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Theater in der Josefstadt
Premiere: 02.10.2014

Johann Nestroy

Der Zerrissene

ca. 2 Stunden, 10 Minuten, eine Pause

Posse mit Gesang in drei Akten
Musik von Thomas Hojsa und Karsten Riedel nach Motiven von Adolf Müller


Armut is ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir könnt’ einer zehn Millionen herlegen, und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet’s nicht. Und was schaut andrerseits beim Reichtum heraus? Auch wieder ein ödes abgeschmacktes Leben.
(Herr von Lips)

Es war von Nestroy eine köstliche Idee, einen Übersättigten, Abgestumpften, gegen alle Reize des Lebens Unempfindlichen, auf das Theater zu bringen: Einer der im Reichtum erzogen, im Überflusse aufgewachsen, in der Schwelgerei überfüttert, keinen Reiz mehr am Leben findet, ist der Held: ein Zerrissener, dessen Gemüt zerfleischt, dessen Gefühle abgestumpft, dessen ganzes Wesen ihm eine Qual ist.
Er hat Alles durchgemacht, seine Wünsche sind alle erfüllt worden; er findet keine Lust mehr an seiner Existenz. Da will es der Zufall, dass er mit einem Handwerker ins Gedränge kommt und beide im Ringen von einem Balkon in einen Fluss stürzen. Beide werden gerettet, da sie aber von ihrer gegenseitigen Rettung nichts erfahren, so wähnen sie, jeder einzeln, der Mörder des andern zu sein.
Nun beginnt die eigentliche Handlung des Stückes. Der Zerrissene irrt arm und in namenloser Angst als Flüchtling auf seiner eigenen Herrschaft herum. Hier lernt er den Wert der Freiheit, des Geldes, den Wert wahrer Liebe, das Herz eines edlen Mädchens und den Unwert seiner Freunde kennen. Nestroy tritt durch sein Meistertalent als Dichter hervor und lässt alle seine Witzraketen in höchster Üppigkeit los.
(Theaterzeitung zur Uraufführung von Der Zerrissene 9. April 1844, Theater an der Wien)

Wo Nestroy irgendeine moralische Ungleichung bemerkte, da stellte er sie ans Licht und gab sie dem Spott preis: er hatte eine außerordentliche Witterung für alles Komplizierte, Widerspruchsvolle, Vieldeutige in der menschlichen Natur und eine seltene Gabe, gerade die halben, gemischten, gebrochenen Seelenfarben auf seine Palette zu bringen. Er bevorzugte die ordinären Sorten der Bühnenliteratur: das Kolportagedrama, das Familienmelodram, den Schwank und die Posse, aber freilich im höchsten Maße veredelt, indem er ihnen seinen reifen, funkelnden, facettenreichen Geist okulierte. Alles Technische ist bei ihm gewollt primitiv, aber dieses grobe Gerüst dient ihm ja nur dazu, um daran die gestuftesten, menschenkundigsten Bosheiten aufzuhängen. Er war ein Auflöser der Romantik, ein unerbittlicher Unterminierer alles Pathos und Zerreißer lebensverfälschender Illusionen. Seine späteren Werke zerstören die romantischen Inhalte: eine lebensgefährlichere Parodie auf die Mode der Sentimentalität als der "Zerrissene" ist nie geschrieben worden.
(Egon Friedell)

Der Zerrissene war schon lange nicht mehr so witzig zu sehen wie in dieser Inszenierung von Michael Gampe.
(Falter)

Lange nicht mehr so gelacht! Es ist einfach großartig! Gehen Sie hin! Schauen Sie sich das an! Damit könnte man Michael Gampes Inszenierung von Nestroys "Der Zerrissene" am Theater in der Josefstadt hinlänglich beschreiben. Und aus. Aber Sie wollen wahrscheinlich mehr wissen. Also. Michael Dangl hat als Herr von Lips seinem schauspielerischen Können eine weitere feine Nuance hinzugefügt. Bislang, bei "The King’s Speech" und "Ziemlich beste Freunde", beides in den Kammerspielen, lag Dangls Komik – wie die vieler Großer – darin, eben NICHT komisch zu sein. Nun, zum Hattrick, ließ er sich ganz in die Hände von Regisseur Michael Gampe fallen – und entpuppt sich als Komödiant erster Güte.
(Mottingers Meinung)

Hat  sich Michael Dangl erst freigespielt, dann gelingt es ihm auch, die zart wachsende Beziehung zu seinem Patenkind Kathi (eine vorbildliche und zu Herzen gehende Unschuld vom Lande: Martina Ebm) glaubhaft über die Rampe zu bringen. Martin Zauner und Siegfried Walther haben als rabiater Gluthammer und grober Krautkopf ihr Komiker-Handwerkszeug ausgepackt und geben dem Affen ordentlich Zucker.
Bleibt Marianne Nentwich als Madame Schleyer. Sie legt die leichtlebige Dame, die das Glück hat, im richtigen Augenblick dem Herrn von Lips über den Weg zu laufen, im zyklamenfarbenen Kostüm samt passendem Hut mit einem kräftigen Hauch Vulgarität an - Salondame war gestern, Mut zur herben Komik ist heute, scheint sie zu signalisieren.
(APA)

Michael Gampe hat den "Zerrissenen" für die Josefstadt inszeniert, er kommt Nestroy psychologisch, keine künstlichen Spielfiguren werden hier dem Gaudium der Zuschauer preisgegeben, sondern leidende Menschen. Trotzdem ist die Aufführung recht amüsant. Köstlich sind Siegfried Walther als Krautkopf und Martin Zauner als Gluthammer, zwei echte Originale, die nicht viel tun müssen, um das Publikum zum Lachen zu bringen.
(Kurier)

Was Michael Gampe aus dieser Vorlage gemacht hat, lässt sich sehen.
Michael Dangl gibt den "Zerrissenen" Herrn von Lips mit nonchalanter Verzweiflung, uneitel und komödiantisch, ohne brachial zu sein. Man schaut ihm gerne zu. Martin Zauner sieht man seinen Spaß förmlich an beim Spielen des Ur-Wieners Gluthammer, der sich selber so brutal ernst nimmt, dass es nur noch komisch ist. Seine immer noch angebetete Madame Schleyer gibt Marianne Nentwich als routiniert mit ihren Männern wirtschaftende Frau mit Drang zum Höheren, die später am Premierenabend noch zur Doyenne der Josefstadt ernannt wird.
Trifft sich gut, dass ihr einer der schönsten Momente des Abends gehört. Gampe inszeniert mit Gespür für das richtige Tempo, die Dialoge sitzen genau wie die Pointen, ohne sich anzubiedern. Er überfrachtet das - in seiner Botschaft ohnehin klare - Stück auch nicht unnötig mit Aktualisierungen. Nur in den Couplets (Nicolaus Hagg) geht man auf die Verlogenheiten der Neuzeit ein: wie schönheitsoperierte Frauen behaupten, ihre starre Mimik sei Natur etwa, oder knickerige Passanten, dass sie ja zu Hause schon drei Augustin hätten.
Gampe nimmt Nestroy beim Wort, indem er seine Sprache nicht dialektal einwienert, sondern das Kunstsprachliche und der Wortschöpfungen und entlarvenden Pointen zum Ausdruck bringt. Für die beiden mit viel Applaus bedachten Couplets von Lips hat Nicolaus Hagg teils treffend geglückte Zusatzstrophen beigesteuert.
Qualitätvolle bis exzellente Schauspielerleistungen.
(Wiener Zeitung)

Regie
Michael Gampe

Bühnenbild
Erich Uiberlacker

Kostüme
Elisabeth Binder-Neururer

Musikalische Leitung
Thomas Hojsa

Herr von Lips, ein Kapitalist
Michael Dangl

Stifler
Oliver Huether/Michael Gampe

Sporner
Friedrich Schwardtmann

Wixer
Nicolaus Hagg

Madame Schleyer
Marianne Nentwich

Gluthammer, ein Schlosser
Martin Zauner

Krautkopf, Pächter auf einer Besitzung des Herrn von Lips
Siegfried Walther

Kathi, seine Anverwandte
Martina Ebm

Staubmann, Justiziarius
Alexander Strobele

Anton
Clemens Aap Lindenberg

Josef/Erster Knecht
Alexander Absenger

Christian/Zweiter Knecht
Josef Ellers

Gäste/Bauernvolk
Katrin Eberl, Elisabeth Kofler, Michael Edlinger, Gregor Kronthaler

Musiker
Thomas Hojsa/Marie-Theres Stickler (Akkordeon), Nikolai Tunkowitsch/Azzi Finder (Geige), Hans Nemetz (Teufelsgeige)