Zwei große Egos und eine letzte Begegnung
Zwei Männer, die Konzertsäle beherrschten, sitzen in einer kleinen Bar: Leonard Bernstein und Herbert von Karajan begegnen einander in Peter Danishs Stück „Last Call“ in der Blauen Bar des Wiener Hotels Sacher. Für Regisseur Guy Ben Aharon liegt gerade in diesem intimen Rahmen der Reiz. Die beiden Dirigenten erscheinen hier als alternde Menschen, die einander herausfordern – und dabei zunehmend hinter ihre sorgfältig gepflegten öffentlichen Fassaden blicken lassen.
Die Idee zum Stück entstand bei einem Wienbesuch des Autors. Danish kam als Tourist in die Stadt und lernte in der Blauen Bar einen Barkeeper kennen, der ihm von einer Begegnung zwischen Bernstein und Karajan erzählte. Daraus entwickelte sich ein Theaterabend über Rivalität, Musik und Politik, aber auch über die Möglichkeit, einen Menschen zu verstehen, dessen Haltung der eigenen widerspricht.
Guy Ben Aharon interessieren zunächst die unterschiedlichen künstlerischen Temperamente. Karajan sucht Kontrolle, Präzision und einen bis ins Detail geformten Klang. Bernstein ist körperlich, expressiv und schöpferisch; seine Energie scheint jede Grenze sprengen zu wollen. Der eine betrachtet die Partitur als etwas, das es möglichst getreu zu bewahren gilt, der andere versteht Interpretation als einen Akt der Neuschöpfung. Wie viel eigene Persönlichkeit darf ein Dirigent der Musik einschreiben? Und wird eine Partitur nicht überhaupt erst lebendig, wenn jemand sie zum Klingen bringt?
Karajan war ein Perfektionist und Techniker, der mit akribischer Genauigkeit am Klang arbeitete. Für eine Plattenaufnahme probte er ein Stück mitunter hundertmal, bis jedes Detail seinen Vorstellungen entsprach. Bernstein hingegen hatte einen experimentierfreudigen Zugang zur Musik: Er spielte mehrere Instrumente, komponierte selbst, probierte Neues aus und überschritt Grenzen. Er verstand sich auch als Lehrer und Universalist, der Musik vermitteln und
Menschen für sie begeistern wollte. Sein Erbe ist deshalb vielschichtiger und reicht über das Wirken als Dirigent hinaus: Es umfasst ebenso seine Kompositionen, seine pädagogische Arbeit und sein Verständnis von Musik als gesellschaftlicher Kraft.
Doch ihre Begegnung lässt sich nicht von der Politik lösen. Bernstein, der jüdische Amerikaner, trifft auf Karajan, dessen NSDAP-Mitgliedschaft Teil seiner Biografie ist. Bernstein bezog öffentlich politisch Stellung und nahm dafür persönliche und berufliche Risiken in Kauf. Karajans Verhältnis zur Macht wirft andere, unbequeme Fragen auf: nach Anpassung, Verantwortung und den Entscheidungen, die ein Künstler zugunsten seiner Karriere trifft.
Guy Ben Aharon will daraus kein einfaches Urteil über Sieger und Verlierer machen. Ihn interessiert, was geschieht, wenn zwei Menschen mit so unterschiedlichen Lebensgeschichten am selben Tisch bleiben. Zunächst wehren sie einander ab, provozieren sich und verteidigen ihre Positionen. Nach und nach wächst jedoch die Neugier auf das Gegenüber. Der Witz ihrer Wortgefechte öffnet dabei einen Zugang zu ihrer Verletzlichkeit.
Darin liegt für den Regisseur auch die Aktualität des Stücks. Würden solche widersprüchlichen Persönlichkeiten heute dem öffentlichen Urteil und den Mechanismen einer Cancel Culture standhalten? Wäre ein Gespräch zwischen ihnen noch möglich? Diese Fragen heben die Unterschiede ihrer politischen Verantwortung nicht auf. Sie richten den Blick darauf, ob wir Widersprüche aushalten können, ohne jede Verständigung abzubrechen.
Am Ende zwingt die Begegnung beide und uns alle, sich selbst im Spiegel des anderen zu betrachten. Was bleibt, wenn die Karriere vorbei ist und der Applaus verstummt? Ihre Aufnahmen werden sie überleben. Doch „Last Call“ eröffnet ihnen noch etwas anderes: eine letzte Gelegenheit, die eigene Rolle abzulegen und dem anderen als Mensch zu begegnen.