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Theater in der Josefstadt
Premiere: 25.01.2018

Peter Turrini

Fremdenzimmer

Uraufführung

ca. 1 Stunde, 30 Minuten, keine Pause

Das hintere Kabinett muss immer frei bleiben. Wie eine Art Fremdenzimmer. Stets aufgeräumt und jederzeit beziehbar: Nur unter dieser Bedingung ist Herta damals bei Gustl eingezogen. Denn das verschwundene Kind kommt zurück. Irgendwann.
Und plötzlich steht er da, ein verlorener Sohn. Doch es ist nicht der, auf den man gewartet hat, es ist Samir, 17 Jahre und syrischer Flüchtling. Vielleicht aus Menschlichkeit oder Sentimentalität, vielleicht aber auch aus Trotz gegenüber Gustl, der Samir sofort aus der Wohnung schmeißen will, setzt Herta durch, dass der junge Mann bleiben darf. Oder muss.
Samirs Ankunft setzt einen Rückbesinnungsprozess in Gang: Der deutschen Sprache nicht mächtig ist es seine bloße Anwesenheit, die den festgefahrenen Alltag von Herta und Gustl aufbricht und sie dazu bringt ihre monotone Beziehung zu hinterfragen.

In seinem neuen Stück beschreibt Peter Turrini drei Menschen auf der Suche. Dabei ist der Wunsch nach Veränderung, Geborgenheit und Liebe der gemeinsame Nenner, über den eine Verständigung über alle Beziehungs- und Gefühlsgrenzen hinweg möglich scheint. Ob der Traum von ein bisschen Glück in Erfüllung geht oder reine Utopie bleibt, entscheiden allerdings bisweilen andere.

Wie ich mit dem Gustl zusammengezogen bin, war das sicherlich nicht das, was man die Liebe nennt. Ich hab mir gedacht, zu zweit ist man ein bisschen weniger einsam als allein. Aber das stimmt nicht. Wenn der Gustl tagelang nix mit mir redet, dann komm ich mir zu zweit noch viel mehr allein vor, als wenn ich allein wär. Das ist schon komisch, dass bei zwei Menschen alles verschwinden kann, was einmal a bissel schön war und man merkt's gar nicht.

Herta

"Fremdenzimmer" ist der erste Teil einer Dilogie zum Thema Flucht.

Peter Turrinis neues Stück ist eines sicher nicht: ein Stück über Flüchtlinge. Fremdenzimmer führt vielmehr hinein in das österreichische Wohnzimmer, wo es an Friede, Freude und Eierkuchen mitunter ja mangeln kann. Turrini holt in kurzen, im Theater in der Josefstadt mittels Blenden schnell geschnittenen Szenen aus, um den tief sitzenden Frust einer sich abgehängt fühlenden Bevölkerung heraufzubeschwören. Den Tonfall der zwideren, paranoid-verstockten Österreicher beherrscht Peter Turrini meisterhaft. Die Dialoge sind ein knapper, brutaler Hickhack, indes unterströmt von einer doch erahnbaren Menschenliebe, die meterdick verschüttet liegen muss vom belastenden Leben vieler Jahrzehnte. Manchmal dringt dieses Menschsein durch und wird Musik. An Turrinis niet- und nagelfestem Stück gab es für die feine Regie wenig herumzudoktern, wenngleich Föttinger auf der bis zur Feuermauer leeren Spielfläche immer wieder grazile, dem Tableau dienliche Striche gesetzt hat. "Europa hat kein Herz mehr, keinen Rhythmus" ist einer der Schlüsselsätze des Abends, den Gustl – so viel Spaß ist in diesem Volksstück Pflicht – von der eigenen, persönlichen Gesundheit, nämlich den horriblen Blutdruckwerten ableitet. Während das Messgerät beim kraftstrotzenden Samir blendende Werte ausspuckt, schlägt es bei Gustl Alarm. "Blutdruck – das ist der Untergang!" Früher oder später wird er da recht behalten.
(Der Standard)

In der präzisen Inszenierung des Hausherrn, Herbert Föttinger, wird das heikle Thema Flüchtlinge nicht hysterisch, marktschreierisch, sondern meist lakonisch, manchmal heiter und wie beiläufig abgehandelt – es gewinnt dadurch an Intensität. Peter Turrini hat ein simples Lehrstück geschaffen, das aber nicht seicht, sondern voller Witz ist. Steinhauer und Maier brillieren, spielen großartig mit Minimalismus, sie wirken in der Hilflosigkeit gewöhnlicher Leute vollkommen authentisch. Die Regie setzt dann auf Subtilität. Wenn sich das entfremdete Paar langsam wieder näherkommt, wird dieser Abend zauberhaft.
(Die Presse)

Was sich in den neunzig Minuten auf der Bühne tut, unterbrochen von gleißenden Blacks und Christian Brandauers intensiven Tongebilden, ist von Regisseur Herbert Föttinger hervorragend geführtes Profi-Kammerspiel, sind Ulli Maier und Erwin Steinhauer doch zwei berührend-verzweifelte und in ihrer dicken xenophoben Haut zugleich erschreckende Charaktere. Wenn die beiden "echten Österreicher" am Ende mit "ihrem" Ausländer in einem fiktiven Flugzeug in ein ebenso fiktives neues Leben abheben, gönnt der Dramatiker Turrini ihnen und dem Publikum märchenhafte Erleichterung, die Realität ist eine andere
(Tiroler Tageszeitung)

Erneut beweist Peter Turrini in seinem jüngsten Bühnenwerk "Fremdenzimmer", dass er der scharfsichtigste Diagnostiker der österreichischen Seele ist. Und dass er als begnadeter Theatermacher alle Mittel und Methoden kennt, all die Defekte aufzuzeigen, bravourös, scheinbar einfach, schlicht genial. Bösartig und hinterlistig ist sein Wortwitz, fast kabarettistisch sind einige der zahlreichen Minisequenzen, die Hausherr Herbert Föttinger, Turrinis kongenialer Lieblingsregisseur, in seiner rund neunzigminütigen Version präsentiert.
(Kleine Zeitung)

Ein Volksstück zu schreiben, ist heute mit Risiken verbunden: Man braucht eine einfache Geschichte und emotional bewegende Figuren. Ist man, wie Turrini, gar selbst ein Klassiker des Genres, sitzt einem die eigene Legende im Nacken. Turrini entledigt sich der Aufgabe mit Bravour: Er verknüpft die Flüchtlingsthematik mit einem seiner Hauptmotive, der Vereinsamung alter Menschen auf der Schattenseite der Gesellschaft. Herbert Föttinger nimmt dem Stück alle Anwandlungen zur Verkündigungspädagogik. Auf leerer Bühne bringt er die ebenso sarkastischen wie poetischen Dialoge in die Schwebe zwischen Tragödie und Groteske, und er hat großartige Schauspieler zur Verfügung: Erwin Steinhauer als veredelungsfähigen Alltagsfaschisten, die wunderbare Ulli Maier als Schmerzensmutter und Tamim Fattal als fast stummen, aber hoch präsenten Katalysator.
(Kronen Zeitung)

Was Turrini da an Vorurteilen und Vorverurteilungen, Widerstreben und Widerwillen für sein Volksstück zusammengetragen hat, spricht für seinen hinterlistigen Humor. Und Ulli Maier und Erwin Steinhauer bringen das Ganze so über die Rampe, dass einem beim Lachen die Tränen in die Augen steigen. "Fremdenzimmer" ist ein entlarvendes Stück, weil es wie vor sich hingesagt formuliert, was von vielen, von immer mehr auch schon so vor sich hin(...)Ohne daran zu denken, dass Sprache die schärfeste Waffe ist. Ulli Maier und Erwin Steinhauer spielen das fabelhaft.
(Mottingers Meinung)

Turrini ist ein Romantiker, im Herzen ein Humanist und im Handwerk ein Realist. Beharrlich glaubt er an die Funktion von Figuren, Dialogen und Konflikten. Und an das Gute im Menschen, an ihre Lernfähigkeit. In Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger hat er seit langem einen Partner im Geiste. Dem trockenen, gänzlich aufwandlosen, pointierten Spiel Steinhauers ist es zu verdanken, dass sich die Sentimentalität in Grenzen hält. Ulli Maier und ihm gelingt auch eine kurze, stille, intensive Liebesszene, in der man förmlich die vielen liebevoll entworfenen Gestalten aus Turrinis Bühnenkosmos an sich vorüber ziehen lässt.
(APA)

Erwin Steinhauer brilliert als von Diabetes und Bluthochdruck gepeinigter, fremdenfeindlicher Gustl. Ulli Maier beeindruckt als frustrierte Herta – herrlich sind die Szenen, in denen sie schlechtem Englisch sehnsuchtsvolle Pop-Hits singt.
(Österreich)

Herbert Föttinger inszeniert die Uraufführung minimalistisch zart auf nackter Bühne, die Vollblutvolkschauspieler Ulli Maier und Erwin Steinhauer füllen ihre Figuren mit viel Herz.
(Falter)

Regisseur Herbert Föttinger provoziert bei der Uraufführung von "Fremdenzimmer" mit einem gedankenlosen Alltagsrassismus, der sich bis zur heiteren Absurdität steigern kann. Statt plattem Naturalismus setzt Föttinger auf einen rasanten Szenen- und Tempowechsel, der zwischen Wirklichkeit und Fiktion changiert. Und dennoch ist seine Inszenierung eine sozialpolitische Bestandsaufnahme des Landes, die an Ehrlichkeit und Bitterkeit nicht spart.
(Handelsblatt)

Regie
Herbert Föttinger

Bühnenbild
Walter Vogelweider

Kostüme
Birgit Hutter

Musik
Christian Brandauer

Dramaturgie
Matthias Asboth

Licht
Manfred Grohs

Herta Zamanik
Ulli Maier

August "Gustl" Knapp
Erwin Steinhauer

Samir Nablisi, ein Flüchtling aus Syrien
Tamim Fattal