Nestroy, der unsichtbare Trump und eine Zitronen Tarte

Nestroy, der unsichtbare Trump und eine Zitronen Tarte

Wie aus einem zufälligen Treffen, ein tiefgründiges Gespräch über Moral, Anstand und Skrupel geworden ist. Im Mittelpunkt: Johann Nepomuk Nestroy

Dominique Schnizer und Christin Treunert sind zwei Urgewalten. Ihm sieht man es sofort an, bei ihr merkt man es verzögert aber umso stärker. Das kongeniale Duo inszeniert gerade das Mädl aus der Vorstadt am Theater in der Josefstadt. Er macht Regie, sie Bühne und Kostüme.

1 Cafe Latte, dazu eine Zitronen Tarte im Cafe Oberlaa, unweit des JST. Gerade sind die Proben auf der Probebühne zu Ende gegangen, Ende der Woche wechselt man auf die Hauptbühne. Grosses Ensemble, mit bekannten Ensemble-Gesichter, einer jungen Reinhardt Seminar Absolventin, „Publikumslieblinge“ wie Robert Meyer und Juergen Maurer und die Couplets! Die wichtigen scharfzüngigen Couplets stammen von Nino aus Wien in musikalischer Verhaftung mit pauT. Man weiss eigentlich gar nicht, was man zuerst fragen soll(te). Jedoch, am Anfang steht sie nun, die Frage:

JST: Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ ist über 180 Jahre alt. Was macht diesen Stoff für Sie heute interessant?

Schnizer: Das Erstaunliche an Nestroy ist, wie gegenwärtig seine Beobachtungen geblieben sind. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Geld, Ansehen und Herkunft darüber entscheiden, welchen Platz ein Mensch einnehmen darf. Hinter den gesellschaftlichen Konventionen verbergen sich Eitelkeit, Eigeninteresse und die Angst, den eigenen Status zu verlieren. Das alles kennen wir noch heute. Nestroy hat dafür einen unglaublich präzisen Blick. Er entlarvt menschliches Verhalten, ohne seine Figuren auf eine einzige Eigenschaft zu reduzieren. Gerade diese Widersprüchlichkeit macht ihn so modern.

JST: Das Stück trägt den Untertitel „Ehrlich währt am längsten“. Ist das bei Nestroy überhaupt ernst gemeint?

Schnizer: Natürlich steckt darin eine gewaltige Ironie. Bei Nestroy ist die Welt nie so eindeutig, wie es ein Sprichwort behauptet. Die Ehrlichen haben es schwer, während andere mit ihren Täuschungen zunächst erstaunlich gut durchs Leben kommen. Der moralische Anspruch und die gesellschaftliche Wirklichkeit fallen auseinander. Mich interessiert genau diese Spannung. Nestroy zeigt uns eine Welt, in der sich jeder seine eigene Wahrheit zurechtlegt. Und am Ende stellt sich die Frage, ob die Ehrlichkeit tatsächlich siegt oder ob die Gesellschaft nur für einen kurzen Augenblick ihre eigene Verlogenheit erkennen muss.

JST: Im Zentrum steht auch eine Gesellschaft, in der Geld über Macht und Zugehörigkeit entscheidet. Welche Bedeutung hat das für Ihre Inszenierung?

Schnizer: Geld bestimmt in diesem Stück nicht nur die äußeren Lebensverhältnisse, sondern beeinflusst auch die Beziehungen der Menschen zueinander. Wer Vermögen besitzt, kann sich Freiheiten erlauben, die anderen verwehrt bleiben. Wer gesellschaftlich unten steht, muss sich ständig behaupten. Nestroy führt diese unterschiedlichen Schichten zusammen und lässt sie aufeinanderprallen. Dabei entsteht eine Komik, die keineswegs harmlos ist. Hinter jeder Verwechslung, jeder Intrige und jeder scheinbar beiläufigen Bemerkung wird eine gesellschaftliche Ordnung sichtbar.

JST: Eine besonders interessante Figur ist Schnoferl (Robert Meyer). Was macht ihn für Sie aus?

Schnizer: Schnoferl besitzt eine besondere Fähigkeit, die Verhältnisse zu durchschauen. Er kennt die Menschen, ihre Schwächen und ihre Eitelkeiten. Dabei ist er selbst keineswegs frei von Widersprüchen. Gerade das macht ihn interessant. Er steht mitten in diesem gesellschaftlichen Gefüge und kann es zugleich kommentieren. In ihm steckt etwas von Nestroy selbst: eine Figur, die mit Witz und sprachlicher Präzision die Wirklichkeit zerlegt und dabei immer auch ihre eigene Position mitverhandelt.

JST: Sie haben in Ihren Überlegungen die Doppelbödigkeit des Nestroy’schen Humors hervorgehoben. Was verstehen Sie darunter?

Schnizer: Bei Nestroy ist das Lachen selten eindeutig. Eine Situation kann zunächst vollkommen absurd und komisch erscheinen. Doch hinter der Komik verbirgt sich oft etwas sehr Ernstes. Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft beurteilt, Macht wird missbraucht, gesellschaftliche Rollen werden gespielt und persönliche Interessen als moralische Grundsätze ausgegeben. Das ist bis heute eine vertraute Realität. Ich glaube, dass man diese Doppelbödigkeit ernst nehmen muss. Man darf den Humor nicht glätten, aber man sollte auch nicht versuchen, ihn ständig zu erklären. Das Publikum muss selbst entdecken können, worüber es eigentlich lacht.

JST: Auch Maske und Kostüm scheinen mit dem Gegensatz zwischen Schein und Wirklichkeit zu spielen. Welche Idee steckt dahinter?

Treunert: Uns interessiert eine Gesellschaft, die nach außen ihren Wohlstand und ihre Unversehrtheit behauptet, obwohl sich bei genauerem Hinsehen längst Risse zeigen. Die Kostüme greifen diese Doppelbödigkeit auf. Auf den ersten Blick wirken sie prächtig, elegant und kostbar. Doch wenn man genauer hinsieht, entdeckt man Abnutzungsspuren, geflickte Stellen, beschädigte Materialien. Der Glanz ist nicht mehr ganz echt, oder zumindest nicht mehr unversehrt. Das ist für mich ein sehr schönes Bild für Nestroys Figuren. Sie investieren unglaublich viel Energie in die Aufrechterhaltung eines gesellschaftlichen Scheins, die mit ihren tatsächlichen Handlungen nicht übereinstimmt.

JST: Wie setzt sich diese idee im Maskenbild fort?

Treunert: Mich interessiert dabei weniger eine realistische Darstellung als eine Ästhetik, in der man spürt, wie sehr sich diese Menschen darum bemühen, etwas zu verkörpern, das sie möglicherweise längst nicht mehr sind. Die Maske wird dadurch selbst zu einem Ausdruck ihrer Widersprüche. Dabei darf das Künstliche sichtbar bleiben, vielleicht sogar bewusst überzeichnet werden.

JST: Ist diese Brüchigkeit auch eine Möglichkeit, Nestroys Komik sichtbar zu machen?

Schnizer: Nestroys Komik entsteht häufig aus dem Abstand zwischen dem, was jemand sein möchte, und dem, was er tatsächlich ist. Eine Figur kann sich noch so würdevoll präsentieren – wenn ihre ganze Erscheinung bereits etwas anderes erzählt, entsteht eine zusätzliche Ebene des Humors. Das ist keine bloße Karikatur. Dahinter steckt auch etwas Melancholisches. Seine Figuren sind lächerlich und zugleich menschlich.

JST: Wie gehen Sie mit der historischen Sprache um?

Schnizer: Nestroys Sprache hat eine enorme Musikalität. Sie lebt von Rhythmus, Tempo, Brüchen und überraschenden Wendungen. Entscheidend ist, dass man diese Sprache nicht nur reproduziert, sondern ihren inneren Rhythmus versteht. Dann wird sie lebendig und unmittelbar. 

JST: Die Couplets werden für diese Inszenierung neu bearbeitet durch den Nino aus Wien. Welche Rolle spielt die Musik?

Schnizer: Die Couplets sind bei Nestroy ein ganz wesentliches Mittel, um aus der Handlung herauszutreten und die Gesellschaft unmittelbar zu kommentieren. Sie schaffen eine Verbindung zwischen der Welt des Stücks und der Gegenwart des Publikums. Gerade deshalb ist es interessant, sie neu zu denken. Musik eröffnet eine andere Ebene der Wahrnehmung. Sie kann einen Gedanken zuspitzen, eine Situation brechen oder eine scheinbar leichte Szene plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lassen. Dabei darf sie auch ihre eigene Kraft entwickeln. Entscheidend ist, dass Sprache, Musik und Spiel miteinander in Beziehung treten. Und das schafft unserer Meinung nach der Nino aus Wien perfekt.

JST: Wie viel Gegenwart verträgt ein Stück von Nestroy?

Schnizer: Sehr viel, solange man dem Stoff vertraut. Ich glaube nicht, dass man Nestroy zwanghaft modernisieren muss. Seine Figuren und Konflikte erzählen bereits erstaunlich viel über unsere Gegenwart. Interessanter ist die Frage, welche gesellschaftlichen Mechanismen sich seit damals kaum verändert haben. Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich, die Sehnsucht nach Anerkennung, die Macht gesellschaftlicher Konventionen oder die Bereitschaft, andere Menschen vorschnell zu verurteilen. All das steckt im Stück. Man muss es nicht künstlich hineintragen, sondern sichtbar machen.

JST: Was wünschen Sie sich, dass das Publikum aus diesem Abend mitnimmt?

Schnizer und Treunet: Zunächst einmal wünschen wir uns, dass die Menschen lachen. Dass sie Freude an dieser Sprache, an den Figuren und an den überraschenden Wendungen haben. Aber vielleicht entsteht hinter dem Lachen noch ein zweiter Gedanke. Vielleicht erkennt man etwas von den eigenen Verhaltensweisen, von gesellschaftlichen Mechanismen, die man längst für selbstverständlich hält. Nestroy besitzt die seltene Fähigkeit, uns zu unterhalten und gleichzeitig unseren Blick zu schärfen. Wenn das gelingt, hat Theater schon sehr viel erreicht.

Das Gespräch ist beendet. Der Cafe Latte ausgetrunken, die Zitronen Tarte bis auf den letzten Bissen aufgegessen. Die beiden SchöpferInnen des neuen Nestroys an der JST sind noch lange nicht am Ende ihrer künstlerischen Kraft. Jetzt ist Endspurt.

Es war ein weitaus humorvoller und lebhafter Austausch, als vielleicht das geschriebene Wort vermuten lässt. Es ist eben genauso Doppelbödig abgelaufen wie der gesamte Nestroy selbst ist. Man bleibt nicht unberührt und reflektiert vieles. Wir sehen einander im Theater!

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