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Theater in der Josefstadt
Premiere: 25.03.2010

Silke Hassler und Peter Turrini

Jedem das Seine

ca. 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Ende April 1945: In Wien wird die Provisorische Regierung der wiedererrichteten demokratischen Republik Österreich ausgerufen. Auf der Ringstraße vor dem Parlament tanzen junge Wienerinnen mit russischen Soldaten Walzer.

Zur selben Zeit in der österreichischen Provinz: Eine Gruppe von jüdischen Häftlingen wird auf ihrem erzwungenen Fußmarsch Richtung Mauthausen in einen Stadel eingesperrt. Sie sind am Ende ihrer Kräfte, der Hunger und die Kälte setzen ihnen noch weiter zu.

In dieser Situation beschließt ein Häftling, ein Operettensänger aus Budapest, gemeinsam mit seinen Leidensgenossen und ein paar Bewohnern des nahegelegenen Dorfes, die ihnen unter Lebensgefahr Essbares in den Stadel bringen, die Operette "Wiener Blut" einzustudieren. Es fehlt ihnen an allem, an Instrumenten, an Kostümen, an Kraft.

Das Stück erzählt den komischen, lächerlichen, berührenden Versuch, mit der Idee der Kunst zu überleben. Und es beschäftigt sich mit einem weithin verdrängten Kapitel österreichischer Geschichte: den Todesmärschen von Juden durch die österreichische Provinz im Frühjahr 1945. Diese Todesmärsche waren begleitet von größter Brutalität seitens der bäuerlichen Bevölkerung gegenüber den Juden und vom Gegenteil: Es gibt Zeugnisse größter Hilfsbereitschaft. Unter dem riesigen Schatten des Holocaust, den monströsen Verbrechen des Nationalsozialismus, wollte sich Jahrzehnte lang niemand - von einer neuen Generation junger Historiker abgesehen - mit dieser in Österreich stattfindenden Tragödie in den letzten Kriegstagen und in den ersten Friedenstagen beschäftigen.
Silke Hassler und Peter Turrini

....ausgezeichnete Darsteller - an der Spitze Norman Hacker als Operettentenor Gandolf und Branko Samarovski als Bauer (...).
(FAZ)

Wien-Heimkehrer Norman Hacker, der in den 80er Jahren am Ensemble Theater engagiert war, später in Graz und Hamburg zum Star wurde und künftig bei Martin Kusej in München spielen wird, ist als Operettensänger Lou Gandolf ("Ich bin Nichtjude und Tenor") nicht nur Star und Initiator der improvisierten "Wiener Blut"-Aufführung, sondern auch Mittelpunkt und Energiezentrum des bloß eineinhalbstündigen Josefstadt-Abends: Den Tod vor Augen, steigert er sich in die Probenarbeit hinein, und stürzt er ohnmächtig zu Boden, weiß niemand, ob sein Hunger oder seine Schauspielkunst dafür verantwortlich sind.
Rund um ihn agiert ein starkes Ensemble, allen voran Gideon Singer als Budapester Schneider, Kurt Sobotka als alter, gebrechlicher Professor, der am Klavier ein ganzes Operettenorchester ersetzen soll, und Maria Urban als seine Frau. Elfriede Schüsseleder ist eine resolute Bäuerin, die ihrem noch immer mit Nazi-Gedankengut verpesteten Mann (stark: Branko Samarovski) ordentlich Saures gibt, Daniela Golpashin eine liebenswert-naive Magd, die auf die Rückkehr ihres bei der SS dienenden Verlobten hofft, Toni Slama ein unmenschlicher Dorfgendarm, den es nur um Zahlen auf seiner Liste geht.
(APA)

Das Theater als politischer Seismograf ist noch nicht außer Betrieb. An der "Josefstadt" zeigt man zu Zeiten der massiv erstarkenden Rechten ein großartiges Stück zur Lage. (...) Herbert Föttinger erzählt klar und packend die Geschichte und vertraut dem Text. Ein Pianino, ein Leiterwagen und ein Koffer sind Requisiten genug. Glänzend geführte Schauspieler tun das ihre. Im Zentrum steht Norman Hacker als Tenor Gandolf, ein Jude, der leugnet, einer zu sein, ein ohnmächtiger Machtmensch, der noch in auswegloser Situation befehlen will. Wie besessen weist er seine Mithäftlinge in die Welt der Operette ein. Wenn er in Todesangst den Inhalt von "Wiener Blut" erzählt, zeigt er, welcher Magie pures, engagiertes Theater fähig ist.
Kurt Sobotka und Maria Urban als altes jüdisches Paar und Branko Samarovski als Nazi-Bauer ergänzen formidabel. Auch vom übrigen Ensemble kann man nur Gutes berichten.
(News)

Herbert Föttinger hat dieses Werk wider das Vergessen, wider das Verdrängen fürs Theater in der Josefstadt inszeniert. Eine sehr feinfühlige Arbeit ist das geworden, so entsetzenerregend wie notwendig, so schelmisch wie möglich. 
Elfriede Schüsseleder brilliert als misstrauische, durch zu viele Tränen hart gewordene Bäuerin Traudl Fasching, die sich vom Faschismus infiltrierten Ehemann (Branko Samarovski) nicht einschüchtern lässt. Tosender Applaus.
(Kurier)

...grandios: Norman Hacker.
(Die Presse)

Herbert Föttingers souveräner Zugriff auf den heiklen Stoff: Der Josefstadt-Chef lässt vor kalter, schwarzer Bühnenwand spielen und verdichtet den Stoff auf eineinhalb unpeinliche Stunden. Norman Hacker gewinnt dem aberwitzigen Operettenregisseur spannende Facetten ab. [...] solide Leistung: So einheitlich überzeugend hat man das hochkarätig besetzte Ensemble lange nicht mehr gesehen.
(Profil)

Im liebenswürdigen Menschenpark dieser gleichwohl halbdunklen Aufführung gleichen Täter und Opfer einander aufs Haar.
Mit der einen großen Ausnahme des Kušej-Schauspielers Norman Hacker: Der bleibt bis zuletzt eine Rätselgestalt am Rande des Nervenzusammenbruchs. Er nimmt den Drive der Operette wie eine zersetzende Droge in sich auf, schaltet und waltet bis zur nächsten Hungerohnmacht - ein schäbiges Subjekt mit gerüschtem Hemd, das sich als Impresario lächerlich gebärdet. Hacker gibt den vergessenen jüdischen Verwandten der modernen Thomas-Bernhard-Kunstmenschen: ein Tyrann, der nicht nur abstreitet, ein Jude zu sein, sondern ein Betrüger ist.
(Der Standard)

Bravos! Mit kleinen Gesten lässt Föttinger den Irrsinn sowohl der Situation als auch des Ankämpfens dagegen sich auf der Bühne entwickeln und entfalten. Ein beklemmender Theaterabend.
(Wiener Zeitung)

Holocaust-Kitsch? Den vermeidet Regisseur Herbert Föttinger mit formaler Strenge: leere Bühne, starke Striche, präzise Schauspielerführung. Und Gaststar Norman Hacker lässt als Verzweiflungskomiker keine falsche Sentimentalität aufkommen.
(Falter)

In keinem Moment fehlte da die – mitunter ins Grausame umkippende – Spannung. Nirgends Leerläufe. Ganz im Gegenteil: Das perfekt aufeinander eingespielte Ensemble wusste gekonnt das Publikum in seinen Bann zu ziehen.
(Kronen Zeitung)

Regie
Herbert Föttinger

Bühnenbild und Kostüme
Rolf Langenfass

Musik
Christian Brandauer

Ludwig "Lou" Gandolf, Operettensänger
Norman Hacker

Elias Rotenberg, Schneider aus Budapest
Gideon Singer

Zsuzsa Breuer, Kontoristin
Katharina Pichler

Hannah König
Maria Urban

Jakob König, pensionierter Professor
Kurt Sobotka

Raphael Glasberg, Geiger
Aliosha Biz

Viktor Heller
Ljubiša Lupo Grujčić

Edvin Javor
Heinrich Herki

Imre Landau
Simon Dietersdorfer

Milli Moskovics
Barbara Fressner

Traudl Fasching, Bäuerin
Elfriede Schüsseleder

Stefan Fasching, Bauer
Branko Samarovski

Leopoldine Schrabacher, genannt Poldi, Magd
Daniela Golpashin

Anton Hochgatterer, Dorfgendarm
Toni Slama

Edi Kropfitsch, Hitlerjunge
Paulus Gaspari / Laurens Lukele