichte besser aufgehoben.
(Wiener Zeitung)

Die Aufführung lebt von starken Opernbildern...Herbert Schäfer, als Bühnenbildner glücklicher unterwegs denn als Textdichter, und Vasilis Triantafillopoulos, der die luxuriösen Kostüme entwarf, tragen den Abend. Zu Beginn sieht man die tote Marguerite auf dem Boden liegen, Armand will ihre Leiche noch einmal sehen. Später malt der große Spiegel tolle Vexierbilder, Schnee fällt, Frauen und Männer in Abendkleidung rasen über die Szene, das Ensemble schwingt sich auf Schaukeln, Licht und Schatten wechseln. Die Optik erinnert ein wenig an Willy Deckers gefeierte Salzburger "Traviata" mit Anna Netrebko 2005, doch ist die Geschichte wuchtiger, archaischer geraten. Tonio Arango als Erzähler ist ein Gewinn, er gibt der Story eine ironisch-selbstironische Note, macht aber doch die Dramatik der ersten Liebe und des Verlusts deutlich. Udo Samel beeindruckt als Armands Vater.
R&B-Stilist Willy DeVille "Chronist einer mythisch verbrämten Kultur der New Yorker Bordsteinkante", wie "Die Zeit" 2009 zu seinem frühen Tod schrieb, raunt bezaubernd seinen herzzerreißenden Klassiker vom still stehenden Himmel, kurz klingt auch Verdi an, die musikalischen Kontraste passen und unterfüttern eine Aufführung, die viel verspricht, einiges hält, aber immer wieder ins hohle Drama absinkt, aus dem eben keine feurigen Opernklänge sie herausholen. Das Publikum applaudierte begeistert, speziell der erleichtert strahlenden Sandra Cervik.
(Die Presse)

Regie
Torsten Fischer

Bühnenbild und Kostüme
Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos

Marguerite Gautier
Sandra Cervik

Alexandre Dumas, Erzähler
Tonio Arango

Armand Duval
Alexander Absenger

Georges Duval, Armands Vater
Udo Samel, Herbert Föttinger

Arthur de Varville
André Pohl

Prudence Duvernoy
Katja Bellinghausen

Olympia
Susanna Wiegand, Therese Lohner

Nichette
Marie-Luise Stockinger

Gustave
Josef Ellers

Diener und Gäste
Maria Astl, Theresia Gabriel, Elisabeth Kofler, Ruby Leaves, Sabrina Worsch, Christian Garland, Robert Hager, Benedek Nagy, Viktor Saxinger, Pavel Strasil, Philipp Tod