Starkes Plädoyer gegen das Wegschauen. Ein starker Wurf. Dass dieses Fest so unter die Haut geht, liegt an den Darstellern. Allen voran an Bernhard Schir, der als Christian mit anfangs beiläufiger, dann immer vehementerer Konsequenz die Wahrheit einfordert. Eine starke Leistung. Aber auch Christians Widerpart weiß sich zu wehren. Erwin Steinhauer gibt den Vergewaltiger Helge als gefährlich jovialen, ja "netten" Onkel. Die erschreckende Banalität des Bösen spielt Steinhauer unter der Maske des Biedermanns perfekt aus. Nicht minder eindrucksvoll agiert Therese Lohner in der fast stummen Rolle der Linda. Lohner gelingt der Spagat, eine Tote als präsente Anklägerin erscheinen zu lassen. Ebenso ausgezeichnet Maria Köstlinger als Tochter Helene, die sich unter größtem Einsatz gegen die grausige Realität stemmt.
(Kurier)
Selten gelingt es dem Theater, einen Film zu übertreffen. Regisseur Philip Tiedemann, der von Peymann entdeckt wurde, hat das Bravourstück geschafft. Die Aufführung macht, ohne das Kernthema zu umgehen, familiäre Standard-Konflikte sichtbar, vor allem jene zwischen Generationen. Erst zerstören die Eltern die Kinder, dann zerstören die Kinder die Eltern. Dabei greifen beide zu den gleichen brutalen Mitteln. Eine starke Besetzung konnte für die Produktion gewonnen werden: Erwin Steinhauer zeigt den Vater als scheinbar gemütlichen Biedermann. Lange mag man kaum glauben, dass dieser beleibte Bürger mit den üblichen Anwandlungen des Haustyrannen ein so grauenvolles Verbrechen begangen haben soll. Das Misstrauen des Betrachters wird mit Absicht geweckt.
Tiedemann scheint jedem Einzelnen, Alten wie Jungen, liebevolle Aufmerksamkeit gewidmet zu haben. Marianne Nentwich als Mutter, Maria Köstlinger (Tochter Helene), Anna Franziska Srna (Schwiegertochter Mette), Maya Bothe (Stubenmädchen), Peter Scholz (Koch), sie alle konturieren ihre Figuren glasklar. Tiedemann lässt Erinnerungen an Ibsen-, Strindberg-Stücke aufblitzen, sorgt mit Simultan-Sequenzen für Drive, Spannung und bringt die bleiche Mystik dieser familiären Walpurgisnacht zum Leuchten, wenn der Geist der vom Vater in den Freitod getriebenen Tochter Linda (Therese Lohner) über die Szene wandert oder durch die dramatischen Wolken-Ballungen über der Bühne (Etienne Pluss) schimmert.
Bei aller Schrecklichkeit ist das Treiben gelegentlich auch abgründig komisch, wenn der Vater Michael und Mette, die ein Sado-Maso-Verhältnis aneinander kettet, beim Quickie überrascht. Immer desperater, grotesker versucht Toastmaster (Erich Schleyer) gute Laune zu verbreiten: "Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal".
Am Schluss aber klang der Jubel einhellig und begeisterter als man es zuletzt an diesem Ort gehört hat. Es ist halt doch Verlass auf die Josefstädter. Was Qualität ist, erkennen sie, auch wenn es noch so grauslich ist. Brillant.
(Die Presse)
Jetzt aber scheint es, als wäre das Haus unterwegs zu einem neuen künstlerisch opulenten, doch in der Sache unbestechlichen Gesinnungstheater. Der jüngste Sohn (eindrucksvoll: Fritz Karl), selbst Familienvater, ist Alkoholiker und misshandelt seine Ehefrau. In deren nicht großer Rolle beweist Anna Franziska Srna beträchtliche Präsenz. Erwin Steinhauer überragt in der Rolle des alten Scheusals alle. Zunächst gibt er den zynisch-überheblichen Patriarchen, unterspielt noch und wächst dann umso bezwingender ins Monströse. Zwischen ihm und dem anklagenden Sohn (Bernhard Schir) ereignet sich große Dialogkunst.
Starkes, bewegendes Theater.
(NEWS)
Obwohl der Film in der Machart der Dogma-Gruppe (kein Kunstlicht, viel Handkamera) schon sehr intim ausgefallen war, verstärkt sich dies im Bühnenraum vor der subtilen Klangkulisse Ole Schmidts noch: Christians Versuch, durch Herausschreien der Wahrheit diese im Nachhinein irgendwie erträglich zu machen, und des Vaters brutal-bigotter Widerstand sind ganz starke Theatermomente.
Tiedemann zeigt, wie eine Regie mit äußerstem Respekt vor dem Stück und seinen Darstellern dennoch brillant sein kann. Er kennt den Unterschied zwischen Eitelkeit und Souveränität. Und so ist es auch ein großer Abend für die Schauspieler. Für Bernhard Schir, der als Christian einen furiosen Balanceakt zwischen Verzweiflung und Psychose meistert. Für Fritz Karl, dessen derber Opportunist Michael überzeugend kommt. Für Maya Bothe, die als Hausmädchen Pia sexuell verfolgt wird, aber auch eigene Interessen verfolgt. Für Marianne Nentwich als feige Mutter, die einen grandios hilflosen Auftritt hinlegt. Und für Erwin Steinhauer natürlich, dessen Kunst des Vergessens eine Obszönität für sich ist. - Verdienter Jubel beschloss die Premiere.
(Kleine Zeitung)
Voller Erfolg für Herbert Föttingers neuen Weg. Einhellige Zustimmung beim Publikum dank toller Besetzung.
(Österreich)
Die Josefstadt hat für Vinterbergs Tischgesellschaft ein erstklassiges Ensemble aufgeboten, von Marianne Nentwich als mühsam die Haltung bewahrende Mutter, die sich als Mitwisserin schuldig gemacht hat, über Fritz Karl und Maria Köstlinger als Geschwister bis zu Fritz Muliar als halb-dementen Opa, der den ganzen Abend die gleiche Anekdote erzählt. Im Zentrum steht jedoch das Vater-Sohn-Duell. Erwin Steinhauer und Bernhard Schir schenken einander nichts. Beiden, Täter wie Opfer, ist der Schmerz anzusehen, der mit der Bewältigung der Vergangenheit verbunden ist, beide gehen mit Blessuren aus dieser Schlacht hervor. Ein starkes Stück, ein beeindruckender Abend.
(APA)
Phänomenales Ensemble. Solch Menschenzeichnungen voll Widersprüchlichkeit, Ambivalenz und Vitalität, wie sie Schir und Steinhauer in dieser ungemein packenden, genauen Inszenierung von Philip Tiedemann gelungen sind, hat man schon lange nicht mehr gesehen. Und endlich wieder einmal konnte Marianne Nentwich vorführen, welch großartige Schauspielerin sie ist.
(Oberösterreichische Nachrichten)
Eine Reihe herausragender Schauspieler, von denen nicht jeder für sich spielt, die vielmehr gemeinsam ein starkes Ensemble bilden. Ein starker Stoff, von Regisseur Tiedemann minutiös ausdifferenziert vorgetragen, und dies in einem luxuriösen Ambiente (Bühne Etienne Pluss), das die aufkeimenden Verlogenheiten umso drastischer erscheinen lässt.
(Salzburger Nachrichten)
Das Publikum jubelt nach fast drei Stunden perfekt arrangierter Kindeheitsbewältigung und Selbstbefreiung von Albträumen.
(Kronen Zeitung)