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Theater in der Josefstadt
Premiere: 13.09.2012

Ödön von Horváth

Kasimir und Karoline

ca. 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Unter einer Wiesenbraut versteht man in München ein Fräulein, das man an einem Oktoberfestbesuch kennen lernt, und zu dem die Bande der Sympathie je nach Veranlagung und Umständen mehr oder weniger intimer geschlungen werden. Meistens wird die Wiesenbraut vom Standpunkt des Herrn aus gesehen - aber die Geliebte samt der Sehnsucht, die in der Wiesenbraut lebt, werden selten respektiert.

Oft will die Wiesenbraut nur lustig sein und sonst nichts, häufig will sie sonst auch noch etwas; nie aber denkt sie momentan materiell. Aber in der Wiesenbraut lebt häufig die Sehnsucht, dass es immer ein Oktoberfest geben soll; immer so ein Abend; immer eine Achterbahn; immer die Abnormitäten; immer Hippodrom im Kreise.

Seit es eine Oktoberfestwiese gibt, seit der Zeit gibt es eine Wienenbraut. Die Wiesenbraut verlässt die Ihren, verlässt ihr Milljöh - geht mit Herren, die sie nicht kennt, interessiert sich wenig für den Charakter, mehr für die Vergnügungen.

Die Wiesenbraut denkt nicht an den Tod.

Die Wiesenbraut opfert ihren Bräutigam, sie denkt nicht, sie lebt. Sie verliert ihre Liebe wegen einem Amüsement.

Sie vergisst wohin sie gehört. Und der Kreis um die Wiesenbraut empfindet diese Störung. Er gerät durcheinander aus Enttäuschung. Aber bald ordnet sich wieder alles - und die Wiesenbraut ist ausgeschaltet. Nur im Märchen bekommt die Wiesenbraut einen Prinzen. In Wahrheit versinkt sie in das Nichts sobald die Wiese aufhört. Sie lebt auf der Wiese. Auch sie ist nur ein Produkt der Wiese. Ihrer Umgebung. Trotz Seele und Fleisch, Liebe und Sehnsucht.

Es ist überhaupt keine Satire, es ist eine Ballade vom arbeitslosen Chauffeur Kasimir und seiner Braut mit der Ambition, eine Ballade voll stiller Trauer, gemildert durch Humor, das heißt durch die alltägliche Erkenntnis: "Sterben müssen wir alle."

Ödön von Horváth

Kann es so etwas wie eine ideale Horvath-Inszenierung geben? Vermutlich nicht. "Kasimir und Karoline" in der Regie von Georg Schmiedleitner kommt dem Ideal aber sehr, sehr nahe. Er macht praktisch alles richtig. Seine Inszenierung, die gestern, Donnerstag, Abend im Theater in der Josefstadt Premiere hatte, ist hart und unsentimental, zeitlos modern statt folkloristisch, lässt der Sprache Raum zur Entfaltung, hat den richtigen Rhythmus und ist dennoch kaum länger als 90 Minuten. Dazu gibt es ein beeindruckendes Ensemble und eine tolle Bühne, die jeglichen Oktoberfest-Kitsch ausspart und sich dafür mit Glaskrügen füllt, in denen Bierreste vor sich hin gären. Statt Achterbahn, Hippodrom und Hau-den-Lukas hat Harald Thor einen hohlen, multifunktionalen Wunder-Würfel auf die Bühne gestellt - oder besser: gehängt. Denn der nach vorne offene, weiße Kubus, dessen Innenflächen mit dimmbaren Glühlampen übersät sind, schwebt an Stahlseilen über dem Boden, bietet in unterschiedlichen Höhen unterschiedliche Spielmöglichkeiten und kann bei erhöhtem Alkoholpegel auch bedrohlich in Schieflage geraten. Auch die Kostüme von Alfred Mayerhofer vermeiden jede klare Zuordnung. "Man muss das immer trennen: die allgemeine Krise und das Private", sagt Karoline. Dieser Anspruch geht zu allen Zeiten schief, nicht nur in den 1920/30er-Jahren, als dieses Volksstück entstand, das einen tiefen Blick in die Seele des "Volkes" wirft. Über dem Treiben liegt eine explosive Atmosphäre von Sex und Gewalt. Für den Sex sorgt vor allem eine phänomenale Katharina Straßer als lebenslustige Karoline, die sich auf der Wiesn von ihrem arbeitslosen Bräutigam die Stimmung nicht verderben lassen will und selbstbewusst genug ist, ganz alleine entscheiden zu wollen, wie nahe sie die übrigen Männer an sich ranlässt. Die sind sowieso schon unter Strom. Die sich zuspitzende soziale Lage sorgt für erhöhte Nervosität und latente Gewaltbereitschaft. Auch den soeben entlassenen Chauffeur Kasimir (sehr stark: Harald Windisch) juckt es gehörig in den Fingern, um seine angestaute Wut rauszulassen. Doch während sein auf die schiefe Bahn gerutschter Freund, der Merkl Franz (Thomas Mraz), sich vor allem an seiner Erna (erbarmungswürdig: Gerti Drassl) abreagiert, rührt Kasimir seine Karoline nicht an, sondern hält sich lieber an den aus dem Nichts aufgetauchten Kavalier an der Seite seiner Braut, den Zuschneider Schürzinger (zielbewusst und opportunistisch: Peter Scholz). Die Gewalteruptionen dieses brodelnden Vulkans sind die einzige kleine Schwachstelle des ansonsten mustergültigen Abends: Zu häufig wird auf Gerangel statt auf klare Aktion gesetzt. Kein Handgemenge erzeugt jedoch solchen Eindruck wie jene kurze Machtdemonstrationen, die schon Horvath in seine Regieanweisungen geschrieben hat: Wenn Merkl seiner Erna Bier ins Gesicht schüttet, dann herrscht für einen Augenblick Totenstille im Raum. Auch mit den berühmten stillen Momenten zwischen den phrasenhaften Versuchen der Menschen, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, geht Schmiedleitner, der sich schon 2008 mit "Geschichten aus dem Wiener Wald" im Volkstheater Wien und zehn Jahre zuvor mit "Glaube Liebe Hoffnung" an den Kammerspielen Linz als Horvath-Spezialist profilierte, vorbildlich um. "Ich denk ja gar nichts, ich sag's ja nur!", sagt Karoline, und diese Diskrepanz findet immer wieder ihren Ausdruck. Blechbläser Clemens Hofer sorgt dann, wenn es nicht still sein soll, für stimmige, ganz unschunkelige Livemusik auf der Bühne. Nicht nur die Protagonisten des Abends beeindrucken durch intensives Spiel und innige Wahrhaftigkeit, auch an den Rändern der Aufführung tut sich Erfreuliches: Heribert Sasse fühlt sich als Saubär Rauch ganz säuisch wohl, wesentlich steifer agiert da der - für seine Rolle eindeutig zu junge - Hausherr Herbert Föttinger als ebenfalls notgeiler Speer, der den zwischen Amüsement und Prostitution wandelnden Mädchen (Johanna Wolff und Michaela Schausberger) nachsteigt. Am Ende haben sich zwei neue Paare gefunden. "Es geht besser, immer besser", zitiert Schürzinger angelesene Weisheiten. Und jeder weiß: Eine glatte Lüge. Was nicht für die Aufführung gilt, die zwar viel Applaus erhielt, sich jedoch Ovationen verdient hätte. Besser geht' nämlich fast nicht.
(APA)

Rasant und einfallsreich inszeniert. Ensemble, Bühnenbild und Musik - alles ist hier stimmig. die gut neunzig Minuten sind hervorragend gemacht und haben große Sogwirkung, das Ensemble ist bestens besetzt. Die Schauspieler beherrschen die Klaviatur an Zwischentönen in bester Weise.
(Die Presse)

Eine grandios grausame Inszenierung. Schon lange nicht mehr spielte die Straßer so gut. Zwischen Naivität und der Berechnung, einen "besseren Herren" zu ergattern, taumelnd, lässt sie sich von den Männern wie eine Puppe über die Bühne zerren.
(Kurier)

Straßer und Windisch bilden ein wunderbares Paar entgeisterter Menschen, die den Kampf mit der Krise wie Freischärler führen.
(Der Standard)

Brecht ist zurück, und Horváth war nie fort. Was von Konjunkturbanalisten schon für überholt erklärt worden war, ist plötzlich eine exaktere Diagnose zur Krise, als Politik oder Wirtschaft sie je zu stellen vermöchten. "Kasimir und Karoline" erzählt von den Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf das Leben eines jungen Paars. Doch selbst im Zustand der sozialen Entwertung ist der Chauffeur Kasimir noch ein König, vergleicht man ihn mit seiner Braut Karoline, die sich immer vermögenderen Herren andient. Georg Schmiedleitner inszeniert das hart, gerade und unter Verzicht auf jegliches Lokalkolorit. Ein grell erleuchteter Kubus ersetzt das Oktoberfest- Ambiente. Ein Mensch inmitten von Fratzen: So hat der Dramatiker mit dem großen Herzen für Frauen die Rolle der Karoline gesehen. Katharina Straßer zeichnet eine starke, klare, bewegende Figur. Harald Windisch wird deutlicher als sonst der hässlichen Männerwelt zugezählt. Die ist durch Heribert Sasse und Herbert Föttinger glänzend repräsentiert.
(News)

Regie
Georg Schmiedleitner

Bühnenbild
Harald Thor

Kostüme
Alfred Mayerhofer

Musik
Clemens Hofer

Speer
Herbert Föttinger

Kasimir
Harald Windisch

Karoline
Katharina Straßer

Rauch
Heribert Sasse

Schürzinger
Peter Scholz

Der Merkl Franz
Thomas Mraz

Dem Merkl Franz seine Erna
Gerti Drassl

Elli
Johanna Wolff

Maria
Michaela Schausberger

Eine Person / Der Schutzengel / Der Sanitäter
Friedrich Schwardtmann