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Kammerspiele der Josefstadt
Premiere: 26.04.2018

Ronald Harwood

Der Garderober

ca. 2 Stunden, 25 Minuten (Pause nach ca. 65 Minuten)

Deutsch von Max Faber

Als ich zum ersten Mal
den Lear spielte, gab
es ein echtes Gewitter.
Jetzt schicken sie
Bomben. Was muss ich
denn noch alles ertragen?
Wir sollen heute
Abend Shakespeare
spielen, und sie tun alles
Mögliche, mich davon
abzuhalten!

Sir

Am Theater gibt es ein ehernes Gesetz: Entweder du bist da zur Vorstellung, oder du bist tot. Dazwischen wird nichts akzeptiert. Sir, der Prinzipal und Protagonist einer Theatertruppe, die in den 1940er Jahren durch die englische Provinz tourt, hat sich ein Leben lang daran gehalten. Doch nun ist Sir alt, krank und ausgebrannt. Shakespeares König Lear soll er heute Abend spielen – oder ist es Othello? Seine desillusionierte Frau ist keine Hilfe, die Kollegen verachtet er.
Unerschütterlich zur Seite steht ihm Norman, sein Garderober. Er ist Diener, Souffleur, Kindermädchen, oft auch Therapeut, und erträgt geduldig die Launen des egozentrischen Bühnentyrannen. Norman ist unerbittlich vernarrt ins Theater, auch wenn dieses seine Zuneigung nicht unbedingt erwidert. Inmitten der Bombardierungen durch die Deutschen, die Sir als Störung und persönliche Beleidigung empfindet, versucht der Garderober alles, damit die Vorstellung stattfindet.

Ronald Harwoods Tragikomödie basiert auf seiner eigenen Erfahrung als Schauspieler und Garderober des britischen Charakterdarstellers Sir Donald Wolfit, Prinzipal einer Shakespeare- Company. Der Garderober ist der wohl größte Theatererfolg des oscargekrönten Autors (2002 für Der Pianist), zwei Mal wurde das Stück verfilmt. Ein brillantes und faszinierendes Psychoduell zweier gegensätzlicher Männer und eine Liebeserklärung an das Theater und an die Menschen, denen seine Bretter die Welt bedeuten.

König und Zauner erfüllen diese wunderbare Tragikomödie, dieses bitter-süße Hohelied auf das Theater und seine Menschen mit Leben, spielen grandios mit der Balance zwischen Witz und Wahnsinn, Kunst und Kitsch, Komik und Tragik. Herrliche Pointen und Momente echter Rührung inklusive. Was Michael König als todkranker, eitler, dann wieder kindisch verzweifelter "Sir" und Martin Zauner als diesem grenzenlos ergebener Norman leisten, ist großartig. Da spielen sich zwei Vollblutschauspieler die Bälle höchst virtuos zu. Martina Stilp kreiert einen starken Charakter. Wie auch Elfriede Schüsseleder oder Alexander Strobele. Swintha Gersthofer und Wojo van Brouwer assistieren souverän.
(KURIER)

Harwoods Stück bezieht seinen Reiz aus der stillschweigenden Umkehrung der Hierarchie. Prinzipal (Michael König), vom Autor der britischen Bühnenlegende Donald Wolfit nachgebildet, baut zusehends ab. Man sieht König am Schminktisch sitzen und gewahrt die Todesangst in den Augen dieses Riesen. Zauner dominiert als Strippenzieher die Bühne von Maurizio Balò still. Norman, der verhinderte Schauspieler, mixt seinen Charakter zu gleichen Teilen aus Ehrgeiz, Brandy und Subversion zusammen. Mit seines Meisters stillem Tod gerät er aus den Fugen. Nie haben Gift und Galle köstlicher gemundet als in Zauners Psychogramm. Das Ensemble rundherum punktet in der schönsten Hinterbühnenszene der Welt: Wenn "Lear" alias "Sir" vergisst, in dem nach ihm benannten Stück aufzutreten.
(Der Standard)

Michael Königs imposantes Altersgesicht bekommt in der Schminkmaske die richtige wahnhafte Starre. Im verschlissenen Königsmantel wie im Strotterkittel steckt auch der Kobold, der die Frauen um ihn auf Trab hält. Sogar noch über den Tod hinaus. Man glaubt ihm die Angst vor der Einsamkeit ohne Publikum und den Drang, seine Memoiren zu schreiben - damit etwas vom Leben und der Kunst bleibt. Mit sanfter Melancholie entzückt Alexander Strobele im karnevalsreifen Narrenkostüm der Altmeisterin Birgit Hutter.
(Wiener Zeitung)

Der italienische Bühnen-Doyen Cesare Lievi hat fabelhaft inszeniert. Er setzt Harwoods Klassiker inspiriert, witzig und doch mit gebotenem Ernst in Szene. Der erprobte Tragikomiker Martin Zauner als Garderobier Norman findet in Michael König den perfekten Gegenpart. Eine tolle Bernhard-Gestalt gelingt da. Ein fabelhaftes Theaterpaar das beeindruckt. Erfreulich auch Martina Stilp, Alexander Strobele und die anderen.
(Kronen Zeitung)

Das Stück ist ein gefundenes Fressen für zwei Vollblutschauspieler - Martin Zauner und Michael König als hervorragende Protagonisten. König spielt den alten und ausgebrannten drittklassigen Prinzipal einer Shakespeare-Truppe, der sich von allen nur mit "Sir" ansprechen lässt und vor seiner 227. Vorstellung als "König Lear" nach einigen mentalen Aussetzern im Krankenhaus gelandet ist. Zauner ist als sein langjähriger Garderober Stichwortgeber und seelische Stütze, Kindermädchen und Altenbetreuer in einem. Mit allen Mitteln und Tricks kämpft er darum, die Vorstellung nicht ausfallen lassen zu müssen. Sind die beiden miteinander auf der Bühne, knistert es. Dann wird die Verrücktheit dieser Scheinwelt genüsslich bloßgelegt.
(APA)

Cesare Lievi hat mit gewohnt einfühlsamer Hand inszeniert, er lässt seinen Schauspielern den Raum, den sie brauchen und auch nutzen. Michael König gibt den Sir, changiert dabei zwischen hochfahrend und zutiefst versponnen, erst erschöpft und verstört, dann wieder seine Befehle munter bellend, eine Glanzleistung, wie er da mit langer Unterhose und Lesebrille an einen anderen Großen erinnert, der tatsächlich ein König Lear von schmerzender Heiterkeit war. Zauner stattet seine Figur mit einer von Brandy beflügelten Unerschütterlichkeit aus. Immer gewitzter Therapeut, niemals nur ein Diener, spielt er einen, der den Mächtigen zu nehmen und zu gängeln weiß. Und dabei die Herrschaftsverhältnisse umdreht. Ein Souverän im Arbeitsmantel.
Martina Stilp brilliert als desillusionierte, das Theater endlich an den Nagel hängen wollende Milady und Elfriede Schüsseleder als lebenslang liebende Madge. Swintha Gersthofer ist ein neckisches Jungtalent Irene, die den alternden Chef um den Finger wickeln will. Alexander Strobele und Woja van Brouwer haben ihre Momente als Thornton, der als Lears Narr zu neuer darstellerischer Größe avanciert, und als störrischer "Bolschewik" Oxenby.
Mit seinem Abend jedenfalls wird Lievi den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg einfahren. Wunderbar Szenen, die hinter eine Theaterwelt der 1940er-Jahre blicken lassen – die Regie verzichtet auf Modernisierungen -, großartig, wie der König einen Lear im vollen Ornat und mit aufgemalter Maske gibt, wie man ihn wohl heute nicht mehr machen würde.
(Mottingers Meinung)

Zwei Bühnengiganten brillieren in gegensätzlichen Glanzrollen: Michael König spielt den alten, kranken, verwirrten und despotischen Sir, der während der deutschen Bombenangriffe in den 1940er-Jahren zum 228. Mal Shakespeares King Lear spielen soll. Martin Zauner ist sein witziger Garderober Norman, der dafür sorgen muss, dass die Vorstellung stattfindet.
(Österreich)

Sind wir Macbeth oder Lear?
Hitler macht es den Shakespeare-Compagnien nicht leicht: Cesare Lievi inszeniert "Der Garderober" von Ronald Harwood an den Wiener Kammerspielen.
Wenn im britischen Englisch von "The Blitz" gesprochen wird, dann meint man nicht das Naturphänomen der grellen elektrischen Entladung beim Gewitter. Vielmehr wird so das beinahe unaufhörliche Bombardement großer Teile des vereinigten Königreichs genannt, das Hitler, Göring und deren Spießgesellen von September 1940 bis Mai 1941 auf die Briten niedergehen ließen. Ältere Semester erinnern sich noch daran. So wohl auch der 1934 in Kapstadt, Südafrika, als Ronald Horwitz geborene Sir Ronald Harwood, Autor von "The Dresser", mit dem er 1980, damals noch nicht von der Königin mit dem Ritterschlag geadelt (das geschah 2010), seinen Durchbruch feierte. Darin verarbeitet Harwood eigene Erfahrungen als Kleindarsteller und dann hauptsächlich Assistent von Sir Donald Wolfit, der mit einer eigenen, auf Shakespearesche Dramen abonnierten Truppe durch die englische Provinz tourte. Auch während des Zweiten Weltkrieges, während der Luftangriffe. Womit wir mitten in der Handlung von "Der Garderober" (in der Übersetzung von Max Faber) angelangt wären.
Die Sirenen ertönen, bald ist wohl in der mittelgroßen Stadt, in der die Theaterleute auftreten, mit einem weiteren Bombenhagel zu rechnen. Der Prinzipal der Truppe, von allen respektvoll – oder doch sarkastisch, wegen fehlender royaler Anerkennung gar? – nur "Sir" genannt, hat aber ganz andere Probleme. "Wie lautet mein erster Satz gleich noch?2, fragt, die Verzweiflung steht ihm ins Gesicht geschrieben, der Schweiß auf der Stirn, Michael König in der zweiten Hauptrolle. Um gleich danach dem alten Souffleusenwitz, "Keine Details, liebe Frau, welches Stück!?!2 zur Bühnenwirksamkeit zu verhelfen. In der Titelrolle des Garderobiers, in Wahrheit aber eher Mädchen für alles, höflicher ausgedrückt: Faktotum des Sirs, kommt ihm Martin Zauner, sein Norman bereits leicht genervt und darob immer wieder einen Zug aus dem Flachmann nehmend, zu Hilfe: "Führt ein die Herren von Frankreich und Burgund, Gloster!", wir geben heute den Lear, Sir." Es ist die 272. Vorstellung von König Lear für den Sir. "Nein, Sir, nicht Othello!", erinnert Norman ihn sodann, da jener sich bereits das Gesicht schwarz zu färben beginnt. Diese Shakespeare-Compagnie hat aber noch mit ganz anderen Beschwernissen zu ringen. Junge Männer sind rar, stehen an allen Fronten, haben eine Zeit fürs Schauspiel, weswegen ältliche Kriegsdienstuntaugliche einspringen. Als der Sir an der Rampe des Stadttheaters, als für uns unsichtbar aber keineswegs unhörbar, im Off steht (und, einmal in Fahrt gekommen, kaum noch aus der Rolle fällt), sehen wir auf der Bühne der Wiener Kammerspiele Swintha Gersthofer als kecke Irene, die, um vorwärts zu kommen, den greisen Sir in seiner Garderobe unverschämt umgarnt, die Pauken schlagen, Norman das Blech schütteln und Wojo van Brouwer als hinkenden Koloss Mister Oxenby, ein verbitterter Statist und Möchtegern-Dramatiker, an der Windmaschine drehen – die Sturmszene in "König Lear" aus der Inspizientenperspektive! Für das authentisch wirkende Bühnenbild, halb Hinterbühne, halb Sirs Garderobe, ist Maurizio Baló verantwortlich.
Dann spielen sich noch, vor Vorstellungsbeginn und in der Pause des "Lear" (oder war’s "Macbeth"? Nein! Nie das "schottische Stück" beim Namen nennen, sonst: dreimal im Kreis drehen, ausspucken, fluchen und was an apotropäischen Klischees Harwood da sonst noch in den "Garderober" verpackt hat) ganz andere Dramen ab. Die Lebensgefährtin des Sir – er nennt sie "Pussy", Norman nur: "Milady" -, am Rande des Nervenzusammenbruchs und eines Wutanfalls verkörpert von Martina Stilp, will endlich ein ernstes Wort mit ihm sprechen, wovon Norman sie abzubringen versucht. Die ewig ignorierte Verehrerin Magde, die kriegsbedingt Kartenverkauf und Bühnentechnik übernommen hat, kann auch nicht mehr so weiterwursteln, was wir Elfriede Schüsseleder und ihrem resignierten Auftreten unbedingt abnehmen. Dann wäre da noch Kleindarsteller Geoffrey, der gestern den zweiten Hellebardenträger von links, heute aber König Lears Narren spielen muss, was Alexander Strobele schön verzweifelt anspricht.
All das bringt Cesare Lievi mit dem tollen Ensemble in knapp zweieinhalb Stunden unter. "Der Garderober" ist kein "well made play", vor allem, weil es sich nicht zwischen schwarzer Komödie und Problemstück entscheiden will. Dennoch lohnt der Ausflug in die Kammerspiele, schon um Martin Zauner um Michael König herumscharwenzeln zu sehen und das hier nicht vorwegzunehmende traurige Ende mitzufühlen.
(FAZ)

Michael König in einer Paraderolle!
(Tiroler Tageszeitung)

Das Stück schwankt zwischen Tragödie und schwarzer Komödie. In der Regie von Cesare Lievi darf Martin Zauner sein Können beweisen und Michael König steht ihm als arroganter, selbstverliebter, dabei schon leicht dementer "Sir" kaum nach. Große Schauspielkunst!
(Falter)

Michael König und Martin Zauner glänzen in den Wiener Kammerspielen, sie machen die zweieinhalb Stunden durch ihre intensive Präsenz und Melancholie zum Erlebnis. Es ist eine Wonne Michael König in dieser Rolle zu sehen. Im von Maurizio Baló liebevoll als Wanderbühnengarderobe gestalteten Raum erlebt man weiters Martina Stilp als Sirs Lebensabschnittspartnerin Mylady, die auf der Tour durch die Provinz alle Hoffnung fahren hat lassen, Elfriede Schüsseleder, die als ältliche Jungfrau in unerwiderter Liebe glüht, Swintha Gersthofer spielt die berechnende Jungschauspielerin, Wojo van Brouwer den talentlosen Außenseiter, Alexander Strobele raffiniert simpel den Narren.
(Die Presse)

Regie
Cesare Lievi

Bühnenbild
Maurizio Balò

Kostüme
Birgit Hutter

Dramaturgie
Doris Happl

Licht
Sebastian Schubert

Übersetzung
Max Faber

Norman
Martin Zauner

Milady
Martina Stilp

Madge
Elfriede Schüsseleder

Sir
Michael König

Irene
Swintha Gersthofer

Geoffry Thornton
Alexander Strobele

Mr. Oxenby
Wojo van Brouwer