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Theater in der Josefstadt
Premiere: 10.10.2019

Johann Nestroy

Einen Jux will er sich machen

ca. 2 Stunden, 10 Minuten (Pause nach ca. 75 Minuten)

Couplets von Thomas Arzt

Ich mach mir einen Jux! Gerade jetzt, auf der Grenze zwischen Knechtschaft und Herrschaft mach ich mir einen Jux. Für die ganze Zukunft will ich mir die leeren Wände meines Herzens mit Bildern der Erinnerung schmücken, – ich mach mir einen Jux!
Weinberl

Tag für Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang steht er im G’wölb des Gewürzhändlers Zangler – nur einmal im Leben möchte der Handlungsgehilfe Weinberl etwas anderes, ein tolles Abenteuer erleben. Als Zangler anlässlich seiner bevorstehenden Heirat Weinberl zum Teilhaber ernennt, sieht er seine letzte Chance gekommen, sich einen Jux zu machen. Zangler reist für einige Tage in die Hauptstadt und überträgt ihm die Verantwortung für das Geschäft. Doch Weinberl schließt den Laden und fährt gemeinsam mit dem Lehrbuben Christoph ebenfalls in die Stadt, in der Hoffnung, dort das ersehnte Abenteuer zu finden. Aber der erste, den sie dort erblicken, ist Zangler. Sie flüchten in den Modesalon der Madame Knorr. Weinberl gibt sich als frisch angetrauter Gatte einer Kundin aus, die auch gleich dar auf erscheint. Daraus erwachsen Turbulenzen und Verwicklungen, die so gar nicht das sind, was Weinberl und Christoph sich unter fidelen Abenteuern vorgestellt haben.

Eines der eigentümlichsten Verfahren von Nestroys Komik besteht darin, die Helden durch irrtümliche Umstände in fürchterlichen Schrecken zu versetzen. Da werden sie dann vor den Augen eines wissenden und lachenden Publikums wie von elektrischen Schlägen hin und her geschleudert. Die Not lässt sie in Nestroys dichtester Sprache reden, bis es ihnen auch diese noch verschlägt. In den vielen Panikszenen, die der Dramatiker Nestroy geschrieben, der Schauspieler vorgeführt hat, wird dem Publikum ebendas zum Gelächter freigegeben, was ihm außerhalb des Theaters das freie Lachen gefrieren macht.
Peter von Matt

Ein wahres Kunststück ist dem Theater in der Josefstadt mit "Einen Jux will er sich machen" gelungen. Stephan Müller hat das Stück elegant und zugleich schrill inszeniert. Johannes Krisch brilliert in Nestroys Posse. Das große, gut disponierte Ensemble agiert komisch, fröhlich, frisch und zeigt doch auch singulär von Weltschmerz durchzogene Momente. Harmonisch die musikalische Begleitung von Thomas Hojsa und Matthias Jakisic. Das Bühnenbild hat Sophie Lux einfach, aber raffiniert gestaltet. Kurz: Solch ein Nestroy ist preisverdächtig!
(Die Presse)

Das Debüt von Johannes Krisch in der Josefstadt wurde zum Ereignis. Sein Weinberl ist ein Filou mit Wiener Schmäh, ein charmanter Tausendsassa und eine gequälte Seele. Ein skrupelloser Draufgänger, bei dem neben seinem Appetit auf allerlei Abenteuer auch die Gebrochenheit der Figur, ihre Melancholie und ihre Verzweiflung spürbar ist. Martin Zauner ist als Hausknecht Melchior komisch in seiner bornierten Beschränktheit. Robert Joseph Bartl bramabarsiert als Gewürzhändler Zangler drollig den Haustyrannen. Herrlich exaltiert Elfriede Schüsseleder als Fräulein Blumenblatt. Julian Valerio Rehrl erheitert als quirliger und stets leicht panischer Lehrling Christopherl. Und mit viel Temparament gibt Tobias Reinthaller den August Sonders.
(KURIER)

Weinberl in Gestalt von Johannes Krisch ist für den Zuschauer ein reiner Glücksfall. Einen herrlich Zerrissenen hat das Theater in der Josefstadt da in sein Ensemble aufgenommen. Krisch schiebt die Wände des Saftladens, eines Setzkastens aus Gewürzkrämerfächern (Bühne: Sophie Lux), mit Aplomb auseinander. Er handhabt den Besen wie Fred Astaire das Stöckchen. Er kommt, Nestroy sei Dank, vom allgemeinen Handel und Wandel auf Erden auf die Besonderheiten der Ökonomie zu sprechen.
(Der Standard)

Johann Krisch dient in seinem Josefstadt-Debüt der Spielhandlung als treu hinter der Budel einer Lebensmittelhandlung verblühter Gehilfe Weinberl. Ihm nimmt man die Versuchung zur Tollkühnheit ab, einmal nur ein "verfluchter Kerl" sein zu wollen. Welcher ausbricht aus der Abhängigkeit vom Patron, der Zangler heißt und ein solcher ist und seinen Gewölbekrabblern die Lebenslust verkürzt. In direkten Ansprachen springt der Funke über, holt sich Weinberl oft das Publikum als Komplizen in seine patscherte Glückssuche. Julian Valerio Rehrl bringt als Lehrling Christopherl die richtige juvenile Schlacksigkeit mit, an der Kippe zum Lebensernst. Robert Joseph Bartl beherrscht mit seiner Körperfülle souverän Zanglers Herrenzimmer. Er ist ein zu grober Polterer in immer derselben Tonhöhe. Martin Zauner als Knecht Melchior hält dagegen mit verhaltenem tonsicherem Witz. Ihm zur Seite als nächste Vorstadtkomikerin Elfriede Schüsseleder, die Wirtschafterin. Elfriede Schüsseleder versteckt keck das Leid einer alternden Jungfer. Neben ihr, als graue Maus gekleidet, Therese Lohner, mit Gang, Haltung, Gesicht eines nur geduldeten Menschenkinds. Aus einer knappen Episode macht sie was Großes.
(Wiener Zeitung)

Der Regisseur Stephan Müller vertraut mit einem ausgezeichneten Ensemble einem körperlichen, präzise auf die Sprache konzentrierten Spielstil. Je schematischer die Rollen, desto konsequenter verzerren sie sich zu Hanswurst-Figuren, und im richtigen Augenblick drehen sich die Ereignisse gekonnt ins Absurde. Wo es aber um die großen Nestroy-Wahrheiten geht, erreicht die Aufführung enorme Höhe. Im Zentrum glänzt Johannes Krisch: ein von Sehnsucht getriebener Dämon mit einem unergründlichen Kinderherzen. Gleichrangig an seiner Seite: Martin Zauner.
(Kronen Zeitung)

Fix ist nix - auch nicht beim "Jux". Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen" ist zwar quasi nationales Kulturerbe, entfaltet aber seine Bühnenwirksamkeit nicht von alleine. Um den Witz und die Schärfe dieser "Posse mit Gesang" zur Entfaltung zu bringen braucht es kundige Theatermenschen. Über diese verfügt das Theater in der Josefstadt. Das Ereignis des gestrigen Premierenabends war das phänomenale Hausdebüt von Johannes Krisch. Der 53-Jährige ist ein Vollblutschauspieler, wie ihn sich jedes Theater nur wünschen kann. Er befeuert seinen Handlungsdiener Weinberl, der einerseits die Karriereleiter zum Associe der ihm anvertrauten vermischten Warenhandlung erklimmen möchte, andererseits doch wenigstens einmal im Leben ein verfluchter Kerl gewesen sein möchte, mit der ganzen Glut seines Herzens. Dieser Kammerschauspieler ist ein Volksschauspieler, wie sie in derartiger Ausprägung in der freien Wildbahn immer seltener werden. Der bejubelte Abend ist erstaunlich kurz und stets abwechslungsreich. Der ästhetischen Überhöhung begegnet das Ensemble mit einem Mix aus Spielstilen, unter denen es nahezu alles gibt - von routiniert-klassisch (Martin Zauner als Melchior) über engagiert-talentiert (Julian Valerio Rehrl als Christopherl) bis zu exakt-exaltiert (Elfriede Schüsseleders präzise überdrehte Gestaltung des Fräulein Blumenblatt passt am besten zum Konzept des Abends). Ein Publikumshit.
(APA)

Johannes Krisch spielt den Handlungsdiener Weinberl mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Wie Krisch seinen Midlife-"Greißler" zum "verfluchten Kerl" avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.
Robert Joseph Bartl, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt und als  strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, der sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht.
Stephan Müllers Zugang zum "Jux" heißt: schräg, skurril, schrullig für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer, Roben, wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugbands bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar "klassisch" mit seinen Kabinettstückchen. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann. Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder mit ihrer präzisen Gestaltung als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept.
(Mottingers Meinung)

Regie
Stephan Müller

Bühnenbild und Video
Sophie Lux

Kostüme
Birgit Hutter

Musik
Matthias Jakisic
Thomas Hojsa

Choreografie
Daniela Mühlbauer

Dramaturgie
Barbara Nowotny

Licht
Pepe Starman

Zangler, Gewürzkrämer in einer kleinen Stadt
Robert Joseph Bartl

Marie, dessen Nichte und Mündel
Anna Laimanee

Weinberl, Handlungsdiener bei Zangler
Johannes Krisch

Christopherl, Lehrjung bei Zangler
Julian Valerio Rehrl

Kraps, Hausknecht bei Zangler / Brunninger, Kaufmann / Ein Lohnkutscher / Dritter Kellner
Oliver Huether

Frau Gertrud, Wirtschafterin bei Zangler / Fräulein von Blumenblatt, Zangerls Schwägerin
Elfriede Schüsseleder

Melchior, ein vazierender Hausknecht
Martin Zauner

August Sonders
Tobias Reinthaller

Hupfer, ein Schneidermeister / Philipp / Ein Wächter / Zweiter Kellner
Paul Matic

Madame Knorr, Modewaren-Händlerin in der Hauptstadt
Martina Stilp

Frau von Fischer, Witwe
Alexandra Krismer

Lisette, Stubenmädchen bei Fräulein von Blumenblatt / Eine Hausmeisterin
Therese Lohner

Rab, ein Gauner / Erster Kellner
Alexander Strömer

Akkordeon
Thomas Hojsa

E-Geige
Matthias Jakisic