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Theater in der Josefstadt

Elfriede Jelinek

Rechnitz (Der Würgeengel)

Premiere
14.01.2021

Ich habe zu sagen, daß, obwohl sich niemand das vorstellen kann, noch zwei Tage bevor der Russe kam, diese Orgie stattgefunden hat, deren Teilnehmer Sie nicht sind, Sie sind nun mal nicht auf meiner Liste, tut mir echt leid!, auf der Gästeliste stehn Sie nicht, und ich habe die Einladungsliste bekommen, vielleicht stehn Sie auf der Opferliste?, aber das wollen Sie sicher gar nicht wissen.
Elfriede Jelinek*

Kurz vor Kriegsende – in der Nacht auf den Palmsonntag 1945 – findet auf dem Schloss der Gräfin Margit von Batthyány, Tochter des Barons Heinrich Thyssen-Bornemisza, im burgenländischen Rechnitz ein ausgelassenes Fest statt, an dem auch einige ranghohe NSDAPMitglieder teilnehmen. Im Laufe des Abends werden an mehrere Gäste Waffen verteilt und 180 ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter erschossen. Am nächsten Tag verlässt Margit von Batthyány Rechnitz. Sie wird fortan in der Schweiz leben.

Die Täter des Massakers wurden nie zur Verantwortung gezogen, der Fall Rechnitz blieb unaufgeklärt. Die Lage des Massengrabs, in dem die Opfer verscharrt wurden, ist bis heute unbekannt. Zwei Hauptzeugen der Verbrechen wurden 1946 ermordet. Mit Rechnitz (Der Würgeengel) setzt Elfriede Jelinek dem kollektiven Verschweigen und Verdrängen einen sprachgewaltigen und eindringlichen Text gegenüber.

"Indem man diese Sünden der Väter und Großväter gebetsmühlenhaft immer wieder hervorholt, ohne ihnen wirklich analytisch auf den Grund gehen zu wollen oder ihr Fortwirken in der Gegenwart zu untersuchen, deckt man Geschichte zu, statt ihr die Kleider vom Leib zu reißen. Indem man sich also letztlich geschichtslos und mythologisierend, also sie mit vielen Worten bloß verhüllend, diesen Verbrechen stellt, kann man nicht wirklich die historische Wahrheit für diejenigen, die nichts mehr darüber wissen, auch emotional nachvollziehbar machen. Dann erschöpft es sich in bloßem Gerede. Dieses Gerede versuche ich zu demaskieren."
Elfriede Jelinek

*Pia Janke, Teresa Kovacs, Christian Schenkermayer (Hrsg.): "Die endlose Unschuldigkeit": Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) ©2010 Praesens Verlag 2010, Wien.