Von der Poesie des Unanständigen

Shakespeare: Von der Poesie des Unanständigen

Wer Lucien Haugs Übersetzung von „Romeo und Julia“ vorwirft, sie ziehe Shakespeare ins Ordinäre, sollte sich zunächst die Derbheit des Originals vergegenwärtigen. Schon die erste Szene steckt voller sexueller Anspielungen und obszöner Wortspiele. Auch Mercutio und die Amme nehmen kein Blatt vor den Mund. Shakespeare verbindet höchste Liebespoesie mit zotigem Witz, Zärtlichkeit mit sprachlicher Aggression. Diese Spannweite gehört zu seiner Dramatik.

Dass uns manche dieser Stellen heute weniger drastisch erscheinen, liegt auch am historischen Abstand: Wir hören die Wörter, verstehen aber ihre damaligen Nebenbedeutungen nicht mehr unmittelbar. Eine zeitgenössische Übersetzung kann diese verlorene Wirkung wieder hörbar machen. Wo das heutige Publikum eine Anzüglichkeit sofort begreift, kommt es dem ursprünglichen Theatererlebnis womöglich näher als bei einer ehrwürdig klingenden Formulierung, deren Pointe niemand mehr versteht.

Auch die damalige Theaterzensur gehört zum historischen Kontext. Stücke mussten dem „Master of the Revels“ zur Genehmigung vorgelegt werden. Daraus lässt sich allerdings nicht pauschal ableiten, Shakespeare habe sexuelle Dinge ausschließlich wegen der Zensur umschrieben. Seine Doppeldeutigkeiten sind ebenso Ausdruck von Sprachlust und dramaturgischem Können: Sie lassen mehrere Bedeutungen zugleich aufblitzen.

Natürlich darf man Haugs einzelne Lösungen kritisieren. Man kann fragen, ob eine Formulierung treffend ist, ob sie den Witz erhält oder eine raffinierte Mehrdeutigkeit unnötig vereindeutigt. Der bloße Vorwurf der Ordinärheit reicht jedoch nicht aus. Entscheidend ist, ob die Übersetzung Shakespeares sprachliche Vielfalt bewahrt – von der Poesie bis zur Provokation. Wer Shakespeare nur im gehobenen Ton gelten lässt, unterschätzt einen Autor, dessen Theater auch vom Körper, vom Begehren und vom derben Gelächter lebt.