Stück auswählen:
Theater in der Josefstadt
Premiere: 06.02.2014

Heiner Müller

Quartett

ca. 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

"Wenn ich über irgendein Thema schreibe, interessiert mich nur das Skelett daran. Hier hat mich interessiert die Struktur von Geschlechterbeziehungen freizulegen und die Klischees, die Verdrängungen zu zerstören." (Heiner Müller)

1980/81 entsteht unter dem Titel "Quartett" Heiner Müllers Adaption des Briefromans "Les Liaisons Dangereuses" von Pierre Ambroise François Choderlos de Laclos. Den Stoff reduziert er auf einen Dialog zwischen dem einstigen Liebespaar Merteuil und Valmont, das sich einen spielerischen Machtkampf mit mehrfachem Rollentausch liefert, der jeder Schuldfestlegung der beiden Akteure den Boden entzieht. Im Unterschied zu Laclos, der die Darstellung des sittlichen Verderbens seiner Zeit mit einem moralischen Besserungsanspruch verbindet, interessieren Müller die Täter, die ruchlose Marquise de Merteuil und der nicht minder zynische Vicomte de Valmont, die ihre Partner lediglich instrumentalisieren. Sie sind die gegenüber den Opfern interessanteren, "moderneren" Charaktere. Müller extrahiert aus seiner Vorlage den Vernichtungskampf zwischen Mann und Frau, zeigt Terror und Gewalt im Bereich intimster menschlicher Beziehungen. (Jan-Christoph Hauschild, Schlachtfeld der Liebe)

"Während der zwanzig Jahre, die ich Heiner Müller kannte, wirkte seine Fremdheit nie beunruhigend auf mich. Sie machte mich wach, und da, wo sie mir völlig unverständlich wurde, ließ sie mich geduldig werden. Er schenkte mir zum Geburtstag einmal ein Gedicht von sich, das er fein säuberlich aufgeschrieben hatte. Darunter stand: "with affection". Die andere Sprache sollte wohl eine falsche Vertrautheit verhindern, dachte ich mir.
Müller schätzte die unterschiedlichsten, bis zur Wahllosigkeit gegensätzlichsten Situationen. Sie schienen für ihn gleichwertig, gleichgültig in des Wortes zweifacher Bedeutung zu sein, vielleicht weil seine Literatur so eindeutig von Tod und Gewalt und Macht und Untergang handelt. Mir war immer bewusst, dass ich nur eine sehr flüchtige seiner zahlreichen Anlegestellen war, ein ganz kleiner Farbtupfer auf seiner ausgedehnten bunten Fahrt durch den gespaltenen und dann gesamtdeutschen Alltag. Ich habe mich dennoch nie – wie soll ich sagen – benutzt gefühlt, denn Müller nahm sein "Material" ernst, ging feinfühlig mit ihm um und weihte auch den Partner in seine Genusssucht ein, selbst wenn man sie nicht immer unbedingt mitvollziehen wollte." (Hans Neuenfels, Das Bastardbuch)

Wie(...)soll man dann die aktuelle "Josefstadt"-Premiere kommentieren? Dass man an keinem anderen Wiener Haus ein Werk des verstorbenen Heiner Müller sehen kann? Dass sein dramatisches Hauptwerk "Quartett" vom großen Verstörer Hans Neuenfels inszeniert wird, zu dem hier niemandem sonst etwas einfällt? Dass er, nach sieben Jahren von der Oper zur Sprechbühne heimkehrend, ein Lehrstück vorlegt: wie man eine Bühne leerräumt, um die atemlose Aufmerksamkeit derer, die hören können, auf einen genialen Text und zwei große Schauspieler zu konzentrieren?
Elisabeth Trissenaar und – unvergesslich, ereignishaft – Helmuth Lohner sind eine wahre Starbesetzung, und die Aufführung genügt Anforderungen, die andere mit einem Vielfachen an Subventionen nur in ihren Sternstunden erfüllen.
Übrigens hat die "Josefstadt" aus weitgehend eigenen Kräften, mit Überzeugungsarbeit bei Mäzenen und Besuchern, soeben das Zweithaus Kammerspiele generalrenoviert.
Entweder die Krise hat den Achten Bezirk nie erreicht, oder die machen dort was richtig.
(News)

Einer bärenstarken Saison des Wiener Josefstadt-Theaters wird von Regisseur Hans Neuenfels ein Glanzlicht aufgesetzt. Elisabeth Trissenaar und Helmuth Lohner brillieren in "Quartett".(...)In Hans Neuenfels' geistreicher Regie riskieren die beiden Salonmonster die tollsten Volten.
Müllers Stück ist vor allem brüllend komisch.(...)In Lohners unvergleichlicher Kunst sind drei, vier Bedeutungsebenen gleichzeitig aufgehoben. Die Josefstädter Aufführung von Quartett ist vor allem auch ein Triumph dieses völlig einzigartigen Schauspielers.
Jubel für eine Glanzstunde.
(Der Standard)

Dieses Endspiel, die vorgeschriebene Endzeitmüdigkeit beherrschen Elisabeth Trissenaar (Neuenfels’ Ehefrau, auch sie erstmals an der Josefstadt) und Helmuth Lohner perfekt. Mit leichter Hand in die Szene gesetzt – Bühnenbild: ein tiefschwarzes Boudoir von Reinhard von der Thannen, der auch für die Kostüme verantwortlich zeichnet – entfesseln die beiden Schauspielstars eine darstellerische Gewalt, dass es einem den Atem nimmt. Die Trissenaar, gehüllt in violetten Samt, changiert im schnellen Wechsel zwischen winselnder Sehnsucht, hysterischer Xanthippenhaftigkeit und spröder, strenger Zuchtmeisterin. Eine Domina auf dem Weg zur Vettel. Lohner erscheint mit grauweißer Langhaarperücke und düsterem Brokatgehrock samt Rüschenhemd, ein abgefuckter Graf Dracula, ein in die Jahre gekommener Hengst, der den Abdecker durch vorgeführte Geschmeidigkeit beeindrucken muss. Valmont-Lohner turnt elastisch über die Bühne, übt sich an einer Art Balletstange und in der Bodengymnastik. Ganz ehrlich: Lohner ist zum Fürchten, jedermanns Teufel, wie weiland in Salzburg, eingehüllt in das Faszinosum des Monströsen.
So treffen einander Teufel und Teufelin zum Schlagabtausch. Mit Trissenaar und Lohner wird "Quartett" zum Schlachtfest für zwei Ausnahmeschauspieler. Sie schenken sich nichts, höchstens einer dem anderen vergifteten Wein ein. Sie bringen die Hassliebe zweier den Hass Liebenden zum Glühen. Sprachgewaltig sind sie sowieso; große Kunst ist aber auch, wie sie beim Rollentausch Gestik und Mimik des anderen annehmen. Die Trissenaar ist ganz ganzer Kerl, Lohner ganz Mädchen, entzückend, und begeistert mit seiner Persiflage der Perlenkette kauenden Präsidentengattin Tourvel. Ach, halb zog er sie, halb sank sie hin. Trissenaar antwortet mit einer herrlich undamenhaften Ekelfratze auf sein "Bespringen der Kuh". Auf einer Parallelebene zum Grotesk-Grauslich-Komischen agiert in den wie Untote wirkenden Merteuil und Valmont doch die schiere Verzweiflung ob des eigenen Endes, gestalten Trissenaar und Lohner den Tod mit, der schon um die Ecke lauert. "Zeit" ist der größte Feind der Figuren. In Neuenfels’ Anleitung gelingt den Darstellern ein vielschichtiges Spiel, das Fassaden immer wieder neu aufbricht und die vor sich hin rottenden Innenleben freilegt. Es bleibt einem nichts anderes, als das Böse zu bemitleiden. Das Publikum, versunken im Wechselbad der Gefühle, dankt mit viel Applaus. Weshalb es in diesem Stück der Besiegten an diesem Abend nur Sieger gibt.
(Mottingers Meinung)

Der großartige Helmuth Lohner geistert als versteinerter Gast durch den Salon, ein schlanker, greiser und weiser Indianer mit langen, grauen Haaren und aus Granit gemeißelten Gesichtszügen, ein unbewegter Dämon erstarrter Leidenschaften, ein wie die Kollegen vom Leben gezeichnetes, bisher unbekanntes Mitglied der Rolling Stones, dazu verdammt, die Rocky Horror Love Show bis in alle Ewigkeit weiterzuspielen.
Tatsächlich geht es in diesen 100 pausenlosen Minuten um weit mehr als um die bloße Huldigung des Lustprinzips. Es geht um alles. Um Himmel und Hölle, Tod und Teufel, Liebe und Laster. Wer nach Dauererektion und Permanentorgasmus strebt, der kommt nicht nur aus moralischen, sondern auch aus physiologischen Gründen in des Teufels Küche. In diesem späten Hausdebüt des 72-jährigen Regie-Altmeisters Hans Neuenfels erschließt sich diese Erkenntnis erst durch die Rollenspiele der beiden verzweifelt nach dem Sinn des Lebens suchenden und doch nur auf Leere stoßenden Intriganten.
Je böser der Abend wird, desto mehr kippt er von der Lust zum Lustmord, von der Selbstbefriedigung zum Selbstmord. "Ich will der Geburtshelfer Ihres Todes sein", lautet das finale, letale Motto. Der Liebeswalzer wird zum Totentanz. Es geht ans Sterben. Der eigenen, inneren Verwesung kann mit Gift nachgeholfen werden. Am Ende eine lange Schrecksekunde und langer Applaus.
(APA)

Hans Neuenfels hat in Interviews versprochen, dass er den Witz im oft spröde wirkenden Müller aufspüren will. Das ist ihm gelungen, aber die Josefstädter Aufführung hat auch etwas Unheimliches, Krasses, Grausames. Das Publikum schien einiges wiederzuerkennen, was hier mit Zähnen und Klauen verhandelt wird – und amüsierte sich zum Teil prächtig.
Jeder betrügt jeden, Konversationen sind grundsätzlich verlogen, sonst wird es langweilig. Echte Gefühle haben hier keinen Platz. Trotzdem spinnt die grandiose Elisabeth Trissenaar, höchst elegant und vorteilhaft eingekleidet im violettem Gehrock aus Samt, nicht nur gemeine Ränke, sie ist auch eine leidende Frau, gepeinigt von Eifersucht und Triebhaftigkeit: Abgeklärtes Alter? Von wegen. Helmuth Lohner als Valmont verbirgt sich mehr, vor der wilden Madame, deren ausschließliche Vereinnahmung diesen Herrn wohl schon vor Jahren verschreckte, als die Liebe zwischen den beiden noch intakt war. Er flüchtet sich in die Aufschneiderei eines Mannes, dessen Taten nicht mehr so ganz mit seinen Worten mithalten können.(...)
Das Herz bleibt einem stehen, wenn dieser Valmont so tut, als bliebe ihm das Herz stehen. Es ist aber auch heiter, wenn Lohner kokett seine Halsketten durch die Lippen zieht, sich spreizt und auf das Bett legt, ein weibliches Appetithäppchen vorspielt, und zwar sich selbst in der Gestalt der Merteuil. Neuenfels sorgte für Klarheit, Konsequenz. Theater wirkt sonst oft im Vergleich zum Film einstudiert, hier klingt der schwierige, gestelzte Text erstaunlich selbstverständlich.(...)
Was den Protagonisten an jugendlicher Frische fehlt, kompensieren sie mit Souveränität, Erfahrung und einem teils sarkastischen, teils bestialischen Humor, durchaus im subversiven Sinne Heiner Müllers.
(Die Presse)

Die Begierden, sie sind schon noch da, aber sie riechen schon ein bisschen ranzig. Da lässt sich aber immerhin noch trefflich darüber reden. Das machen die beiden in einer die Lust aushöhlenden Meisterschaft.(...)Trissenaar gibt der Marquise Schwung, ihre Bösartigkeit kommt im Samtmantel jener Überschwänglichkeit, die kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehen könnte. In der ersten Hälfte nimmt sie Lohner einiges an Präsenz, der holt aber schnell auf. Sein Blick ist hungrig bis selbstgefällig, er spricht, als würde er im Mund Messer wetzen. Natürlich hat das eine gewisse Manieriertheit - aber es ist auch ein Mann im Rüschenhemd.
Zerrupft und zerstört
Dies ist sicher eine große Altersrolle für Lohner. Am Schluss steht er im Paillettenkleid da, zerrupft wie Jack Lemmon am Ende von "Manche mögen’s heiß". Das Lachen vergeht einem, wenn man die von ihm zerstörten Frauen in ihm widergespiegelt sieht. Wie die Marquise, wenn sie sich in einem letzten blutigen Blickduell gegenübersitzen. "Sie sind nicht zu kalt für die Hölle", hat er ihr zuvor noch entgegengelächelt.
Es ist keine sehr moderne Inszenierung, sie ist von keinerlei gesuchtem Aktualitätsbezug angezuckert. Das und das Bühnenbild, in dem der von Müller angestrebte Bunker nur von einem Rondell mit Vorhang aufgerüscht wird, lässt viel Platz für das Wesentliche: Der gewaltige Text und zwei herausragende Darsteller in der ewigen, manchmal an den Rand der Albernheit rutschenden Niederlage des Kampfs der Geschlechter.
(Wiener Zeitung)

Regie
Hans Neuenfels

Bühnenbild und Kostüme
Reinhard von der Thannen

Merteuil
Elisabeth Trissenaar

Valmont
Helmuth Lohner