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Theater in der Josefstadt
Premiere: 26.11.2009

Christopher Hampton nach Ödön von Horváth

Jugend ohne Gott

Uraufführung

Eine süddeutsche Kleinstadt, 1935. Während eines vormilitärischen Lagers, das der Lehrer mit seiner Schulklasse besucht, wird der Schüler Neumann ermordet, Sohn aus reaktionärem Elternhaus, der in einem Aufsatz rassistische Bemerkungen geschrieben hat. Der Verdacht fällt sofort auf den Schüler Ziegler, der kurz vorher mit Neumann handgreiflich wurde, weil er durch ihn sein Kästchen aufgebrochen glaubte, in dem er sein Tagebuch mit seinen "innersten Geheimnissen" unter Verschluss hielt, unter anderem sein Liebeserlebnis mit einem Mädchen namens Eva, die zu einer jugendlichen Diebesbande gehört.

Erst während der Gerichtsverhandlung ringt sich der Lehrer zu dem Geständnis durch, dass er selber, um einem Lagerdiebstahl auf die Spur zu kommen, das Kästchen aufgebrochen hatte. Durch dieses Wahrheitsbekenntnis ermutigt, eröffnet Eva dem Gericht, sie sei bei der Tat zugegen gewesen, aber weder Ziegler noch sie hätten Neumann ermordet, sondern ein plötzlich hinzukommender Junge habe ihn hinterrücks mit einem Stein erschlagen. Das Gericht nimmt ihr diese unwahrscheinliche Version des Hergangs nicht ab und lastet ihr das Verbrechen an. Als der Lehrer den einzigen Hinweis des Mädchens auf den "großen Unbekannten" - er habe "helle, runde Augen. Wie ein Fisch" - hört, beginnt er, nach der Wahrheit zu suchen…

Horváths Roman sollte ursprünglich unter dem Titel "Das Zeitalter der Fische" erscheinen - eine Anspielung auf die Mitläufer des nationalsozialistischen Regimes, emotionslos und kalt, nie aus dem schützenden Schwarm herausschwimmend, ohne eigenständiges Denken der allgemeinen Propaganda folgend. "Es ist ein Buch gegen die geistigen Analphabeten…"(Horváth).

Vordergründig ist "Jugend ohne Gott" eine Kriminal- und Mordgeschichte im frühen Nazi-Deutschland, in einer Atmosphäre, die noch durch Inflation, Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit geprägt ist. Der Lehrer selbst hat als Jugendlicher den ersten Weltkrieg miterlebt und währenddessen seinen Glauben an einen Gott verloren. "Es war im Krieg, da habe ich Gott verlassen… Gott ist schrecklich, aber ich will ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Mit meinem freien Willen." Auf schmerzhafte Weise wird der Lehrer eines Besseren belehrt. Die Suche nach Wahrheit führt zu einer eigentümlichen Rückkehr zum Glauben und zu Gott.

Der Roman erweist sich als eine stark autobiographische Identitätssuche; die Versuchung, durch Anpassung die eigene Existenz zu sichern, weist aus der Geschichte in unsere Gegenwart. "Aus den Schlacken und dem Dreck vergangener Generationen steigt eine neue Jugend empor. Der sei mein Buch geweiht!"

1937 geschrieben, in einem holländischen Exil-Verlag erschienen, wurde Horváths Roman ein großer Erfolg und rasch in viele Sprachen übersetzt. In Deutschland wurde das Buch im Januar 1938 wegen "pazifistischer Tendenzen" auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt. Als dann auch in Österreich die Hakenkreuzfahnen aufgezogen wurden und Demonstrationen den "Anschluss" bejubelten, floh Horváth, nun ein Emigrant, in die Schweiz und begann, an einem neuen Roman zu arbeiten: "Adieu, Europa!". Eine Reise nach Paris wurde ihm zum Verhängnis: Horváth starb unter einem herabfallenden Ast während eines kurzen Gewitters auf den Champs-Elysées, nach Gesprächen über eine geplante Verfilmung seines erfolgreichsten Romans "Jugend ohne Gott". 

Der britische Autor Christopher Hampton erhielt den Oscar für das Drehbuch von "Gefährliche Liebschaften" und war für den Oscar für sein Drehbuch zu "Atonement" ("Abbitte") nominiert. Die Dramatisierung von Horváths Roman "Jugend ohne Gott" ist ein Auftragswerk für das Theater in der Josefstadt.

Regie
Torsten Fischer

Musik
Konstantin Wecker

Bühnenbild und Kostüme
Herbert Schäfer / Vasilis Triantafillopoulos

Der Lehrer
Cornelius Obonya

Robert Ziegler
Simon Dietersdorfer

Otto Neumann
Martin Hemmer

Franz Bauer
Rafael Schuchter

Dieter Trauner
Ferdinand Stahl

Heinrich Reiss
Mathias Erich Gruber

Arno Feuerbach
Uwe Dreysel

Ein Schüler
Martin Zlabinger

Der Pfarrer
Michael Rastl

Julius Cäsar
Martin Zauner

Eva
Silvia Meisterle

Der Präsident des Jugendgerichts
Kurt Sobotka

Der Verteidiger
Peter Scholz

Der Staatsanwalt
Christian Futterknecht

Der Direktor
Peter Moucka

Ein Feldwebel / Ein Kommissar
Friedrich Schwardtmann

Herr Neumann, Bäckermeister
Alexander Waechter

Frau Ziegler
Therese Lohner

Frau Neumann
Susanna Wiegand

Frau Trauner
Elfriede Schüsseleder

Der Diener im Hause Trauner
Hans Wolfgang Pemmer

Nelly, eine Prostituierte
Eva Mayer

Lola, eine andere Prostituierte
Barbara Fressner