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Theater in der Josefstadt
Premiere: 01.03.2012

Henrik Ibsen

John Gabriel Borkman

ca. 2 Stunden, 40 Minuten, eine Pause

Der ehemalige Bankdirektor John Gabriel Borkman hatte sich einst mit den Einlagen seiner Kunden verspekuliert: Mit den für die Gründung von Aktiengesellschaften zweckentfremdeten Geldern wollte er Wohlstand für alle verwirklichen. Doch die Blase platzte und brachte Borkman für acht Jahre hinter Gitter. Weitere acht Jahre sitzt er nun schon im selbstgewählten Gefängnis, verbittert über das vermeintliche, an ihm begangene Unrecht und getrennt von seiner im gleichen Haus lebenden Frau Gunhild. An einem Winterabend kommt zum ersten Mal nach seiner Haftentlassung Gunhilds Zwillingsschwester Ella zu Besuch. Mit ihrer Ankunft wird eine Geschichte jahrzehntelang verdrängter Schuld lebendig und ein gnadenloser Kampf um den Sohn des Hauses beginnt.

"Alle Quellen der Macht in diesem Land wollte ich mir untertan machen. Alle Reichtümer der Erde, des Meeres, der Berge und Wälder mir untertan, sollten meine Herrschaft begründen, und den Wohlstand von vielen, vielen tausend Menschen."
John Gabriel Borkman

Die Erfolgsproduktion John Gabriel Borkman ist in 3 Kategorien ("Beste Schauspielerin" Nicole Heesters, "Beste Nebenrolle" Heribert Sasse sowie "Beste Regie" Elmar Goerden) für den Nestroy 2012 nominiert.

Mit Ibsens "John Gabriel Borkman" gelang Regisseur Elmar Goerden ein glanzvoller Einstand. Dem Bankiersdrama verhilft er auch dank edler Besetzung zu einem Meisterstück der Verblendung. [...] Regisseur Elmar Goerden hegt bei seinem Josefstadt-Debüt immense Achtsamkeit gegenüber den Charakteren in Henrik Ibsens Kapitalisten-Drama John Gabriel Borkman. Mit großer Zuwendung stiftet er Persönlichkeiten, die die Ibsensche Kühle ganz und gar gegenwärtig ausstrahlen. [...] Elmar Goerden gibt Luft; es gelingt ihm, der Düsternis in Ibsens Drama einen Witz abzuringen, der die maßlosen Ansprüche der Beteiligten in die Schranken weist: Maria Köstlinger (Frau Wilton) bläst den abgestandenen Geist dieser nur an sich selbst interessierten Familienmitglieder einmal mit Hochgeschwindigkeitsnorwegisch hinaus. Dieser Borkman ist stimmig bis ins Detail. Nicht zuletzt haben die Ausstatter (Ulf Stengl und Silvia Merlo) bewiesen, dass die Kunst des norwegischen Designs nicht ausschließlich dem Burgtheater vorbehalten ist: Im edelsten Stil geht diese Familie unter.
(Der Standard)

Es existiert also doch, das große Schauspielertheater! Für Henrik Ibsens "John Gabriel Borkman" hat das Theater in der Josefstadt ein nahezu perfektes Ensemble gefunden: Nicole Heesters, Andrea Jonasson und Helmuth Lohner beweisen es in brillanter Form, [...]. Der Anfang ist das Größte des Abends: Das Zusammentreffen der Schwestern Gunhild (Borkman) und Ella wird zu einer Tragödie mit grotesken Zügen. Brilliant agieren dabei Nicole Heesters und Andrea Jonasson! [...] Helmuth Lohner als John Gabriel, als herumwandernder "Wolf" im Obergeschoß zeigt einiges an Skurrilität: Sein Aufbruch in die Zukunft mit Erhart (der ebenso scheitert wie die Pläne der Frauen) wirkt wie letztes Aufbäumen: ein müdes Raubtier, das sich zum Sterben auf wertlose Bankpapiere bettet. Jedenfalls zeigen die drei Josefstadt-Gäste, was Theater auch kann: ohne szenische Monstrositäten zu fesseln.
(Kronen Zeitung)

Wer da noch über Stilfragen mutmaßt, über konservatives oder progressives Theater, der muss mehr als die vierte Wand vor dem Kopf haben: Die "Josefstadt" - ja, die - zeigt die berauschend unprovinzielle Inszenierung eines großen Werks der dramatischen Weltliteratur und bietet dafür ein Ensemble internationalen Formats auf. Nichts wäre verlockender, als "Borkman" zu aktualisieren. Ein wegen größenwahnsinniger Transaktionen eingesperrter, aber keineswegs schuldeinsichtiger Bankdirektor, der nach der Freilassung seine einsamen Vergeltungsfantasien bis zum Wahnsinn repetiert: Das kennen wir doch. Nein, nicht so, wie Elmar Goerden es auf Ulf Stengls und Silvia Merlos karge Bühne stellt. Keine Verzwergung ins Elsner-Format ist da zu beklagen. Helmuth Lohner verwandelt sich, unvergesslich, in einen fragilen Gewalttäter, einen Riesen vor dem Sturz in Wahn und Tod, wie Ibsen selbst es in seinen letzten Jahren war. Und die fulminante Konversationskomödie, mit der Nicole Heesters und Andrea Jonasson als im Hass verbundenes Zwillingspaar die Aufführung eröffnen! Der kabinettstückhaft perfekte Auftritt Heribert Sasses in einer kleineren Rolle, Maria Köstlinger, Martin Bretschneider, Raphaela Möst: aufregendes Theater in formaler und schauspielerischer Vollendung.
(News)

Josefstadt: Ein fulminanter Helmut Lohner! Präzise gearbeitet, perfekt gespielt, heftig beklatscht: Ibsens "John Gabriel Borkman" konnte überzeugen. [...] Im Theater in der Josefstadt wird Ibsens vorletztes Werk nun in der Regie von Elmar Goerden und in absoluter Luxusbesetzung gezeigt. Eine Konstellation, der zu danken ist, dass in der tragischen Geschichte vornehme Komik Platz findet. Ibsen, halbwegs heiter? Das geht. Sehr fein sogar. Denn Helmuth Lohner ist ein fulminanter, auch furioser Borkman. Eine Elsner-Zwettler’sche Figur, nie angekränkelt vom Gedanken Schuld auf sich geladen, anderen Schaden zugefügt zu haben. Nein, er ist doch der Gekränkte, dieses Abziehbild des einstigen Machers, eingeigelt in seiner Lebenslüge, vom Altersstarrsinn langsam in den Wahnsinn kippend. Umrahmt wird diese schleichende Selbstdekonstruktion von zwei brillanten Diven, zwei bösartigen Königinnen: Nicole Heesters als Borkmans Frau Gunhild und Andrea Jonasson als ihre Schwester und Borkmans erste Liebe Ella. Sie war auch sein erster Verrat, sein Gefühl für Macht stärker als alles, was er für sie empfand. Heesters und Jonasson fighten, was das Zeug hält. Erstere geht zynisch, kalt, hartherzig in Verteidigungsposition; Zweitere greift demonstrativ ruhig an. Die Tatsache, dass sie sterbenskrank ist, ist ihr Leid-Motiv genug. Das Handtuch, das heißt: Eigentlich die Strickweste werfen, geht schon – der Rivalin mitten ins Gesicht. Präzise hat man an den Rollen und solchen Szenen gearbeitet. [...] Für Ibsens psychologische Untertagesituation schufen Ulf Stengl und Silvia Merlo das exakte Bühnenbild. Ein Bunker, grau, leer, ein Bergwerkstollen für kaputte Seelen, durch den die Einsamkeit weht. [...] Maria Köstlinger macht aus Erharts Geliebter Fanny Wilton eine originelle, lebenshungrige, mitreißende Mittdreißigerin. Und zeigt mit einer skandinavischen Schimpftirade, dass sie gleich dem Autor Wurzeln im hohen Norden hat. Viel Applaus für alle. Zu Recht.
(Kurier)

Elmar Goerden ist am Donnerstag eine Inszenierung gelungen, die sogar das Ironische, Lächerliche der Situation hervorhebt, während das platte Gesellschaftskritische diskret bleibt. Der Beginn überzeugt, mit Nicole Heesters als frustrierter, schlicht gekleideter Gunhild in böser Bitterkeit. [...] Jonasson gibt eine Frau mit Herz und Verletzlichkeit, die Konfrontation der Schwestern wird mit Klasse vorexerziert, mit Gesten der Erniedrigung und Beleidigung. [...] Eine eindringliche Vorstellung im Charakterfach bietet auch Helmuth Lohner in der Titelrolle. [...] Richtig interessant wird dieser Borkman aber im Zusammenspiel mit dem Hilfsschreiber Vilhelm Foldal. Ihn könnte man auf das Unterwürfige fixieren, Heribert Sasse gelingt jedoch in dieser Rolle Außerordentliches. Er lässt durchblicken, dass er Borkman sehr wohl richtig einzuschätzen weiß, nämlich als Narr, der glaubt zu schieben und selbst geschoben wird. In den Dialogen dieses Altmänner-Duos erhält das Drama etwas Bitter-Ironisches und in den besten Momenten sogar Aberwitzig-Komisches. Was für ein Alpha-Männchen wird hier vorgeführt!
(Die Presse)

Durch die neue zeitliche Verortung des Stücks tritt der Generationenkonflikt deutlicher zu Tage. Die sexuelle Befreiungsbewegung der späten 60er Jahre schimmert durch, wenn Erhart mit Fanny Wilton (Maria Köstlinger) durchbrennt, zudem wirkt der Liebesverrat, den Borkman an beiden Schwestern begeht, vordergründiger. Regisseur Goerden beweist Feingefühl für die psychologischen Nöte der Figuren, die sich gegenseitig das Leben verpfuschen, eiskalt gehen die beiden Schwestern aufeinander los, voller Neid und Missgunst. [...] Herzenswärme und eine Leidenschaft [...] flackert indes bei der letzten Begegnung von Borkman und Ella auf, dem ehemaligen Liebespaar. Nicht nur in dieser Szene glückt den Darstellern präzise Schauspielkunst. Das Ensemble vermag dem Trauerspiel sogar komische Augenblicke abzutrotzen, etwa wenn Heribert Sasse als Borkmans einzig verbliebener Freund den Abwasch tätigt und eine Jause vorbereitet: alltäglicher Aberwitz im Angesicht der omnipräsenten Katastrophen.
(Wiener Zeitung)

Und sagen wir gleich, was das Beste an diesem Josefstädter Abend ist: Die Verkörperung der Titelfigur durch Helmuth Lohner. Der elegante Herr macht nämlich ohne weiteres ein Monster begreiflich, was gleichzeitig zur Meisterstudie eines Überzeugungstäters wird, der von keinem Quentchen Einsicht gequält wird. Er hat Menschen geopfert, um seine Machtspiele treiben zu können, er ist als Inbegriff einer kapitalistischen Gesellschaft stur seinem Traum von Macht und Geld gefolgt, und er stirbt mit der großen Pose eines Lear auf sturmumtoster Heide, ohne etwas begriffen zu haben. Dass aus Lohners fragiler Entscheidung so viel negative Kraft erwachsen kann, das ist das Erlebnis des Abends. [...]
(Der neue Merker)

[...] Der tief Gefallene zieht sich in die Isolation zurück. Diesen verbitterten, überheblichen, gefühlskalten Ex-Bankier spielt Helmuth Lohner, das Ur-Gestein der Josefstadt, in einer irritierenden, bisweilen schrulligen Mischung aus todesnaher Zerbrechlichkeit und Spucke sprühender Leidenschaft. [...] Wunderbar fein inszeniert ist der erste Akt, als sich beide Schwestern ihre Verachtung durch übertriebenen Ordnungssinn zeigen: Ständig zupfen sie an ihrem Gewand herum, wischen pedantisch über die Stelle, wo die andere gerade gesessen hat. Alles ist potenziell verschmutzt. [...] In einer schönen Nebenrolle brilliert Heribert Sasse als einziger Freund, den Borkman noch hat: den Hilfsschreiber Vilhelm Foldal. [...]
(Nachtkritik.de)

[...] Nicole Heesters und Andrea Jonasson werden von der Regie ganz auf ungleiches Paar getrimmt. Fahrig und zappelig verteidigt Gunhild mit energischen Gesten jeden Quadratzentimeter Eigenheim gegen ihre reiche Schwester, die ruhig und demonstrativ leidend ihre Fäden zu ziehen versucht. Helmuth Lohner stattet seinen tief verletzten Borkman mit einem langsam in den Wahnsinn kippenden Altersstarrsinn aus und lässt dabei weniger den skrupellosen Wirtschaftsverbrecher als den gescheiterten Nietzscheanischen Übermenschen erkennen, der die Menschen zu ihrem Glück zwingen wollte. [...] Maria Köstlinger brilliert nicht nur mit Schwedisch-Kenntnissen, sondern macht aus Frau Fanny Wilton, die Erhart als um sieben Jahre jüngeren Liebhaber nach Rom entführt, eine originelle Figur voller frecher Lebenslust.
(APA)

[...] der Regisseur Elmar Goerden hat für sein Starensemble nur vordergründig den bürgerlichen Innenraum des klassischen Schauspielertheaters arrangiert. All die kühlen Gebrauchsmöbel, die abgenutzten Unbequemsessel, die immer schon hässlichen Flechtstühle und abwischbaren Beistelltische werden nämlich zwischen den Szenen von der Haustechnik weggeräumt, während die Schauspieler noch als Zombies in ihrer Seelenkulisse hockenbleiben. Am Ende ist die ganze Innenarchitektur futsch. Und Borkman und die beiden Schwestern erfrieren vor kahlen Bühnenwänden zwischen Papierschnipseln und Aktenordnern. Bitter kalt ist es im Land der Bilanzen. [...] Ibsen flog übers Kuckucksnest - dem passt sich auch Heribert Sasses Vilhelm Foldal mit wundervoll zerkauten Satzbrocken und Hoffnungsblicken an, indem er aus einem Matrizenmann einen rührenden Romantiker modelliert. Und Lohners outriertes Sprechen mit den rollenden Augen und rollenden Konsonanten und verstrubbelten Resthaaren eines alten Mimen erinnert bald schon an einen dieser Lebensverlierer, die man auch an einem Tresen in Ottakring oder Favoriten treffen könnte, einen gescheiterten Operettentenor mit seinen immer gleich übertriebenen Geschichten vom knapp verfehlten Gelingen. Das ist, wenn Lohner mit den Armen wedelt und seine Sätze nur mehr leise brabbelt und ins Nichts schaut oder wienerisch bitterböse die Mitmenschen anwinselt, ungemein schmierig - und gerade darum nicht mal unpassend. Oder Nicole Heesters, die als verhärmte Horrormutter irgendwann nur noch aggressiv an allem herumzupft, als ob ihre Welt voller Krümel wär. Oder Andrea Jonasson, die als formvollendeter Todesengel durchs Chaos stöckelt, als hätte sie sich vom Boulevard in einen Beckett- oder Ionesco-Klamauk verirrt. Mit all diesen kleinen und weniger kleinen Verfremdungen - einmal verfällt die aufgekratzte Halbschwedin Maria Köstlinger gar wie aus Jux ins skandinavische Original - führt der Dompteur Goerden mit feinem Sinn für Komik und sehr einfühlsamen Streichungen vor, dass diese norwegische Bürgerwelt so gar nichts Naturalistisches oder Psychologisches hat, sondern nur als Versuchsanordnung dient für ein absurdes Perpetuum mobile von Lebensläufen.
(FAZ)

Regie
Elmar Goerden

Bühnenbild
Ulf Stengel / Silvia Merlo

Kostüme
Lydia Kirchleitner

Musik
Matteo Fargion

John Gabriel Borkman, ehemaliger Bankdirektor
Helmuth Lohner

Frau Gunhild Borkman, seine Frau
Nicole Heesters

Erhart Borkman, deren Sohn, Student
Martin Bretschneider

Ella Rentheim, Gunhilds Zwillingsschwester
Andrea Jonasson

Frau Fanny Wilton, ein junge Witwe
Maria Köstlinger

Vilhelm Foldal, Hilfsschreiber
Heribert Sasse

Frida Foldal, seine Tochter
Raphaela Möst