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Kammerspiele der Josefstadt
Premiere: 08.09.2016

Philippe de Chauveron und Guy Laurent

Monsieur Claude und seine Töchter

Uraufführung der Bühnenfassung von Stefan Zimmermann

ca. 2 Stunden, 10 Minuten (Pause nach ca. 55 Minuten)

——— Monsieur Claude und seine Frau Marie sind ein zufriedenes Ehepaar in der französischen Provinz und haben vier hübsche Töchter. Am glücklichsten sind sie, wenn die Familientraditionen genau so bleiben wie sie sind.
Die Hochzeiten ihrer drei Töchter mit Männern aus anderen Kulturkreisen setzen die Eltern gehörig unter Anpassungsdruck. In die französische Lebensart weht der Wind der Globalisierung und das gemeinsame Weihnachtsfest gerät zum interkulturellen Minenfeld. Musik in den Elternohren ist die Ankündigung der jüngsten Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen, doch auch dieser entspricht nicht so ganz den Vorstellungen der konservativen Eltern.

CLAUDE Ausgerechnet ein gemeinsames Weihnachten! Darf ich daran erinnern, dass es schon kaum möglich sein wird, ein Gericht zu finden, das gegen keine der beteiligten Religionen verstößt.
MARIE Wir können einen Truthahn machen. Ich kaufe einen bei einem arabischen Metzger: halal! Und einen in einer koscheren Metzgerei. Dann kann nichts schief gehen.
CLAUDE Und was isst der Chinese?
MARIE Truthahn, Szechuan Art.
CLAUDE Von mir aus. Solange ich an Heiligabend nicht mit Stäbchen essen muss.
MARIE Kein Mensch wird mit Stäbchen essen. Hauptsache, alle sind friedlich. Und wir sind uns einig, Claude? Wir vermeiden alle Themen wie Israel, den Dalai Lama und Burkas. Und vor allem: Kein Wort über die französische Nationalmannschaft!

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. Er hat die französische Filmvorlage in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.
Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.
Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler. Wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat.
Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt "Dracula- und Autodiebländern" findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?
(Mottingers Meinung)

"Monsieur Claude und seine Töchter", ein entzückender Film, bewährt sich auch auf der Bühne. Folke Braband zündet souverän ein Pointenfeuerwerk.
Essen Chinesen Hunde? Sind alle Araber Terroristen – und alle Juden tüchtige Geschäftsleute? Mit Vorurteilen spielt der Komödienerfolg "Monsieur Claude und seine Töchter". Die Geschichte bietet Trost angesichts unüberwindlich scheinender religiöser und/oder rassischer Gegensätze. Folke Braband hat den leichten Ton des Films beibehalten. Zwischen koscherem Champagner und Truthahn à la Sichuan amüsierte sich das Publikum köstlich.
Alles in allem: ein höchst vergnüglicher Abend mit Esprit.
(Die Presse)

Monsieur Claude ist die Adaption der gleichnamigen französischen Filmkomödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent aus 2014, die das Bedürfnis von über zehn Millionen Zuschauern nach Wohlfühlmultikulti erfüllte. Von dieser Heiterkeitsdiversität und all ihren Missverständnissen lebt auch die Inszenierung Folke Brabants. Die Bühnenfassung von Stefan Zimmermann folgt allerdings noch mehr als der Film der Pointendramaturgie, sodass vor wechselnd projizierter Rückwand (Glaubenssymbole, Landschaften) ein Sketch nach dem anderen abgeht. Dass hier ausschließlich Upperclass-Probleme verhandelt werden (Banker, Rechtsanwalt, Geschäftsmann) und nicht die Banlieue-Abgründe, steigert den Gemütlichkeitsfaktor und den Zustimmungsgrad des Publikums. Man applaudiert also auch seiner eigenen Weltoffenheit, die hier keiner gravierenden Prüfung unterzogen wird. Bei Monsieur Claude kann man aber Lockerheit im Umgang mit Neuem trainieren und sich an famoser Schauspielkunst erfreuen: insbesondere Markus Kofler in wechselnden Rollen.
(Der Standard)

Folke Braband inszeniert schwungvoll, ihm gelingt eine flotte Choreografie der Untergriffigkeiten mit netten Details. Rassismuskomödie - das ist ein schwieriges Genre.  Und tatsächlich läuft einem bei manchem Witz trotz schallendem Lachen gleichzeitig ein Schauer über den Rücken. Das Ensemble rund um Siegfried Walther als Tobsucht spuckender Claude und Susa Meyer als seine regulierende Frau Marie schafft es aber, das Bizarre an den Situationen munter herauszuschälen. Wenn Chao (Vincent Bueno) seinem jüdischen Schwager androht: "Wir Chinesen kaufen alles, sogar Israel!", oder wenn Charles, der Verlobte von der Elfenbeinküste (Peter M. Marton), als Reaktion auf die geschockten Schwiegereltern beim ersten Treffen zu Laura sagt: "Du hättest mich schon vorwarnen können, dass deine Eltern weiß sind", dann wird die ganze Lächerlichkeit bornierter Vorurteile deutlich. Noch deutlicher wird sie, wenn die Eltern von Charles kommen und Claude in sein afrikanisches Spiegelbild blickt. Wie die beiden über den jeweiligen "Ich bin kein Rassist, aber"-Bekenntnissen Freunde werden, ist so rührend wie entlarvend. Und der trockene Felix Kama und die großartig quirlige Ida Ouhé-Schmidt als Charles’ Eltern sind ohnehin das Highlight eines Abends, der zweifellos zum Publikumserfolg werden wird.
(Wiener Zeitung)

Es ist herrlich mitanzusehen, wie sich der stockkonservative Monsieur Claude mit den Schwiegersöhnen seiner drei Töchter herumplagt. Ein Jude, ein Moslem und ein Chinese sind bereits in die stolze, französische Familie Verneuil "eingedrungen", und die vierte Tochter schleppt als Bräutigam einen farbigen Schauspieler von der Elfenbeinküste an. Für Monsieur Claude ein Ding der Unmöglichkeit.
Regisseur Folke Braband macht daraus im klugen, mit vielen sehr witzigen Projektionen arbeitenden Bühnenbild von Tom Presting einen schwungvollen Clash der Kulturen mit hohem Lachfaktor, ohne jedoch seine Protagonisten der puren Lächerlichkeit auszuliefern. Diese danken es ihm auch mit spürbarer Lust am Spiel, mit Tempo, Drive und Präzision.
An der Spitze der hinreißende Siegfried Walther als Monsieur Claude, der – anders als der im Film völlig überdreht agierende Christian Clavier – einen echten, nachvollziehbaren Charakter formt. Die Pointen holt sich Walther mühelos, doch zeichnet er auch das Porträt eine Mannes, der die Welt nicht mehr versteht, der erst spät zur (humanen) Einsicht kommt. Eine tolle Leistung!
Rund um Walther agiert ein exzellentes Ensemble, das von Susa Meyer als Madame Verneuil angeführt wird. Die Töchter (Michaela Kaspar, Silvia Meisterle, Daniela Golpashin und Martina Ebm) dürfen all ihre Macken ausleben; und die Schwiegersöhne (Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermayr, Vincent Bueno, Peter Marton) stehen den Damen da in Nichts nach. Dazu kommen noch Félix Kama, Ida Ouhé Schmidt und der vielseitige Markus Kofler – fertig ist der köstliche Multikulti-Komödien-Cocktail.
(KURIER)

Darf man über angebliche jüdische Kleinkrämer, arabische Machos, asiatische Hundeliebhaber und "Braune" von Afrikas Elfenbeinküste lachen? Man darf! Besonders dann, wenn Vorurteile so charmant durch den Kakao gezogen werden.
(Kronen Zeitung)

Regie
Folke Braband

Bühnenbild
Tom Presting

Kostüme
Nicole von Graevenitz

Dramaturgie
Silke Ofner, Matthias Asboth

Licht
Franz Henmüller

Bühnenfassung
Stefan Zimmermann

Claude Verneuil
Siegfried Walther

Marie Verneuil
Susa Meyer

Isabelle
Michaela Kaspar

Michelle
Silvia Meisterle

Adèle
Daniela Golpashin

Laura
Sophie Resch

Abderazak Benassem, Ehemann von Isabelle
Ljubiša Lupo Grujčić

Abraham Bénichon, Ehemann von Adèle
Oliver Rosskopf

Chao Ling, Ehemann von Michelle
Vincent Bueno

Charles Koffi, Verlobter von Laura
Peter Marton

André Koffi
Félix Kama

Madeleine Koffi
Ida Ouhé-Schmidt

Rabbi, Pfarrer, Xavier, Psychologe, Polizist
Markus Kofler