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Theater in der Gegenwart

Gedanken zu Rolle

Seit ich am Theater arbeite, beschäftige ich mich mit der Frage, wieviel Theater steckt in der Wirklichkeit und umgekehrt. So wie das berühmte Zitat von William Shakespeare heißt: „Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frauen und Männer sind bloß Spieler.“? Wo beginnt also das Theater und wo wird unsere Wirklichkeit zur Bühne für politische und gesellschaftliche Szenen? Wie definieren wir das „In eine Rolle schlüpfen“ im Theater und welche Rollen spielen wir im echten Leben?

Die Schauspieler*innen betreten die Bühne im Bewusstsein, dass sie eine Rolle spielen. Sie schlüpften in eine Figur, leihen ihr ihre Stimme, ihren Körper, ihre Gefühle, ohne zu vergessen, dass sie selbst dahinterstehen. Ihre Kunst ist es, Wahrheit sichtbar zu machen. Im Leben übernehmen auch wir verschiedene Rollen – Tochter, Freund, Kollegin. Jede birgt Erwartungen und formt unser Handeln. Doch im Unterschied zur Bühne merken wir oft nicht, wann diese Rollen zu starr werden. Die Schauspieler*innen hingegen wissen, dass der Vorhang irgendwann fällt und sie ihre Rolle wieder abgeben müssen.

Das Spiel auf der Bühne zeigt uns auch, dass nicht jede Rolle frei gewählt ist, aber wir entscheiden können, wie bewusst wir sie füllen. Je klarer wir zwischen Rolle und Selbst unterscheiden, desto freier und wahrhaftiger können wir leben.

Aber was passiert, wenn zwischen Rolle und dem eigenen Ich nicht mehr unterschieden werden kann, wie bei Politiker*innen, die sich als heilsbringende Helden feiern lassen und uns dabei täuschen und manipulieren?

Vielleicht kann uns das Theater dabei helfen, wie wir hinter die perfekten Masken schauen können, und dass wir nicht den perfekten Helden brauchen, sondern in uns selbst genug Mut und Zivilcourage finden können, um für ein starkes Miteinander zu kämpfen.

Gedanken für den Tag von Marie Rötzer auf Ö1