Mit einer versponnenen, äußerst reizvollen Deutung von Schnitzlers "Traumnovelle" gelingt Regisseur Igor Bauersima im Wiener Josefstadt-Theater eine Meditation über verlorene Begierden.
Regisseur Igor Bauersima, der Urheber einer beinahe kindlich verspielten Josefstädter Traumnovellen-Deutung, bricht aus dem von Schnitzler verordneten Ehekäfig entschlossen aus. (...) Menschen aus Fleisch und Blut bevölkern die Bühne. Bauersima gebraucht die Traumnovelle wie einen Partikelautomaten. Kaum ist eine Cellistin im Negligé (Meaghan Burke) katzengleich auf die finstere Bühne geschlichen, stapft ihr ein verkaterter Traummusiker (Michael Dangl) noch bettwarm hinterher. Er, der Pianist Bernard, erzählt nun den Traum des Arztes Ferenc (Alexander Pschill), der sich im Lärm der Straßen wahlweise die Ohren oder ein Auge zuhält. Die Warnung könnte nicht deutlicher ausfallen: Wehe dem, der Doppelgänger sieht! So ist Bauersimas Botschaft deutlich unversöhnlicher, als es Schnitzler sich jemals hätte träumen lassen: Der goldene Ehekäfig besteht nicht zwangsläufig in der Unauslebbarkeit der Triebe, sondern im Selbsterziehungsprogramm der Partner.
Bauersima hat Schnitzlers Text tatsächlich "heutig" gemacht, und sein Befund ist wenig erheiternd. Die Diagnose lautet: rapider Liebes- und Begehrungsschwund.
(Der Standard)
(...) die Aufführung (... ) bietet eine moderne, aktuelle Version des Stoffes – und sie schärft die weiblichen Perspektiven. Die Erzählung Albertines, die bei Schnitzler von der Kreuzigung ihres Mannes träumt, während sie Gruppensex hat, erweist sich bei Bauersima als Machtfantasie: Die unterdrückte Frau nimmt Rache. Hilde Dalik als Alva hat hier am Schluss ihren größten Moment.
Alexander Strobele spielt den mürrisch-weisen Kostümverleiher, der zwischendurch auch seine Tochter verleiht. Michael Dangl, der Kantigkeit gewonnen hat, gibt den Bernard, der sich in verschiedene Figuren aufspaltet: den Ehemann, den Erzähler, den Pianisten. Alexander Pschill ist Bernards Alter Ego, Ferenc, der Herzchirurg – welch tiefsinnige Symbolik!
Als Bühnenbildner sorgt er für dichte Atmosphäre: Die wankenden Aufnahmen (Video: Georg Lendorff) von der großen Stadt, die Schemen der erotischen Exzesse sind sehr gelungen.
(Die Presse)
Das Hauptdarstellerpaar gelangt zu beeindruckenden Momenten. Pschill zeigt glaubhaft den zerrißenen Mittdreißiger, der in einer Geheimgesellschaft spielerisch-erotische Grenzgänge erfährt. Hilde Dalik wiederum schildert ihren Traum mit kühler Erotik: Ihr Mann wird gekreuzigt, während sie sich anderen hingibt.
(News)
Der Schweizer Dramatiker Igor Bauersima hat Schnitzler mit seinem Text einen Rebrush verpasst und die Figuren samt ihren Gadgets wie das unvermeidliche Smartphone in die Gegenwart geholt. Er baut dem Stück eine Rahmenhandlung: Die Traumnovelle wird in den Traum eines Paares von heute verlegt, den der Pianist Bernard (Michael Dangl) seiner Freundin Zelda (wortkarg: Meaghan Burke) erzählt. Diese Erzählung erweckt die Bühne zum Leben, das Verhängnis nimmt seinen Lauf – das Spiel beginnt. Darin ist Alva (überzeugend: Hilde Dalik) nicht wie Schnitzlers Albertine das liebende Hausmütterchen, das sich treu sorgend um Heim und Herd kümmert. Sie ist Schauspielerin und hat ihren eigenen Kopf. Sie betrügt ihren Mann, träumt von den Verlockungen des gepflegten Gangbang und als dicker Schlussgag stellt sich heraus, dass sie um die vermummte Geheimgesellschaft der besseren Kreise weiß, in die ihr Mann Ferenc (stark: Alexander Pschill) nichts ahnend hineinstolpert – aus eigener Anschauung. Pschill und Dalik, die das zentrale Paar geben, spielen überzeugend und mit Einsatz. Die Josefstadt verfügt über ein exzellentes Ensemble, das auch die Nebenrollen glänzen lässt.
(Wiener Zeitung)
Bauersima baut auf der Bühne mittels gekonnt eingesetzten Videoprojektionen wunderschöne Bühnenräume, perfekt arrangiert und ausgeleuchtet. Filmtheater nennt er selbst diesen Mix aus vorgefertigtem Filmmaterial und Bühnenspiel; damit entstehen spannende Bilder, (...).
(Die Furche)
Es wäre nicht Bauersima, gäbe es nicht in jeder Erzählung eine weitere, hinter jedem Vorhang einen neuen, hinter den vordergründigen Bildern Schattenspiele, die das Gesehene als Täuschung entlarven. Schnell und mit oft nur wenigen Mitteln etabliert der Regisseur (der eigentlich ausgebildeter Architekt ist) Räume.
(Salzburger Nachrichten)
Neben dem Paarquartett zeigen vor allem Siegfried Walther, Alexander Strobele, Oliver Huether, Eva Mayer und Nina Fog starke Momente.
(Oberösterreichische Nachrichten)