Stefan Pucher erzählt „Romeo und Julia“ als Geschichte einer Liebe, die in einer erschöpften, gewalttätigen Welt entsteht. Verona wirkt wie ein Ort nach dem Zusammenbruch: Die Familien bewegen sich zwischen den Ruinen ihres früheren Wohlstands, ein Wohnwagen dient Pater Lorenzo als Rückzugsort und wird zugleich zum Ort einer Party. Der Hass zwischen Montagues und Capulets besteht fort, obwohl niemand mehr weiß, was ihn ausgelöst hat. Die Jugendlichen übernehmen die Einteilung in Freund und Feind und tragen den Konflikt auf der Straße aus.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Liebe von Romeo und Julia zugleich naiv und radikal. Die beiden sind etwa vierzehn Jahre alt. Sie verlieben sich auf den ersten Blick und vertrauen einem Gefühl, das die Erwachsenen längst aus ihrem Leben verdrängt haben. Bei den Capulets ist die Ehe arrangiert und von Feindseligkeit geprägt; Julia soll ebenfalls „anständig“ verheiratet werden. Romeos Eltern stehen vor der Trennung, während ihr Sohn sich einsam und depressiv zurückzieht. Diese Beziehungen sind eine Form „verwalteter Liebe“: Über Bindungen wird entschieden, ohne nach Nähe oder Zuneigung zu fragen. Romeo und Julia setzen dem die Vorstellung entgegen, dass Liebe bedingungslos sein kann. Sie verteidigen sie gegen ihre Familien und fliehen mit ihr vor der Welt. Ihre Bereitschaft zu sterben macht diese Liebe erschütternd und zeigt zugleich, wie wenig Raum die Gesellschaft ihnen lässt.
Julia ist dabei eine widerständige Figur. Sie widersetzt sich dem Lebensweg, den ihre Eltern für sie festgelegt haben. Die Inszenierung öffnet den Blick zudem für andere Formen des Begehrens: Benvolio liebt Romeo. Zwischen ihm, Romeo und Julia entsteht eine Dreieckskonstellation, in der Liebe, Eifersucht und Gewalt eng beieinanderliegen. Benvolio überbringt den Brief mit Julias Plan ihres Scheintods nicht an Romeo – eine persönliche Handlung mit tragischen Folgen. Die Amme und Pater Lorenzo wiederum sehen in der Verbindung der beiden Familien eine Möglichkeit, den alten Konflikt zu beenden.
KI, Politik und die Macht des Fürsten
Zwei große, KI-generierte Köpfe sprechen mit Frauenstimmen für den Fürsten. Mit der wiederkehrenden Formel „Der Fürst möchte…“ verkünden sie seine Forderungen: Toleranz, Zusammenhalt und Solidarität; das Gemeinsame solle vor das Trennende gestellt werden. Der Fürst steht damit für eine Politik, die die richtigen Worte findet, aber niemanden mehr erreicht. Während die Gewalt weitergeht, verhallen seine Appelle. Erst als Romeo verbannt wird, hat seine Macht eine konkrete Wirkung.
Die KI-Gestalt macht diese politische Entfernung sichtbar. Der Fürst ist als Stimme und Bild präsent, greift aber kaum in das Leben der Menschen ein. Seine Botschaften klingen wie vertraute öffentliche Erklärungen, die ständig wiederholt und doch nicht mehr gehört werden. In einer Welt, in der die Familien ihren Hass nicht einmal mehr begründen können, bleibt auch der Aufruf zur Verständigung folgenlos.
Wie die Inszenierung erzählt
Pucher bezeichnet die Schauplätze nicht immer eindeutig. Das Publikum orientiert sich am Spiel der Schauspielenden und erschließt daraus die Räume der Handlung: Theater lebt hier von der Behauptung. Livekameras machen Gesichter, Gesten und Vorgänge sichtbar, die aus dem Zuschauerraum leicht verborgen blieben. Zusammen mit den KI-Köpfen schaffen sie eine fremde, verzerrte Bühnenwelt. Pucher setzt Zeichen, ohne sie auf feste Symbole zu reduzieren. So werden die Gewalt der Erwachsenen und die Sehnsucht der Jugendlichen im vertrauten Stoff neu erkennbar. Lucien Haug bewahrt in seiner neuen Fassung das Versmaß Shakespeares. Die poetische Sprache trägt Gegensätze wie Liebe und Tod, Erotik und Gewalt mit. Puchers Popreferenzen und Christopher Uhes Musik geben diesen Gegensätzen eine heutige Klangwelt. Rosalind, in die Romeo vor Julia verliebt war, erscheint als glamouröse Bandleaderin – eine Figur mit der Ausstrahlung eines Popstars.
Das künstlerische Team
Stefan Pucher studierte Theaterwissenschaft und Amerikanistik in Frankfurt. Schon in seinen frühen Performancearbeiten verband er Video, Musik und literarische Texte. Diese Mittel prägen auch seine Arbeit an großen deutschsprachigen Bühnen; mehrere seiner Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für das Theater in der Josefstadt widmet er sich erstmals „Romeo und Julia“.
Christopher Uhe ist Musiker, Komponist und Produzent. Bevor er verstärkt fürs Theater arbeitete, war er als Sänger, Songwriter, Gitarrist und Keyboarder in der Post-Punk-Szene aktiv und tourte mit verschiedenen Bands durch Europa. Seit 2004 komponiert er zunehmend für Bühnenproduktionen; mit Pucher arbeitet er seit 2009 regelmäßig zusammen, unter anderem am Thalia Theater Hamburg, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Stuttgart. Seine Musik übernimmt in „Romeo und Julia“ eine erzählerische Aufgabe: Sie trägt die Stimmungen der Liebe, der Party und der Bedrohung.
Ute Schall arbeitet als Videokünstlerin und Livekamerafrau. Sie verbindet eine langjährige Zusammenarbeit sowohl mit Pucher als auch mit René Pollesch. Für Pucher gestaltete sie Videoarbeiten etwa zu „König Lear“ an den Münchner Kammerspielen und „Maß für Maß“ am Thalia Theater Hamburg. Ihre Erfahrung liegt gerade in der Verbindung von Bühnenspiel und Bildern, die während einer Aufführung live entstehen.
Hannes Francke studierte Kamera in Berlin und assistierte zunächst unter anderem Ute Schall. Daraus entwickelte sich eine dauerhafte Zusammenarbeit. Er arbeitet als Videokünstler und Kameramann an verschiedenen Theatern, realisiert daneben Experimentalfilme, Musikvideos und Dokumentationen. Bei Puchers „forecast:ödipus“ stand er für die Livekamera selbst mit auf der Bühne. Schall und Francke gestalteten gemeinsam das Video für mehrere Pucher-Inszenierungen, darunter „König Lear“, „Sommergäste“ und „Die Räuber“. In „Romeo und Julia“ sind beide für das Livevideo verantwortlich.