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Theater in der Josefstadt
Premiere: 14.04.2016

Lillian Hellman

Die kleinen Füchse

ca. 2 Stunden, 10 Minuten, eine Pause

Deutsch von Bernd Samland

Ich war einsam, als ich jung war. Nicht in dem Sinne, wie man es gewöhnlich meint. Einsam, weil mir alles fehlte, wonach ich mich sehnte, ohne es zu bekommen. Alle in diesem Hause waren immer so beschäftigt, und es gab keinen Platz für meine Wünsche.
Regina

Der Hubbard-Clan präsentiert sich als das perfekte Abbild einer neureichen Familie, die es vor allem durch betrügerische Geschäfte und Ausbeutung von Arbeitern zu großem Reichtum gebracht hat. Alle drei Geschwister sind besessen von der Gier nach Geld: Während Ben und Oscar nach der damit verbundenen Macht streben, will Regina endlich ein finanziell unabhängiges Leben führen. Als ein perfider Geschäftsplan der Geschwister scheitert, beginnt ein gnadenloser Kampf gegeneinander.
Ich denke, dieses Stück hat eine Moral, weil meiner Meinung nach jedes gut geschriebene Werk mit einer gewissen Dosis Moral versehen ist: Und ich behaupte, dass meine Dramen gut geschrieben sind. Natürlich lässt sich darüber streiten. Für mich lag das Interessante an Die kleinen Füchse sowohl im Entwurf einer dramatischen Entwicklung als auch in der Darstellung einer Familie, die gerade dabei ist, jene Taten zu vollbringen, die ihr entweder Reichtum oder Misserfolg, Ruhm oder Schande einbringen würden. Gegen Ende des Stückes sind die Hubbards auf dem Weg zum Erfolg, doch wie sich das Leben der einzelnen Familienmitglieder in der Zukunft gestalten könnte, überlasse ich der Fantasie des Zuschauers. Ich wollte weder misanthropisch noch zynisch, lediglich wahrhaftig und realistisch sein.
Lillian Hellman in einem Interview, 1939

Mit dem Stück Die kleinen Füchse (1939) wurde die Amerikanerin Lillian Hellman zu einer der erfolgreichsten Theater- und Drehbuchautorinnen der 40er Jahre. Fast ein Jahr lang wurde ihr Drama am Broadway gespielt, um schließlich zwei Jahre später – mit Bette Davis in der Rolle der Regina – verfilmt zu werden. Die Kinoadaption des spannungsgeladenen Familienzwistes erhielt insgesamt neun Oscarnominierungen.

Wir möchten Sie darauf hinweisen, dass in dieser Vorstellung aus künstlerischen Gründen geraucht wird.

Sandra Cervik brilliert als hasserfüllte, verkommene Regina, die über Leichen geht, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen, Herbert Föttinger beeindruckt als ihr todkranker Gatte Horace.
(Österreich)

Sandra Cervik ist als Mittelpunkt des Dramas überzeugend: Sie spielt die berechnende Bankiersehefrau Regina Giddens, die soeben im Begriff ist, ihre skrupellosen Brüder Ben (André Pohl) und Oscar Hubbard (Tonio Arango) auszutricksen. Diese Besitzer von Baumwollplantagen, Rassisten, die das afroamerikanische Personal (Salka Weber, Oama Richson) quälen, wollen mit dem New Yorker Investor William Marshall (Roman Schmelzer) eine Fabrik errichten. Dazu brauchen sie das Einverständnis der Schwester und vor allem von deren Gatten, Horace Giddens (Herbert Föttinger), der vorerst abwesend ist. Er wird wegen einer Herzkrankheit behandelt, seine Situation ist, wie man später erfährt, hoffnungslos.
Nun beginnt Regina zu feilschen und zu werben, wie eine Spinne im Zentrum des Netzes. Ihr Herrenhaus, von dem man hier vor allem steile schwarze Metalltreppen, hohe Glaswände sowie ein Esszimmer und ein Klavier im Hintergrund sieht, strahlt pure Kälte aus (Bühne und Kostüme: Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos). Regina will weit mehr als das ihr und ihrem Mann zustehende Drittel der Anteile. Sie bezirzt Marshall und umwirbt ihre Tochter Alexandra (Alma Hasun), damit diese ihren Vater für den geplanten Handel günstig stimmt.
Vorerst aber dominieren die Brüder - der berechnende Ben und der gewalttätige Oscar, dessen kriminelle Energie nur von der seines dummdreisten Sohnes Leo (Matthias Franz Stein) übertroffen wird. Oscar ist brutal zu seiner musisch veranlagten Frau Birdie, die von Martina Stilp exzellent gespielt wird. Ihre in trunkenem Zustand gemachte Offenbarung all der Gemeinheiten, die sie in dieser Familie erlitten hatte, gehört zu den intensivsten Szenen der Aufführung. Vergleichbar sind damit die Konfrontationen zwischen dem Ehepaar Giddens. Föttinger und Cervik spielen das perfekt. Diese zwei ersparen sich wirklich nichts mehr, sie leben ihren Hass aus, bis er in einer grauenhaften, ja mörderischen Szene an der Treppe endet.
(Die Presse)

Nett ist hier niemand, jeder kämpft gegen jeden und ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Regisseur Fischer zeigt - auch dank einer präzisen Personenführung - die emotionale Kälte fast aller Beteiligten ebenso kalt.
(Kurier)

André Pohl kann ganz schön böse sein. Nicht, dass man es dem feinen Schauspieler nicht zugetraut hätte, aber er ist doch öfters in der Rolle der Feinnervigen, Gutmütigen, auch ein wenig Lebenstollpatschigen zu sehen. Nun, als beutegieriger Ben Hubbard, gibt er in der größten Seelenruhe die schlimmsten Dinge von sich, so dass es einen gruselt. In diesem Sinne ist er nicht nur die Verblüffung des Abends, sondern mit den seiner Figur zugeschriebenen Sätze über die Welttyrannei des Geldes gleichsam der dystopische Ausblick der Autorin.
Torsten Fischer hat am Theater in der Josefstadt Lillian Hellmans "Die kleinen Füchse" inszeniert und das Stück aus dem Jahr 1939 mit dieser klugen Arbeit in die Zeitlosigkeit gehoben. Was so viel heißt, wie: er zeigt die menschliche Unbelehrbarkeit auf. Unaufgeregt, bei der Lakonie, die er dem Ensemble verschrieben hat, möchte man beinah sagen behutsam, weißt er darauf hin, dass alles, was die Welt derzeit aus den Angel hebt, schon einmal da war, mutmaßlich immer da war, und dass man gerade deshalb dringend die Richtung ändern sollte. Weg von Raubtierkapitalismus und Profitgier und der damit verbundenen Ausbeutung von Arbeitskraft und Umwelt; Wirtschaftswachstum allein ist ein fragwürdiger Erfolgsmaßstab für eine Gesellschaft. Hellman, die politisch linke Aktivistin, darf ihre Anliegen bei Fischer in den besten Händen wissen.
Hellman erzählt von den Finanzmachenschaften eines Südstaatenclans. Die Brüder Ben und Oscar Hubbard bekommen von einem New Yorker Unternehmer ein lukratives Angebot zur Zusammenarbeit unterbreitet, eine Baumwollfabrik soll gebaut werden, ihre Schwester Regina will ein Drittel des Kuchens. Doch dafür muss ihr Ehemann, der Banker, seinen Anteil leisten - und der schwer herzkranke Horace denkt gar nicht daran, seine Unterschrift unter einen Vertrag zu setzen. Es beginnt ein Hauen und Stechen, ein Kampf jeder gegen jeden. Kinder werden zu Missetaten angeleitet und nach deren Aufdeckung fallen gelassen, unanständige Hochzeiten werden angedacht, lebensnotwendige Medikamente verweigert, ein Bündel Wertpapiere ist mehr wert als ein familiäres Band - und am Ende steht Regina als Siegerin im Ring. Sie hat sich unter den Raubtieren als das gerissenste erwiesen.
Sandra Cervik beweist in der Rolle dieser Frau auf dem Weg in die Emanzipation Brillanz. Ihre Regina ist weder eine Schlange nach biblischem Vorbild, noch ein Megäre nach mythologischen, sondern ein Weib, das weiß, was es will und dies mit allen Mitteln umzusetzen versucht. Je nach den im Moment erforderlichen Mitteln kann Cerviks Regina ergo die flirtbereite Elegance sein  beim Nordstaaten-Investor, schmeichlerische Manipulatorin - bei der Tochter, oder bei den Brüdern handfest austeilen. Sogar Ohrfeigen. Doch in keiner Situation ist der Zuschauer in der Lage, ihr die Sympathie zu entziehen, nicht, will die Regina irgend sympathisch wäre, sondern weil die Cervik zeigt, wie hier ein Mensch von Vater, Brüdern, Ehemann für deren Zwecke missbraucht wurde. Der Missbrauch soll nun ein Ende haben, aber Regina will kein Opfer, sondern voller Tatendrank sein. Eine starke darstellerische Leistung. Mit Tochter Alexandras "Hast du Angst, Mutter?" hat Fischer die Handlung eingerahmt, und auch das spiegelt Cerviks Gesicht wider, hinter der sarkastisch glatten Fassade, die Ungewissheit...ob ihr Plan...
Fassade ist in dieser Clique überhaupt alles. Und Fischer wirft seinen scharfen und analytischen Blick dahinter. Er enttarnt alten Geldadel wie Neureiche als niederträchtige Kleingeister, die Besitzer der Protzvilla als sittlich verkrüppelte Kleinhäusler voll Rassenhass und Standesdünkel. Dafür haben Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos ein Bühnenbild geschaffen, so kalt wie die Charaktere, die sich darin bewegen. Diffuses Licht fällt durch die Stahlkonstruktion, alles hier atmet "Industrie und Fortschritt", oder zumindest den optisch umgesetzten Glauben daran. Die Masse wird's herstellen, man selber davon profitieren. Wir sind die Spieler und ihr unser Einsatz. Die Hellman sagt das alles zwischen den Zeilen, in Andeutungen entwirft sie ihre Figuren, deren sexuelle und andere Vorlieben, und Fischer folgt ihr auf diesem Weg mit Fingerzeigen und anderen minimalen Gesten. Eine Umarmung erstickt vor der vollständigen Ausführung im Ekel, eine andere wird mit der Verzweiflung eines Vaters vollzogen. Das sagt mehr über ein Verhältnis Ehemann-Ehefrau-Hausdame, als es Worte könnten.
Herbert Föttinger spielt Reginas Ehemann Horace Giddens schonungslos, und er wird ihn auch ohne sich als Schauspieler zu schonen sterben lassen. Sein Horace ist immer noch Macher und Machtmensch und überspielt jede Schwäche, er ist ein Zyniker, so verletzend wie selbst verletzt durch die unerwiderte Liebe zu seiner Frau. Die Infights zwischen Föttinger und Cervik von hoher Intensität, Intimität, fast schmerzhaft anzuschauen, inhaltlich die Dreh- und Angelpunkte, gestalterisch die Höhepunkte des Abends. Eine geringfügige Anmerkung betrifft den Vorteil, den es mit sich brächte, allgemein etwas weniger atemlos-hektisch zu agieren. Die gesagten Gemeinheiten brauchen Zeit zum Sacken, bevor das Publikum sich mit der nächsten Unsäglichkeit befassen kann. Immerhin passiert in zwei Stunden Hellman mehr als in einer ganzen Staffel "Dallas" bis "Dynasty". Neben dem großartigen André Pohl ist Tonio Arango als Reginas jüngerer Bruder Oscar Hubbard zu sehen. Ist der eine versteckt hinterlistig, ist der andere offen brutal, Ben und Oscar, der Pragmatiker und der Choleriker. Martina Stilp gestaltet Oscars Frau Birdie als durch ihre Ehehölle devastierten Menschen, als verschlampte Alkoholikerin, sie ist das Opfer, das Regina sich weigert zu sein - eine bestechende Leistung.
Matthias Franz Stein wird als Oscars Sohn Leo in seinem hilflosen Ringen um die Anerkennung von Vater und Onkel zum Dieb, Stein spielt das sehr treffend, dieses halbdämliche, kleinkriminelle Um-jeden-Preis-Gefallenwollen, Alma Hasun ist als Reginas Tochter Alexandra gleichsam das Sprachrohr der Autorin und wird als solches in eine wichtige Position gesetzt werden. Roman Schmelzer gibt mit professionell charmanter Höflichkeit den New Yorker Investor. Sein Marshall, der unter Geschäftspartnern solche sucht, die die christliche Lehre befolgen, ist einer von denen, die bürgerliche Werte auf dem Rücken anderer, schutzloser beschwören...Und dann gibt's da mit den Bediensteten Addie und Cal, Salka Weber und Oama Richson, eine echte Allianz, die beiden sind Zuhörer und Beobachter, es wird sich klären für wen und zu welchem Zweck. Mehr über diesen Familienthriller zu verraten, wäre ein Spoiler, das Ende bleibt offen bis auf dies:
Die Josefstadt zeigt auch mit dieser letzten Saisonpremiere eine gelungene Ensembleleistung. Regisseur Fischer hat sich intensiv mit Hellman auseinandergesetzt und mit einem zeitlosen Stoff eine Arbeit zur Zeit abgeliefert. Es ist schön zu sehen, wie an diesem Haus immer wieder alles wie aus einem Guss ist, und wie Herbert Föttinger es versteht, einen Spielplan zu gestalten, der seinem Team diesbezüglich entgegenkommt. Mehr davon bitte ab Herbst.
(Mottingers Meinung)

Kapitalismus-Thriller
Mit der Broadway-Uraufführung ihres Schauspiels "Die kleinen Füchse" gelang Lillian Helman 1939 ihr endgültiger Durchbruch in die vorderste Reihe der amerikanischen Dramatiker. William Wylers Verfilmung des Stoffes über die Machenschaften des Hubbard-Familienclans gilt bis heute als Klassiker. Fischer zeigt in seiner komprimierten Fassung zwar Menschen von heute, ohne jedoch die Handlung durch direkte Anspielungen zu aktualisieren. Er betont vielmehr, wie im Programmheft nachzulesen ist, dass "das beklemmende Gesellschaftsbild aus den Südstaaten der USA zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts" auch die "Realitäten unserer Horrorvisionen unserer heutigen Welt, auch in Europa" spiegelt. Der machtgierige Ben (André Pohl), vom Bruder verächtlich als "Schwuchtel" bezeichnet, fungiert als eigentlicher Drahtzieher, der auch binnenfamiliär ohne Gewissensbisse illegale Auswege beschreitet. Benötigt man doch für den großen Deal auch das Vermögen des Ehemanns von Bens und Oscars Schwester Regina, die bisher keinen Durchblick in das Geschäftsgebaren der Brüder hatte. Doch gerade Regina - eine Paraderolle für Sandra Cervik - wird sich als Schlüsselfigur des Stückes und zuletzt als die Gerissenste des Trios erweisen.
(Wiener Zeitung)

Das hohe Paar Cervik/Föttinger generiert Momente innigster Hassliebe.
(Der Standard)

Regie
Torsten Fischer

Bühnenbild und Kostüme
Herbert Schäfer, Vasilis Triantafillopoulos

Dramaturgie
Herbert Schäfer

Licht
Manfred Grohs

Übersetzung
Bernd Samland

Addie
Salka Weber

Cal
Oama Richson

Birdie Hubbard
Martina Stilp

Oscar Hubbard
Tonio Arango

Leo Hubbard
Matthias Franz Stein

Regina Giddens
Sandra Cervik

William Marshall
Roman Schmelzer

Benjamin Hubbard
André Pohl

Alexandra Giddens
Alma Hasun

Horace Giddens
Herbert Föttinger