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Guten Abend, Herr Morgan! Ein Gespräch mit Teresa Präauer
Ein Gespräch mit Teresa Präauer
»Guten Abend, Herr Morgan« Ein Gespräch mit Teresa Präauer
Im JST-Interview gibt Autorin Teresa Präauer Einblicke zu ihrem Stück “Guten Abend, Herr Morgan”, das am 3. Dezember seine Uraufführung in den Wiener Kammerspielen feiert.
Zu Beginn gleich eine obligatorische Frage: Wie stößt man auf Paul Morgan? Sein Kollege Fritz Grünbaum ist vielen noch bekannt aufgrund seiner künstlerischen Tätigkeit – auch das tragische Ende im KZ Buchenwald. Morgan hingegen blieb bis zuletzt unter der Wahrnehmungsschwelle. Wie würden Sie jemanden, der Paul Morgan gar nicht kennt, beschreiben?
Paul Morgan ist, obwohl ein höchst gefeierter Schauspieler seiner Zeit, heute beinah ganz vergessen. Als Autorin bin ich vom Theater in der Josefstadt eingeladen worden, mich mit Paul Morgan, der als Georg Paul Morgenstern 1886 in Wien geboren ist, für ein Revuestück zu beschäftigen. Es soll Sprache, Gesang und Tanz verbinden und dem Publikum sein reichhaltiges Leben und Wirken näherbringen.
Ich habe mich zuerst einmal intensiv in den Stoff hineingeschraubt: Es gibt biografische Arbeiten von Ulrich Liebe aus den 1990er Jahren und eine sehr frische Biografie über sein Filmschaffen von Kristina Höch (2025). Dazu kommen zwei biografische Zufälle: Paul Morgan wurde ausgerechnet im Haus der heutigen Kammerspiele geboren – außerdem ist der musikalische Leiter unseres Abends, Christian Frank, ein Verwandter Morgans.
Paul Morgan war ein beliebter und gefeierter Schauspieler, Conférencier, Kabarettist und Rundfunksprecher. Er schrieb Sketche, Liedtexte, Zeitungsartikel, veröffentlichte Bücher. In der österreichischen Nationalbibliothek habe ich dann einige seiner Lieder wiederentdeckt, die wir bei »Guten Abend, Herr Morgan« zu hören bekommen, manche das erste Mal seit hundert Jahren! Es gibt so vieles von ihm und über ihn, es muss bloß aus dem Schlummer des Vergessenwerdens geweckt werden. Das war meine Aufgabe – und ist jetzt die Möglichkeit, die die Bühne und die Schauspielerinnen und Schauspieler uns, dem Publikum, bieten. Es wird ein richtiger Bühnenzauber!
Paul Morgan ist ein von den 1920er Jahren geprägter Künstler, der mit dem latenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft konfrontiert war. Zieht er seinen Witz, Geist und Humor aus dieser Tatsache?
Es ist, wie immer, kompliziert. Denn Paul Morgans Leben und Wirken umspannt gleich mehrere Epochen und hat einige Wechsel mitvollzogen: Hineingeboren wurde er in die Zeit der Habsburgermonarchie, seine ersten Sporen verdiente er sich als deutschsprachiger, österreichischer Schauspieler an den östlichen Rändern des Reichs: in Czernowitz! Seine Texte und Zeitungsartikel aus dieser Zeit strotzen nur so vor Lust an den verschiedenen Sprachen, Dialekten und Akzenten: Eine Zugreise Richtung Lemberg wird exemplarisch am Abend in den Kammerspielen zu Gehör gebracht oder ein Sketch vom Mittagessen »Bei feinen Leuten« …
Im Ersten Weltkrieg engagierte Paul Morgan sich, dann schon als bekannter Schauspieler, bei zahlreichen Benefizveranstaltungen für die verarmte Wiener Zivilbevölkerung, und spricht sich, nicht zuletzt bei seinen Auftritten im Wiener Kabarett Simpl, gegen den Krieg aus.
Die Goldenen 20er Jahre verbringt er dann in Berlin: vom Rundfunkstudio ins Theater hetzend, von der Werbeaufnahme zum Kabarettauftritt am nächtlich belebten Kurfürstendamm. Die wachsende Popularität des Radios, die Anfänge des Tonfilms: so viele Medienwechsel hat Morgan mitgestaltet. Und auch die politischen Veränderungen hat er genau registriert und mit spitzer Zunge kommentiert.
Seine Großeltern väterlicherseits waren jüdisch, seine Eltern zum christlichen Glauben konvertiert, Paul Morgan selbst war dann aus der Kirche ausgetreten. Mit dem Machtantritt der Nazis derart mit seiner jüdischen Herkunft konfrontiert zu werden, war für ihn ein Schock. Ab 1933 hatte er Berufsverbot in Deutschland und emigrierte nach Österreich, wo die Diffamierungen weitergingen – bis zu seiner Deportation und Ermordung 1938.
Morgan scheint eine tiefe Verbundenheit mit der Wiener Seele gehabt zu haben. Er hatte, als Schauspieler in Hollywood angekommen, Heimweh. Können Sie sich das erklären?
Was Paul Morgan auch heute noch spannend macht: Er ist nicht einfach einzuordnen. Er fühlte sich als Wiener in Berlin am wohlsten. Die Stadt war flirrend, rasend, offen für das Neue. Dort konnte er den gemütlichen Wiener geben und gleichzeitig ganz preußisch von Auftritt zu Auftritt hetzen. Von den Revuetheatern über die Tanzkompanien, vom Kabarett über die Literatur – Berlin war eben der Ort, wo der Bär gesteppt hat.
Später ging Paul Morgan, wie einige seiner Kollegen, nach Hollywood. Zuerst noch euphorisch, war ihm die Mentalität der Amerikaner bald ein Graus. Er konnte nicht Fuß fassen und an frühere Erfolge anknüpfen. 1931 seinen Vertrag mit MGM zu kündigen, um nach Berlin und später nach Wien zurückzukehren, hat ihm letztlich das Leben gekostet.
Paul Morgan war sicherlich stark geprägt von seinen Anfängen in der Zeit der Habsburgermonarchie, vom jüdischen Humor, von der Idee des Vielvölkerstaats, vom literarischen Kabarett, von Kollegen wie Fritz Grünbaum, Kurt Tucholsky, Trude Hesterberg, Karl Valentin und Liesl Karlstadt usw. Man böhmakelte und kalauerte, nutzte das Meidlinger L für die einen und das ungarische Deutsch für die anderen, war gscheit und blöd zugleich. Ich bin froh, dass Ruth Brauer-Kvam, die die Regie macht, ein Ohr hat für diese Unterschiede, Besonderheiten und für den Witz, den diese Sprache hat. Ich greife das in meinen Texten auf, zitiere manches und hole mir die Geschichte spielend heran – und gleichzeitig gibt es da diese Figur »Sternchen«, die ich der Vergangenheit an die Seite gestellt habe, um immer wieder zu sagen: Hey, wir schauen über 100 Jahre später auf all das. Manches ist gleich, manches ist vergleichbar, manches ist anders, manches können wir nicht mehr verstehen. Aber versuchen, versuchen wollen wir es!
Wie haben Sie das Stück aufgebaut? Was wartet auf unser Publikum? Und wie eng arbeiten Sie mit der Regisseurin zusammen? Kennen Sie schon erste Ergebnisse auf der Bühne?
Wir haben am 1. Oktober 2026 Paul Morgans 140. Geburtstag gemeinsam gefeiert, ich war bei der Leseprobe und wir stehen im engen Austausch. Ich kann nur sagen, dass es für mich als Autorin ein großes Glück bedeutet, wie hier gearbeitet wird: so genau, so wertschätzend, so frohgemut, so ernsthaft.
Zum Aufbau des Stücks: Da gibt es zuerst einmal die chronologische Schilderung seines Lebens, seiner Arbeit, seiner Liebe zu seiner Frau Josa. Ein Kunstgriff des Textes ist, dass wir das in einer Art von Doppelconférence, wie auch schon zu Morgans Zeiten populär, erzählt bekommen: Paul Morgan, gespielt von Martin Niedermair, freut sich über seinen Auftritt und wundert sich ein bisschen, dass es plötzlich die 2020er Jahre sein sollen, in denen das statfindet. Sternchen, gespielt von Johanna Martini, muss ihn da ein wenig an die Hand nehmen. Sie ist damit auch die Verbindung zur Gegenwart und zum Publikum, das mit den Augen des Jahres 2026 auf die Geschichte schaut. Daraus ergibt sich, neben der Tragik, manche Komik!
Michaela Klamminger, Susa Meyer, Paul Matić und Dominic Oley schlüpfen, ganz nach Art der Revue, in verschiedene Rollen, sie haben mehrere schnelle Kostümwechsel, singen, tanzen und übernehmen auch die zeitliche Einordnung. Ich hatte großen Spaß daran, Reklametexte aus verschiedenen Jahrzehnten zusammenzumontieren, die das Zeitkolorit wiedergeben. Auch habe ich mich selbst beim Schreiben immer gefragt: Was fand denn damals gerade statt? Wie war das mit den Bürgerrechten, der Armut, den Kriegsanleihen, den Küchengeräten? Im Alltäglichen spiegeln sich die großen Umwälzungen und Verwerfungen. Ich wollte wirklich verstehen – und nicht über die historischen Zusammenhänge drüberfahren, als hätten wir ohnehin stets immer alle alles längst kapiert. Schreiben ist für mich wirklich eine Art des Begreifens.
Zusammen mit der großartigen Musik aus den 20er Jahren, dem Bühnenbild von Michaela Mandel, das sich schnell verändern lässt – aus einer Schulklasse wird ein Zugabteil und so weiter –, und den einfallsreichen Kostümen von Alfred Mayerhofer, der sich von den 20ern inspirieren ließ, ergibt das einen Abend, der das Schaffen Paul Morgans feiert. Der, wie viele jüdische Künstlerinnen und Künstler seine Zeit, ermordet worden und in Vergessenheit geraten ist. Dabei hat der Tod nicht das letzte Wort.