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Kammerspiele der Josefstadt
Premiere: 20.02.2014

Yasmina Reza

KUNST

ca. 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Serge hat sich ein monochromes Bild gekauft, ein weißes Bild mit weißen Streifen. Ein heftiger Konflikt entsteht, da Serges Freund Marc den Kauf des teuren Bildes nicht tolerieren will. Auch Yvan, dem dritten und stets um Neutralität bemühten Freund, gelingt es nicht zwischen den beiden zu vermitteln. Subtil beschreibt Yasmina Reza, wie durch den Kauf eines monochromen Bildes nicht nur die Befindlichkeiten der drei Männer hinterfragt werden, sondern auch ihre langjährige Freundschaft, ja ihr gesamtes bisheriges Dasein, auf den Prüfstand gestellt wird.

Das Drama von "KUNST" ist ja nicht, dass Serge das weiße Bild kauft, sondern dass man mit ihm nicht mehr lachen kann. Die Geschichte ist mir passiert mit einem Freund, der ein weißes Bild gekauft hat. Er ist Dermatologe, und ich habe ihn gefragt: "Wieviel hast du dafür bezahlt?" Und er hat geantwortet: "Zweihunderttausend Francs". Und ich brüllte vor Lachen. Er allerdings auch. Wir sind Freunde geblieben, weil wir lachten. Als er das Stück las, lachte er auch. Es hinderte ihn nicht daran, sein Bild weiterhin zu lieben.
(Yasmina Reza)

Yasmina Reza wurde durch ihre Stücke "KUNST", "Drei Mal Leben" und "Der Gott des Gemetzels" in den vergangenen Jahren zu einer der weltweit meistgespielten zeitgenössischen Dramatikerinnen. "KUNST" wurde 1994 in Paris uraufgeführt und schnell zu einem Welterfolg. Es erhielt mehrere Preise (Molière, Tony Award, Laurence Olivier Award) und wurde bisher in 40 Sprachen übersetzt.

1996 wurde die österreichische Erstaufführung von "KUNST" mit André Pohl, Herbert Föttinger und Martin Zauner zu einem Publikumshit.
18 Jahre später geht die Originalbesetzung der umjubelten Produktion wieder an den Start.

Jeder möchte die Kunst verstehen. Warum versucht man nicht, die Lieder eines Vogels zu verstehen? Warum liebt man die Nacht, die Blumen, alles um uns her, ohne es durchaus verstehen zu wollen? Aber wenn es um ein Bild geht, denken die Leute, sie müssen es verstehen… Menschen, die Bilder erklären wollen, bellen für gewöhnlich den falschen Baum an.
(Pablo Picasso)

Das Trio Föttinger, Pohl und Zauner gestaltet Rezas treffendes und entlarvendes Stück als kurzweiligen, schnellen Abend auf höchstem schauspielerischem Niveau, der mit genialen Dialogen, viel Wortwitz und jeder Menge Schmunzel- und Lachgelegenheiten glänzt. Ob bei einem minutenlangen Monolog - mit kaum einem Luftholen - über die Krise der Hochzeitseinladungen, die reflektierenden ins Publikum gewandten Selbst- und Fremdbeschreibungen der drei Freunde oder die wunderbare Mimik beim Betrachten des Kunstwerks: Immer wieder ernteten die Schauspieler Zwischenapplaus und langes, lautes Gelächter.
(APA)

Föttinger gibt den zu Geld gekommenen Arzt Serge, der, um sich seines Status’ zu versichern, "um 200.000" (Euro? Francs? Kaurimuscheln?) ein weißes Bild auf weißem Grund kauft, mit genau jener Ernsthaftigkeit, die große Komödie braucht. Hinreißend verzweifelt spielt André Pohl den ein wenig spießigen Marc, den das monochrome Bild empört, weil es symbolisch für das Auseinanderdriften einer Freundschaft steht. Martin Zauner ist als zwischen den Streithähnen ungeschickt vermittelnder Ivan ein wunderbar trauriger Clown, er sammelt virtuos Lacher ab.
(Kurier)

Ein feiner, humorvoller Abend.
(Falter)

Heißt es im Stück, das nicht nur witzig ist, sondern auch poetische und existenzielle Momente hat. Die Jugend schwindet, was bleibt? Nichts?
Föttinger, Pohl, Zauner in Bestform
Witziges Stück mit poetischen und existenziellen Momenten. Folke Braband, der Berliner hat die famose "Ladies Night" in den Kammerspielen inszeniert, erlaubt kein eitles Aufdrehen des Tons, sondern animiert die drei Schauspieler zu trockener Wahrhaftigkeit. Der elegante Arzt Serge (Herbert Föttinger) dilettiert als Kunstfreund, vermutlich auch, um in gehobene Kreise zu kommen und seine Karriere zu fördern.
Grob stört der Aeronautik-Ingenieur Marc (herrlich schrullig: André Pohl) Serges Egotrip, er lacht über seine Erwerbung und noch mehr über den exorbitanten Preis. Jetzt gibt auch noch der im Grunde ganz liebe Yvan (hinreißend: Martin Zauner) seinen Senf dazu, der stark unter Druck steht, weil er heiraten soll und sich mit dem hysterischen Frauengeschwader seiner Patchworkfamilie herumschlagen muss. Amüsant.
(Die Presse)

Einst waren sie Yuppies, nun sind sie gesetzter, reifer und kantiger. Föttinger, am wenigsten gealtert, genießt als Vertreter der Erfolgsgeneration guten Wein. Kunst ist für seinen Serge vor allem ein Statussymbol.
Marc fühlt sich und seine Werte durch den Kauf des Bildes (es könnte heute auch ein weißer Cayenne sein) verraten: André Pohl brilliert mit intellektueller Überheblichkeit bei gleichzeitiger Borniertheit. Er lacht nicht, er lächelt nur maliziös. Bei einem solchen Freund wie Pohls verbissenem Marc braucht man keine Feinde mehr. Föttinger aber weiß sich mit zynischen Anspielungen zu helfen, die auch Serge ziemlich unsympathisch erscheinen lassen.
Zwischen den Fronten agiert Martin Zauner als Yvan, der sympathisch-tollpatschige Loser. Wenn sein Yvan die Fassung verliert, dann beben die frisch renovierten Kammerspiele. Großer Applaus.
(Der Standard)

Vor knapp zwei Jahrzehnten waren die drei Darsteller in ihren Dreißigern. Heute sind sie in ihren Fünfzigern, wenn man auch allen Dreien ohne Schmeichelei sagen kann, dass sie sanft gealtert sind – bei keinem würde man an einen "älteren Herren" denken, nicht einmal die "besten Jahre" fielen einem schon ein. Sie sind späte Jung Gebliebene. Und sie passen absolut perfekt in ihre Rollen.
Herbert Föttinger als der Dermatologe Serge hat das Bild gekauft. Er ist der Geschniegeltste unter ihnen, der Verdacht, dass er doch in tiefster Seele ein Angeber ist (und nicht nur ein gänzlich ernsthafter, ehrlicher Bewunderer moderner Kunst), liegt nahe. Er mag seine Freunde, mag aber auch den Status, der wohlhabendste und erfolgreichste unter ihnen zu sein. Und sucht die Anerkennung dafür.
André Pohl ist Marc, der Intellektuelle, der sich gerne überlegen fühlen möchte. Dass er trotzdem nicht unsympathisch wird und dass er mit aufrichtig verwundetem Herzen um seine Freundschaft kämpft, macht seine Leistung so wunderbar.
Aber die beste Rolle ist natürlich Yvan, der naive Underdog, und wie Martin Zauner hier immer liebenswürdig sein will (weil er es eben ist) und dabei Gefahr läuft, zwischen den beiden anderen starken Persönlichkeiten zerrieben zu werden, ist einfach hinreißend. Jeder will ihn auf seine Seite ziehen, er möchte keinen der Freunde verraten, und wenn er Pech hat, fungiert er als Punchingball und wird von beiden geprügelt. Kein Wunder, dass ihm manchmal die Tränen kommen, und da gibt es dann im allgemeinen brüllenden Gelächter tatsächlich Elemente der Rührung.
Folke Braband hat in der schlichten, stimmigen Ausstattung von Ulf Stengl inszeniert, punktgenau auf Pointen und Emotionen – wenn man da die drei Richtigen loslässt, dann kann einfach nichts passieren. Vielmehr: nur Gutes.
(Der neue Merker)

Drei Spitzenschauspieler, ein kurzweiliger, charmanter Abend.
(Österreich)

Pohl ist ein herrlicher Marc. Ein Wahrheitsfanatiker, der höflich sein will, aber es trotz allem Sich-auf-die-Zunge-Beißens nicht kann. Pohl changiert zwischen zynisch und süffisant, zwischen spöttelnd und überheblich. Und ist eigentlich doch nur in Sorge um Serge, mit dem er glaubt nicht mehr Lachen zu können. Den Serge gibt Föttinger, beruflich ein Macher, wie es schon sein Tonfall ausweist, ein Liebender, wenn es um Bilder geht, bald ein gekränkter Unverstandener. Die Sorge ums Lachen gibt er an Marc zurück, wie sich überhaupt die beiden Charaktere in ihrer Verschiedenheit allzu ähnlich sind. Mit heiligem Eifer versuchen Pohl und Föttinger den jeweils anderen von ihren Ausschauungen zu überzeugen. Das endet naturgemäß im seelischen und körperlichen Infight – köstlich: Föttinger und Pohl in der denkbar ungeschicktesten Rangelei, so patschert werden wohl nur zwei Akademiker handgreiflich. Das muss naturgemäß explodieren, sobald die Debatte persönlich wird. Denn freilich ist das Gemälde bald nur noch Ablenkung von den wirklich wichtigen Themen. Es geht um Tieferliegendes, um die Frage nach dem Bestand von Freundschaft, um die Frage ob und was man dem anderen zu noch zu sagen hat nach all den Jahren. In diesem Sinne ist "KUNST" auch eine Liebesgeschichte. Einerseits der drei Männer untereinander (ausgedrückt etwa in einer kleinen Geste, in der Föttinger ausgespuckte Olivenkerne der anderen mangels Tellerchen einfach in die Hand nimmt), andererseits erfährt man in ihren Emotionsausbrüchen, was in den Jahrzehnten dazwischen lag. Von Hochzeiten bis Scheidungen. Föttinger versteht es, einen anzurühren. Fast möchte man zu ihm sagen: Alles wird wieder gut.
In den Mittelpunkt des Abends spielt sich allerdings Martin Zauner als Yvan. Zauner ist der König der Tragikomiker. Wahrhaftig ein trauriger Clown, sympathisch-zerstreut. Geil darauf, das Streitobjekt, das Bild zu sehen, dennoch eingeklemmt zwischen den Positionen. Wie ein Kind zwischen Vater und Mutter wird Yvan zwischen Marc und Serge hin- und hergeschickt, um sich die Erlaubnis für seinen nächsten Satz abzuholen. Doch er emanzipiert sich in diesem flotten Dreier. Kein Wunder, dass dieser Identifikationsfigur die Herzen aus dem Zuschauerraum zufliegen. "KUNST" ist ein großartiges Schauspielerstück mit drei formidablen Rollen. Regisseur Folke Braband hat es perfekt getimt, gekonnt die vielen kleinen Gesten, die entgleisenden Mimiken in Szene gesetzt. Silvia Merlo und Ulf Stengl schufen dazu ein monochromes Bühnenbild. Grau mit grauen Mustern. Eine Bestätigung der Ironie: Da wäre das weiße Bild sogar noch ein Farbtupfer gewesen. Denn dem geht’s am Ende an den Kragen. Oder? In den Kammerspielen ist jedenfalls eine entzückende Inszenierung mehr zu sehen. Für den Abend gibt es nur eine gültige Beschreibung: Liebenswert!
(Mottingers Meinung)

Regie
Folke Braband

Bühnenbild und Kostüme
Silvia Merlo/Ulf Stengl

Marc
André Pohl

Serge
Herbert Föttinger

Yvan
Martin Zauner