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Theater in der Josefstadt
Premiere: 17.09.2020

Thomas Bernhard

Der deutsche Mittagstisch

Dramolette

ca. 2 Stunden, 30 Minuten (Pause nach ca. 90 Minuten)

Der deutsche Mittagstisch in Wien, aus aktuellem Anlass?
Thomas Bernhard hat mit seiner Literatur, seinen Theaterstücken, seinem Blick in die österreichische Seele seinerzeit für Erstaunen, Entrüstung und Aufruhr, aber auch für vehemente Zustimmung im ganzen Land gesorgt. Dass er "über den Tellerrand" hinaus schaute – um in seinem Heimatland umso klarer zu sehen, zeigen seine – schon fast vergessenen Meisterstücke, die Dramolette.
Bernhard skizziert in diesen grotesken Miniaturen mit scharfem Blick, Leichtigkeit, Witz, schwarzem Humor – und tiefster Menschenkenntnis "kleine" Szenen zu "großen" Themen.
Ein Fest für Schauspieler und Publikum...und zugleich die Ironie der Geschichte: bis heute, 75 Jahre nach Kriegsende, haben die Dramolette nicht an Dringlichkeit und erschreckend politischer Aktualität verloren, im Gegenteil: was damals virulent schien, ist heute offenkundig. Wir alle sind das Thema, unsere Ängste, unsere Verdrängungen, unser Umgang mit der Geschichte, unsere vermeintliche Arglosigkeit – in Deutschland wie in Österreich...
Kurz bevor Bernhard zum "Staatsheilgen" erklärt wird – besonders von denen die ihn zu Lebzeiten aus dem Land jagen wollten – erinnert die Inszenierung von Claus Peymann an den politischen Zeitgenossen Bernhard. Der Skandal um HELDENPLATZ in der BURG ist noch nicht vergessen. Da wird in seinen Dramoletten erkennbar, wie hellsichtig und messerscharf, komisch und verblüffend, traurig und doch wahr Bernhard quasi als Menetekel an der Wand - in den 1980/90er Jahren skizziert, was uns heute "blüht"...

Die Figuren seiner Dramolette, Nachbarn, Mitbürger und Menschen wie du und ich, erzählen, scheinbar heiter und gelassen, unspektakulär aufregend wie schnell die Grenzen unserer Demokratien aufgeweicht werden, wie schmal der Grat ist zwischen Arglosigkeit und Aggression, Alltagsgeplänkel und Neofaschismus, Drohen und Zuschlagen...
Und er zeigt die Ursachen des Hasses auf die Fremden, die "Saupresse", auf alle, die da anders sind, sich wehren oder von einer anderen, besseren Welt träumen: große Einsamkeit, geschürte Ängste, Verletzlichkeit, Frustration und – nicht zuletzt -  zunehmender Egoismus.
Der deutsche Mittagstisch ist ein kleines, hellsichtiges Meisterstück, dessen tragische Aktualität alarmiert. "Lauter Nazis..." kommen zutage wenn man die Suppe auslöffelt, die Bernhard mit seinem Mittagstisch serviert. Was idyllisch beginnt führt zu bösem Erwachen, vergnüglich und erschreckend zugleich.

Ein dichter, schauspielerisch fulminanter Abend. Auch wenn Peymann die Szenen nachgerade ziseliert und zelebriert, also extrem ausspielen lässt. Oder vielleicht gerade deswegen.
Die zierliche Lore Stefanek, von Peymann reaktiviert und nach Wien geholt, verströmt als fratzenhafte Ewiggestrige eine Eiseskälte, die man selten so körperlich spürt. Dass die Haushaltshilfe nicht nur ein seelischer Krüppel ist, veranschaulicht Ulli Maier mit jedem geschlurften Schritt.
Grandios zappelt Stefanek auch zu Beginn als aufgeganselte Bäuerin und Betschwester in "A Doda", einem Mundartmeisterwerk ("A Mo / A Mo is / A Mo is des" – "Ja a Mo" – "Des is a Mo"). Zu glänzen vermögen auch Traute Hoess als sensationslüsterne Gatsch’n und Robert Joseph Bartl als dumpfer Polizist nicht nur mit variantenreichem Mimenspiel oder G’schau. Das bayrische Idiom haben sie eben sensationell drauf.
(KURIER)

Souverän und entspannt-durchdringenden Auges stellt Peymann die in der braunen Ursuppe schwimmenden Groß- und Kleinbürger vor, belässt sie in den (bundesdeutschen) späten 1970ern, verzichtet auf tagespolitische Aktualisierungen. Sichtbare Spielfreude kennzeichnet diesen streckenweise fast zu unterhaltsamen Abend. Gut gemacht, das alles.
(Tiroler Tageszeitung)

Claus Peymann gelingt die Wiederbelebung von Thomas Bernhards finsteren Sketches im Wiener Josefstadt-Theater formidabel. Aber wer sonst soll Bernhard derart treffsicher inszenieren?
Der "Mittagstisch" setzt sich aus sieben schneidend scharfen Kabarettszenen aus dem bundesrepublikanischen Alltag zusammen. Man blickt wie durch braun gefärbtes Glas auf die bessere, bigottere Gesellschaft zwischen Augsburg und Tegernsee.
Peymann und sein Bühnenbildner Achim Freyer belassen die Empörungsanlässe dieser Anti-Heimatliteratur fix in der Vergangenheit. Eher schon findet sich am fernen Horizont der (unsichtbare) Punkt der Kulmination: Vier Mal kehrt das plüschrote Portal wieder und bildet ein Spalier in die Tiefe. Der Boden hingegen ist eine Scheibe: Auf ihr wird mit tobender Inbrunst gespielt, zumal wenn Schauspielerinnen wie Lore Stefanek und Traute Hoess die Bernhard-Suada zum Glühen bringen.
"A Doda": Zwei rechtschaffene Damen stolpern über ein in Packpapier geschlagenes Paket. Stefanek und Ulli Maier bereiten einander die höchste Erregungslust, wie sie nur die Aussicht auf einen mutmaßlich maskulinen Leichnam bescheren kann. "Maiandacht": Zwei Frauen in froschgrünem Kostüm nutzen den Kirchgang zu Geschwätz und Gezeter: Eintracht, Festtracht, Niedertracht. Hoess kippt als "zweite Nachbarin" in eine wahre Ekstase der Blutgesinnung hinüber.
(Der Standard)

Das Schönste ist Claus Peymanns Heimkehr mit Thomas Bernhards giftigen Dramoletten. Eine Trophäe für die Josefstadt.
Peymanns Besessenheit für den Text und die Schauspieler leuchtet in Zeiten zusehends mühevoller, kunstferne Theaterallotria als bestauntes Unikum. Er entwirft ein virtuoses Panoptikum zwischen Qualtinger, Karl Valentin, Artaud und Deix. Ulli Maier, Lore Stefanek, Traute Hoess, Bernhard Schir und (wirklich) alle anderen entfesseln ein Höllenspektakel bester, weil ehrlicher Schauspielkunst.
(Kronen Zeitung)

Was für ein Coup! Peymann eröffnet die Saison am Theater in der Josefstadt mit wunderbaren Schauspieler*innen. Da stimmt einfach alles, jede psychologische Wendung, jeder schaurige Sprachwitz.
In "A Doda" bspw. entdecken zwei Nachbarinnen auf dem Heimweg von der Kirche auf der Landstraße ein Bündel, das sie für einen Toten halten. Ulli Maier als furios kombinierende, niederbayerische Miss Marple und Lore Stefanek als unter ihrer Fuchtel stehende Angsthäsin beißen sich mit riesiger Lust durch die Bernhard'schen Denkschleifen. Oder "Marienandacht": Zwei resche Dorfbewohnerinnen mit ganzen Rosenbüscheln im Dirndldekolletée (Kostüme Margit Koppendorfer) reden über einen Mann aus dem Dorf, der einen tödlichen Unfall hatte. Wie eine giftige Blüte öffnet sich ein Universum aus Begehrlichkeiten, Neid und Sehnsüchten. Bis sich das Knäuel aus Enttäuschung und Frustration in Hass gegen den Ausländer, den Türken, hineinschraubt, in dessen Fahrrad der Verstorbene hineingelaufen ist, ohne zu schauen. Und Traute Hoess in einer fulminanten Bernhard-Suada beim "Alle vergasen müsst ma die" landet. Da stimmt einfach alles, jede psychologische Wendung, jeder schaurige Sprachwitz.
(nachtkritik.de)

Eine pointierte, temporeiche und präzise gearbeitete Inszenierung. Die insgesamt sieben Szenen, von Bühnenbildner Achim Freyer in brillant überdrehte Pfarrbühnenästhetik gekleidet, werden von bestens disponierten Josefstadt-Schauspielern wie Sandra Cervik, Ulli Maier, Michael König, Raphael von Bargen, Bernhard Schir und den Gästen Lore Stefanek und Traute Hoess hinreißend gespielt.
(Kleine Zeitung)

Mit schwarzem Humor zeigen Bernhards Dramolette einen grotesken Querschnitt durch die Gesellschaft der Nachkriegszeit. Er hat dem Volk aufs Maul geschaut. Das wandelbare Ensemble erntet Bravos für seine beherzte Verkörperung. Wer Bernhard bestellt, bekommt Bernhard serviert. Überhaupt, wenn Peymann auftischt.
(Salzburger Nachrichten)

Bernhards Sätze schlagen ein wie Blitze und machen sichtbar, wie brandaktuell das Szenario auch heute noch ist. Zum Beispiel, wenn die Ehefrau eines Polizisten über Demonstranten herzieht (exzellent Sandra Cervik in "Das Match") oder ein Unfallopfer beklagt wird, das von einem Türken überfahren wurde. Achim Freyer hat ein ideales Ambiente geschaffen. Über der Bühne prangt ein Porträt von Bernhard in Teufelsgestalt mit rot aufblinkenden Augen. Rote Vorhänge aus Pappe flankieren das Geschehen. Die Geschichte, das Leben – ein Zirkus. Peymann inszenierte jedes Wort. Akkurat führt er durch die Texte, nichts lässt er aus. Der Vergleich mit dem Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und Mozart drängt sich auf. Der Pionier der Originalklang-Bewegung interpretierte jeden Takt von Mozart, Striche wären für ihn nicht in Frage gekommen. Das ist auch bei Peymann nicht anders. Er setzt präzise auf Klang und Rhythmus von Bernhards Sprache. Sein Orchester ist ein Ensemble von virtuosen Darstellern: Traute Hoess, Ulli Maier, André Pohl, Raphael van Bargen, Bernhard Schir, Michael König, Lore Stefanek, Marcus Bluhm, Robert Joseph Bartl. Diese Arbeit eines echten Theatermachers wurde vom Publikum heftig akklamiert.
(NEWS)

Wer nicht alles vergast gehörte: linke Medien, demonstrierende Studenten, türkische Gastarbeiter und natürlich Juden. Der Schriftsteller Thomas Bernhard schrieb zwischen 1979 und 1981 sieben Kurzdramen, die unter dem Titel "Der deutsche Mittagstisch" im Theater in der Josefstadt aufgeführt werden. Bernhard wühlte den sprachlichen Schlamm auf, der sich über die Verbrechen des Nationalsozialismus legte. Anders als in seinen bekannten Österreich-Dramen, die in die "Anschluss"-Zeit hineinhören, siedelt Bernhard die Dramolette in Deutschland an. Claus Peymann, Bernhards Lieblingsregisseur, betont die sprachlichen Nuancen. Da gibt es zum einen die bigotten Kirch- und Friedhofsgängerinnen, die in einem künstlichen Bayrisch über Gott und die Führerwelt räsonieren. Eine Polizistengattin (überzeugend oldschooltussig: Sandra Cervik) schwadroniert sich in einen Wirbel über nichtsnutzige Demonstranten hinein, in die man doch gefälligst "einischiaßn" möge, während der Gatte (virtuos Beidl kratzend: Robert Joseph Bartl) indolent in die Glotze starrt. Zur Hochform läuft das Ensemble in dem längeren "Freispruch" auf, in dem Bernhard das völkische Landvolk verlässt und eine Tischrunde der Wirtschaftswunderzeit zum gepflegten Hate Speech einlädt. Der Massenmörder Herr Sütterlin (Michael König) und seine von Lore Stefanek gespielte führerverliebte Gattin versinken im romantischen Pathos von Ehre und Aufopferung, das den Massenmord weihevoll verhüllt. Hier zeigen sich Bernhard und kongenial Peymann als Liebhaber und Verächter der hohen Sprache, die nicht nur Goethe, sondern auch Goebbels speichert.
(Falter)

Peymann kam nicht als selbstgewisser Regiegott, sondern als agiler Satiriker – hielt sich aber mit szenischen Arabesken auffällig zurück. Dafür sorgte er bei seinem munteren Ensemble für aufgedrehte Spielfreude, befeuert vom legendären Ausstatter Achim Freyer, der die knallbunte Skizze eines Raums auf die Bühne zauberte. Die Truppe um Peymann, Freyer und Margit Koppendorfer (Kostüme) schafft es, dass angesichts der furchterregenden Ausbrüche („Alle vergasen müsst ma die“) der Übergang von schadenfrohem Gelächter zum kalten Schweissausbruch nachgerade fliessend erfolgt. Kein „Regietheater“, sondern ein Fest der Schauspieler. Sie erinnern daran, dass es im Theater eigentlich um die Lust an der Verwandlung geht. Umwerfend.
(Die Weltwoche, Zürich)

Regie
Claus Peymann

Bühnenbild
Achim Freyer

Kostüme
Margit Koppendorfer

Dramaturgie
Jutta Ferbers

Bühnenbild Mitarbeit
Victoria Philipp

Licht
Achim Freyer
Ulrich Eh

Musik, Geräusche
Jan Brauer

ERSTE FRAU / ERSTE NACHBARIN / MÄDCHEN / ZWEITE FRAU
Ulli Maier

ZWEITE FRAU / TÜRKE / FRAU SÜTTERLIN, Schulrätin / KANAPEE, ein Pekinese
Lore Stefanek

KROLL / PFARRER / ZWEITER MINISTERPRÄSIDENT
Robert Joseph Bartl

MARIA / TÜRKE / FRAU MÜHLFENZL, Stadträtin / DAS FRÄULEIN REDEPENNIG
Sandra Cervik

ZWEITE NACHBARIN / FRAU HUEBER, Lehrerin / ERSTE FRAU
Traute Hoess

TOTENGRÄBER / HERR MÜHLFENZL, Gerichtsrat und Massenmörder / DIE SPITZEN UNSERES STAATES
André Pohl

TÜRKE / EISVERKÄUFER / DIE SPITZEN UNSERES STAATES
Raphael von Bargen

TÜRKE / DIE SPITZEN UNSERES STAATES
Marcus Bluhm

TÜRKE / HERR SÜTTERLIN, Gerichtspräsident und Massenmörder / ERSTER MINISTERPRÄSIDENT / HERR GÜRGENS / HERR BERNHARD
Michael König

TÜRKE / HERR HUEBER, stellvertretender Gerichtspräsident und Massenmörder / DER SOGENANNTE MODERATOR
Bernhard Schir