Bea Brocks, Therese Lohner, Silvia Meisterle und Ulli Fessl ergänzen die imponierende Haupt-Emma der Maria Köstlinger mit Hochdruck, verletzen sich willentlich, sind leidenschaftlich, gelangweilt und rastlos in der Suche nach dem Glück. Das Töchterchen Berthe (eine berührend lebhafte Puppe, exzellent geführt und gesprochen von Suse Wächter) überfordert, die Affäre mit Rodolphe endet abscheulich, ihr Kaufrausch zeitigt fatale Folgen, eine schwere Erkrankung mündet kurzfristig in eine Art Heiligenleben. Bildgewaltig und ästhetisch auf die Entstehungszeit von Gustave Flauberts 1857 erschienenem Roman verweisend, zeigt sich der erste Abschnitt des dreistündigen Unternehmens. Auch danach ist für Unruhe gesorgt, Kostüme und ein Elektroboard, mit dem der junge Liebhaber Léon (Meo Wulf) Emma begehrend umkreist, zielen auf ein Heute ab. Madame Bovarys Luftballons bringt der schmierige Kaufmann Lheureux (Siegfried Walther) mit seinen Wechselforderungen zum Platzen. Eine wilde Walpurgisnacht, Masken, Latex und Getöse illustrieren Emmas Aufbäumen vor dem Schritt in den Tod. Ein verstörend schöner Abend.
(Tiroler Tageszeitung)
Aus Erzähllust aus dem Zuschauerraum folgt Spiellust mit sukzessiver dramatischer Zuspitzung. Flauberts elegante Ironie und ätzende Satire bleibt in der Kombination dialogischer Szenen mit narrativen Passagen nicht auf der Strecke. Wie da die Lässigkeit der Geliebten – Christian Nickel als Rodolphe und Meo Wulf als mit einem Hoverboard über die Bühne flitzender Leon – auf die Bitterkeit der Enttäuschten trifft, wie die von Suse Wächter Berthe als creepy puppet – von Mutter Emma als "hässliches Kind" bezeichnet – immer wieder ins Spiel bringt, hält die Neugierde wach. Maria Köstlinger spielt nicht nur Klavier, sondern auch virtuos und exhibitionistisch die maßlosen Gefühlsumschwünge der gescheiterten Glückssüchtigen, gefangen in der Einöde des Alltäglichen und genervt vom Landarzt-Ehemann Charles, den Roman Schmelzer rollengerecht als freundlichen Langeweiler verkörpert. Siegfried Walther ist zuerst der mit allen Wassern gewaschene Apotheker Homais und dann der geldgeile Lheureux, der mit seiner Kundin Emma wie mit Marionette spielt und sie in den Ruin treibt.
(KURIER)
Maria Köstlinger kraftvoll als dauerrasende Emma. Christian Nickel spielt souverän Emmas Verführer Rodolphe. Fünf Emmas in allen Altersstufen wirklich beeindruckend umherschwirrend (Silvia Meisterle, Bea Brocks, Therese Lohner und Ulli Fessl). Auch Emmas zweiter Liebhaber, der junge Schwärmer Léon, ist mit Meo Wulf bestens besetzt, und Siegfried Walther ist ein Händler Lheureux mit Mephistoqualitäten.
(Die Presse)
Christian Nickel: brillant.
(Wiener Zeitung)
"Madame Bovary" kann man nicht 1:1 dramatisieren. Also muss man das Buch für die Bühne übersetzen, neue Bilder finden, Eigenleben entwickeln.
Regisseurin Anna Bergmann hat eine gelungene Arbeit geleistet, feinkörnig und vor allem genau gearbeitet. Bildstark und vielschichtig ist das Unterfangen, mit guten Momenten, die ihren Zauber entfalten: Im grünen hohen Raum ist die Protagonistin Emma, von Maria Köstlinger souverän gespielt, gefangen; gefangen in einer Sehnsuchtswelt.
(Kronen Zeitung)
Anna Bergmann gelingt Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst. Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert. Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge eins sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads "It’s A Fire" singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend.
(Mottingers Meinung)
Maria Köstlinger brilliert!
(Österreich)
Emma ist ein vielschichtiger Charakter, gleichsam eine Everywoman, die symbolhaft für die Rebellion gegen den ihr gesellschaftlich zugedachten Platz verstanden werden kann. So sah es zumindest einst die französische Obrigkeit - und so sieht es Bergmann, die ihrer Emma deshalb gleich fünf Darstellerinnen in allen Altersgruppen zuordnet. Auf der Bühne sind sie meist gleichzeitig, schwirren um Maria Köstlinger herum, flüstern ihr zu, verfünffachen ihr Inneres. Es ist einer von vielen regiehandwerklichen Tricks, mit denen Bergmann den Wälzer fit für die Bühne macht. Es gibt sanfte Livemusik (von der versatilen Maria Köstlinger am Klavier), Gesang, Ausdruckstanz, Loops, bedrohliche Sounds, Darsteller im Zuschauerraum, allegorische Stummfiguren, Masken, Handpuppen, geschickte Wechsel zwischen viel Original-Prosa und kurzen, modernisierten Dialogen. Christian Nickel gibt einen fantastischen Erzähler und einen urkomisch abgeklärten Liebhaber Rodolphe, Roman Schmelzer einen herrlich langweiligen, gutmütigen Charles Bovary, Meo Wulf einen glühenden Leon.
(APA)
Anna Bergmann adaptiert Gustave Flauberts Gesellschaftsroman stilsicher und präzise. Ausstattung, Musik und Licht sowie ein paar cool choreografierte Tanzmomente wirken, als wäre Falco in ein altes Herrschaftshaus eingebrochen, um ein Musikvideo im Stil von „50 Shades of Grey“ zu drehen. Bei diesem Stoff gilt die Devise: Lieber zu viele Ideen als zu wenige. Maria Köstlinger spielt Emma Bovary mit viel emotionalem und physischem Einsatz. Roman Schmelzer überzeugt als Lusche von Gatte, Christian Nickel als eitler Lover, Meo Wulf als Gigolo und Siegfried Walther als gieriger Tuchhändler.
(Falter)