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Kammerspiele der Josefstadt
Premiere: 19.09.2020

Peter Turrini

Gemeinsam ist Alzheimer schöner

Uraufführung

ca. 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

"Heute muß ich mit euch über ein sehr irdisches Problem reden, über die leidige Vergeßlichkeit. Wer kennt das nicht. Das trifft ja nicht nur die fortgeschrittenen Semester, sondern auch Jüngere wie mich. Man will etwas Bestimmtes aus dem anderen Raum holen, geht mit flottem Schritt dorthin, und wenn man dort ist, weiß man plötzlich nicht mehr, was man eigentlich holen wollte. Keine Angst, Sie sind beileibe nicht auf dem Wege, Ihr Gedächtnis zu verlieren, Gott behüte. Ihr Hirn, das ja wie ein Muskel ist, ist nur ein bißchen untrainiert. Es sind kleine Erinnerungslücken."

Zwei Menschen, ein Paar, sitzen in einem Altersheim in der Abteilung für Demenzkranke. In Rückblenden lernt man die Vergangenheit dieser beiden kennen: Das Schöne des Anfangs und den langsamen Verlust des Schönen.

"Er" und "Sie", beide etwas älter, haben ihr Leben miteinander verbracht. Die Hochs wie die Tiefs, die guten und die schlechten Zeiten. Nun blicken sie in Anbetracht des herandräuenden Vergessens auf die gemeinsame Vergangenheit zurück, während die Gegenwart doch dabei ist, sie einzuholen...

Üblicherweise besteht die Dramaturgie eines Theaterstückes darin, daß die Figuren auf der Bühne mit immer mehr Details über sich selbst und ihren Charakter ausgestattet werden. Am Ende des Stückes wissen sie im besten Falle mehr über sich, und das Publikum weiß mehr über die Welt.
Was aber geschieht, wenn die Figuren eines Stückes immer vergeßlicher werden oder am Ende gar dement sind und alles, was sie je ausgemacht hat, vergessen haben? Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn nichts von einem übrigbleibt?
Läßt sich unter der Prämisse, daß zwei Menschen sich selbst und dem Publikum immer fremder werden, eine Theaterdramaturgie aufrechterhalten? Zum Beispiel diese: Zwei Menschen, ein Paar, sitzen in einem Altersheim in der Abteilung für Demenzkranke. In Rückblenden lernt man die Vergangenheit dieser beiden kennen: Das Schöne des Anfangs und den lang samen Verlust des Schönen. Die immer heftiger werdenden gegenseitigen Vorwürfe, die mit zunehmender Vergeßlichkeit immer unspezifischer werden, indem sie einander Dinge vorwerfen, die sie gar nicht miteinander erlebt haben, weil sich die Erinnerung mehr und mehr verfälscht. Könnten diese zwei Alten, die am Ende einander nicht mehr erkennen, noch einmal von vorne anfangen? Könnte der letzte Akt ein schüchterner Versuch des Kennenlernens und Verliebens sein, als wären sie einander noch nie begegnet? Ist die Leere, der Verlust des Gewesenen der kommende Tod oder ein neuer Anfang?
Peter Turrini

Ein Wunder von einem Kammerspiel ist Peter Turrini da geglückt: zwei ergiebige, glaubhafte Rollen, poetische, warmherzige Dialoge und der Grundton der Zuversicht, der sein Alterswerk überglänzt. Eine Pretiose in Zeiten der Novitäten-Inflation, in großer Besetzung.
(Kronen Zeitung)

Ein voralpenländischer Rappelkopf ("Er", Johannes Krisch) rollt mit seinem Lebensmenschen ("Sie", Maria Köstlinger) gemeinsam in den Sonnenuntergang. Die Rückblende ist von nun an das Fach, in dem Greis und Greisin brillieren. Krisch kann mit seinen Feueraugen Wände durchbohren, und er besitzt den schwadronierenden Überschwang einer Ferdinand-Raimund-Figur. In der Auseinandersetzung mit dem Enkel (Moritz Hammer) verkörpert dieser Berggeist das Gewicht von tausend Jahren! Und ist sich anschließend doch nicht zu gut, voller Feuereifer mit den Matchboxautos seines Kindeskindes zu spielen. "Sie" setzt seinem Egoismus viel stillen Trotz entgegen: Köstlinger ist die Rolle des Hutzelweibchens nicht eben auf den Leib geschnitten. Aber sie mobilisiert gleichermaßen die Waffen stiller Renitenz und lauten Aufbegehrens. Die Ehekriegsscharmützel zum langen Abschied atmen die vergiftete Atmosphäre von Strindbergs "Totentanz". Regisseur Alexander Kubelka hat die Ausübung des Kriegshandwerks im Ehestand gleich mitberücksichtigt, von Ibsen bis Fosse reicht die atmosphärische Palette. Wobei der Satiriker Turrini sich nicht scheut, den Privatanbau von Tomaten zum Gipfel esoterischer Verworfenheit zu erklären!
Zu sich selbst gelangen Turrini-Figuren freilich nur dann, wenn sie mitten im Verschwinden zu Geschöpfen von ungeahntem Eigensinn erblühen. So auch hier, in einem dramatischen Postskriptum von (auch darstellerisch) hohem Reiz: Zwei Entliebte finden durch die Gnade des Vergessens wieder zärtlich zueinander.
Darin liegt, wie so häufig bei Turrini, ein winzig kleiner Kern gelebter Unmöglichkeit. Um derentwillen muss man diese Aufführung selbstverständlich lieben – und darf sie keinesfalls vergessen!
(Der Standard)

Es ist vielleicht das schönste, sicher aber das persönlichste Stück, das Peter Turrini in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Es geht um Liebe, um Zärtlichkeit, um Wut, um das Leben an sich. Turrini legt den Finger auf die erlebten und die nicht erlebten Wunden, spielt virtuos mit Leben, Zeit und Metaebenen. Herrlich leicht, tieftraurig, hinreißend komisch, politisch knallhart liefert sich dieses Paar einen furios-rüden-zärtlichen Schlagabtausch. Köstlinger findet zu großer Intensität. Das Ereignis ist Johannes Krisch. Wie er den ehemals reichen Industriellen gibt, den verletzbaren Revoluzzer, den Liebenden, der Träume verraten hat und sich nun auf Spielzeugautos zurückzieht – das ist grandiose Schauspielkunst. Denn Krisch ist auch Turrini, ganz im Sinne des Autors – genial.
(KURIER)

Die vielleicht beste Produktion dieses bewegten Theaterherbstes. Es gibt bezaubernde und berührende Szenen, es wird viel geküsst, getobt, hitzig und gallig gestritten. Maria Köstlinger und Johannes Krisch brillieren in einer Fülle immer neu verblüffender Facetten. Die Schauspielkunst triumphiert in atemberaubender Weise.
(Die Presse)

"Gemeinsam ist Alzheimer schöner" ist kein echtes Alzheimer-Stück, sondern ein Erinnerungs-Paartanz, bei dem man einander - mal absichtlich, mal aus Versehen - immer wieder auf die Zehen steigt. "Das ist doch ganz normal, dass man in unserem Alter den Überblick verliert", beruhigt der Mann seine Gattin und versucht mit ihr, den hochkomplexen Vorgang des Zähneputzens auf die Reihe zu bekommen. Es ist eine von vielen berührenden Szenen, in denen Komik und Tragik einander die Waage halten. Wunderbar gelingt auch das gemeinsame Erfinden eines noch unbekannten Shakespeare-Dramas, in dem Medikamente die Namen der Protagonisten erhalten und aus dem Nichts Welttheater entsteht. Hier ist das ganze Credo des Dichters Turrini zu einer einzigen Szene verdichtet. Johannes Krisch hat sich für den Altersheim-Insassen eine genaue, intensive Menschenstudie erarbeitet, einen Patriarchen, der ebenso Großbauer wie Großbürger sein könnte, dem die Steifheit in die Glieder und das Zittern in die Finger gefahren ist, dessen Blick immer wieder ins Nichts abdriftet und in dessen Kopf Starrsinn und Einsicht, Härte und Milde miteinander zu ringen scheinen. In den unvermittelten Rückblenden kann er charmant und gewinnend, voller Elan und Zuversicht sein. Und im Zusammenspiel ziehen Maria Köstlinger und Johannes Krisch alle Register. In den Erinnerungen wird einander nichts geschenkt.
(APA)

Peter Turrinis "Gemeinsam ist Alzheimer schöner" widmet sich dem Anfang und Ende der Liebe. Es erzählt vom Erlöschen der Erinnerung, aber auch von dem, was bleibt, wenn die Persönlichkeit zerfällt: die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Zweisamkeit. Maria Köstlinger und der an die Josefstadt gewechselte Johannes Krisch spielen dieses Paar, mit großer Verve und ungebremst emotional. Ehehölle mit großen Gesten und starken Pointen. Und weil der Autor Peter Turrini heißt, schenkt er den beiden exzellenten Schauspielern und ihrem Publikum nicht nur dramatische Monologe, lyrische und sentimentale Momente. Das Stück ist auch eine wütende, laute Abrechnung mit seiner eigenen Generation und all den Dingen, die sie so epochal vergeigt hat. Nach eineinhalb Stunden: großer, anhaltender Jubel für ein exemplarisches Sozial- und Beziehungsdrama, das keinen unberührt lässt, der schon einmal jung oder alt war.
(Kleine Zeitung)

Die Wände einerseits bedrohlich, aber auch von einer Sekunde zur anderen zu echten Projektionsflächen werden zu lassen, darin liegt die Stärke des Regisseurs Alexander Kubelka, bei dem sich die alte Frau und der alte Mann bald aus den Stühlen erheben und sich ohne Kostümwechsel als Jungverliebte glaubhaft in den Armen liegen, um Stationen der Ehe in jeweils rasch eingefügten Rückblenden Revue passieren zu lassen. Er, Johannes Krisch, ungemein präsent und deshalb auch vordergründiger, aber mit einer breiten Tonskala, sie, Maria Köstlinger, so subtil, dass es manchmal so scheint als gerate sie ins Hintertreffen, obwohl sie gerade die psychologische Dimension des Vergessens ungemein stark zu vermitteln vermag.
(Vorarlberger Nachrichten)

Regie
Alexander Kubelka

Bühnenbild
Florian Etti

Kostüme
Elisabeth Strauß

Musik
Patrick K.-H.

Dramaturgie
Leonie Seibold

Licht
Sebastian Schubert

Er
Johannes Krisch

Sie
Maria Köstlinger

Der kleine Enkel
Moritz Hammer / Stanislaus Hauer

Stimme Alfred Nimmerrichter
Roman Schmelzer

Stimme Eckehard Gerl, MBA
Michael Dangl