Das Mädl aus der Vorstadt - eine erzählende Zusammenfassung

Das Mädl aus der Vorstadt

Eine erzählende Zusammenfassung der Materialmappe

Wien, um 1840: Die Stadt wächst, Handel und Gewerbe verändern das Leben, doch vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren längst nicht alle. In den Vorstädten arbeiten Menschen für wenig Geld, während wohlhabende Bürger ihren Besitz und ihr Ansehen sichern. Politische Kontrolle und Zensur prägen den Vormärz. Hinter der vertrauten Vorstellung vom behaglichen Biedermeier liegen soziale Spannungen. In dieser Welt entsteht Johann Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt oder Ehrlich währt am längsten“, eine Posse, in der die Liebe ebenso wenig von gesellschaftlichen Verhältnissen zu trennen ist wie die Frage nach Schuld und Gerechtigkeit.

Als das Stück 1841 am Theater an der Wien uraufgeführt wird, ist Nestroy bereits ein erfolgreicher Schauspieler und Autor. Seine Laufbahn hatte als Sänger begonnen; die Erfahrung mit Musik, Darstellung und Publikum prägt seine Theaterarbeit. Er schreibt für die Bühne, auf der er selbst steht, und kennt ihre Möglichkeiten ebenso gut wie ihre Zwänge. Eine französische Vaudevillekomödie von Paul de Kock und Charles-Victor Varin liefert ihm die Vorlage. Nestroy übernimmt die Grundzüge der Handlung, verwandelt sie jedoch in ein eigenes Wiener Gesellschaftsspiel. Die Musik komponiert Adolf Müller. Nestroy selbst spielt Schnoferl, eine Rolle, die ihn bis in sein Todesjahr begleitet.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Thecla, das Mädchen aus der Vorstadt. Gigl verliebt sich in sie, obwohl er bereits mit der vermögenden Frau von Erbsenstein verlobt ist. Was als Liebesverwicklung erscheint, berührt damit sofort eine soziale Grenze: Eine Verbindung innerhalb der eigenen Schicht ist gesellschaftlich vorgesehen, eine Liebe über diese Grenze hinweg muss sich erst behaupten. Zugleich ist Theclas Ruf durch einen Diebstahlsvorwurf gegen ihren Vater belastet. Die Liebesgeschichte wird zur Kriminalgeschichte, denn solange der Verdacht besteht, lässt sich auch ihre Zukunft nicht unbeschwert denken.

Nun kommt Schnoferl ins Spiel. Als Winkelagent gehört er zu jenen inoffiziellen Vermittlern und Schreibern, die sich ohne staatliche Zulassung in Rechtsangelegenheiten bewegen. Er steckt seine Nase in fremde Dinge und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei handelt er weder völlig selbstlos noch ohne Schwächen. Auch sein persönliches Interesse treibt ihn an; Zufälle müssen ihm helfen. Trotzdem besitzt er ein ausgeprägtes Rechtsgefühl. Schließlich entlarvt er Kauz, den reichen Onkel Frau von Erbsensteins, als Anstifter des Diebstahls. Theclas Ehre ist gerettet, Gigl kann zu ihr finden, und Frau von Erbsenstein entscheidet sich für Schnoferl, der sie schon lange liebt.

Doch die Aufklärung macht nicht nur einen einzelnen Betrug sichtbar. Kauz kann sich hinter seinem Vermögen und seiner respektablen Erscheinung verbergen, während andere unter Verdacht geraten. Die Ordnung wird ohne Richter wiederhergestellt; die Gemeinschaft regelt den Konflikt unter sich. Schnoferl stellt Gerechtigkeit über formales Recht. So klingt der Untertitel „Ehrlich währt am längsten“ zugleich beruhigend und ironisch: Ohne den eigenwilligen Außenseiter wäre das Unrecht möglicherweise unentdeckt geblieben.
 

Liebe und gesellschaftliche Grenzen

Von Nestroys Vorstadt zu Schnitzlers Liebelei

Besonders deutlich wird die gesellschaftliche Ungleichheit im Leben der Näherinnen. Sie fertigen die Ausstattung für Hochzeiten an, haben selbst aber geringe Aussichten auf eine abgesicherte, gesellschaftlich anerkannte Ehe. Wohlhabende Männer suchen ihre Gesellschaft, ohne daraus dauerhafte Verpflichtungen abzuleiten. Schnoferl erklärt diese Beziehungen als „Bekanntschaften“: Schon die Bezeichnung unterscheidet sie von jener Liebe, die eine gemeinsame Zukunft verspricht. Die Materialmappe zeigt, wie niedrige Löhne Frauen wirtschaftlich verletzlich machten und wie männliches Begehren mit bürgerlicher Doppelmoral zusammenwirkte. Entscheidend ist dabei, wer sich Unverbindlichkeit leisten kann und wer deren Folgen trägt.

Hier liegt die Verbindung zu Arthur Schnitzlers „Liebelei“ von 1895. Auch dort steht eine junge Frau aus einfacheren Verhältnissen einem Mann gegenüber, dessen Liebesleben nach anderen Regeln verläuft. Christine nimmt ihre Liebe zu Fritz ernst; Fritz unterhält zugleich eine Beziehung zu einer verheirateten Frau. Sein Freund Theodor betrachtet die Beziehungen zu Mädchen aus einfacheren Verhältnissen als möglichst unkomplizierte Vergnügungen. Was für die Männer vorübergehend sein kann, besitzt für Christine eine existentielle Bedeutung. Als Fritz wegen seiner anderen Beziehung im Duell stirbt, zerbricht ihre Vorstellung von der gemeinsamen Liebe.

Der Vergleich betrifft deshalb weniger die Übereinstimmung einzelner Handlungsschritte als die soziale Ordnung hinter den Beziehungen. Nestroy und Schnitzler zeigen, dass Liebe von Herkunft, Geld und unterschiedlichen Erwartungen geprägt wird. Die Materialmappe verweist auch auf eine biografische Nähe: Schnitzler sah Nestroys Stück 1890 und 1891 und begann etwa drei Monate nach dem zweiten Besuch mit der Arbeit an „Liebelei“. Das legt eine Anregung nahe, beweist aber keine unmittelbare Übernahme. Während Nestroys Posse ihren Figuren einen glücklichen Ausgang ermöglicht, führt Schnitzler die Verletzungen der ungleichen Beziehungen ins Tragische.

Auch Nestroys glückliches Ende ist jedoch keine einfache Bestätigung einer gerechten Welt. Es entsteht durch die Möglichkeiten der Komödie und durch günstige Zufälle. Die sozialen Verhältnisse, die Thecla und die Näherinnen gefährden, werden damit nicht grundsätzlich aufgehoben. Die Materialmappe betont diesen Abstand zwischen der versöhnten Spielwelt und dem Alltag außerhalb des Theaters. Ebenso wenig betrachtet Nestroy die Ehe durchgehend als sichere Erfüllung der Liebe. In seinen Werken erscheint sie häufig als Verbindung, in der Geld, Konvention und gegenseitige Abhängigkeit das persönliche Glück beeinträchtigen.

Dass diese Fragen als unterhaltsames Theater erscheinen, gehört zu Nestroys besonderer Kunst. Wortspiele, Monologe und Couplets bringen Widersprüche ans Licht, die sich hinter höflichen Formeln und moralischen Ansprüchen verbergen. Unter den Bedingungen der Zensur spricht er manches indirekt aus: Essen, Einladungen und Spiele werden zu Bildern erotischer Absichten. Das Publikum kann lachen und dabei erkennen, wie die Figuren sich selbst und andere täuschen. Bereits die frühen Kritiken bewunderten seinen Witz, erkannten aber nicht immer die gesellschaftliche Schärfe dahinter.

Spätere Autoren und Theaterdenker, darunter Karl Kraus, würdigten gerade diese Verbindung von Sprachkunst und Kritik als modern. Nestroys Wien ist ein theatralisch zugespitztes Modell menschlichen Zusammenlebens. Darin bestimmen Besitz, Ansehen und Abhängigkeit, welche Möglichkeiten der Einzelne hat. So erzählt „Das Mädl aus der Vorstadt“ von einer Liebe, die sich gegen Verdacht und gesellschaftliche Erwartungen behauptet, und von einer Gerechtigkeit, die erst erkämpft werden muss. Der Blick auf „Liebelei“ lässt zugleich erkennen, welche Tragik hinter dieser komischen Geschichte liegen könnte.

Grundlage: die bereitgestellte Materialmappe, insbesondere die Beiträge von W. E. Yates, Volker Klotz, Reinhard Urbach, Hans Weigel und Jürgen Hein. Die Zusammenfassung beschreibt das Stück und seine Hintergründe; die Mappe enthält kein Konzept der aktuellen Inszenierung.