Mitreißend!
(Falter)
Zusammen mit Regisseurin Stephanie Mohr setzt Thomas Jonigk auf elegant komponierte Chorpassagen und bleibt dadurch Saramagos surrealistischem Tonfall treu. Gespielt wird ausgezeichnet. Sandra Cervik verkörpert die Hauptfigur: Sie behält als einzige ihre Sehkraft, kämpft mit allen Mitteln um ihr Leben und das ihrer Gefährten, und versucht, nicht den Verstand zu verlieren. Roman Schmelzer, Martina Ebm, Ulrich Reinthaller, Marlene Hauser, Raphael von Bargen, Alexandra Krismer, Alexander Absenger, Julian Valerio Rehrl und Peter Scholz verkörpern großartig die Figuren in Saramagos Universum. Eine düstere, packende Vorstellung.
(KURIER)
Sandra Cervik spielt im Theater in der Josefstadt eine Heldin, voll Engagement und genau. Stephanie Mohr hat die die auf den Kern reduzierte Bühnenfassung von Thomas Jonigk inszeniert. Das Experiment ist gelungen. Es wurde nicht versucht, die raffinierte Prosa des portugiesischen Nobelpreisträgers mit ihren fließenden Perspektivenwechseln zu kopieren. Stark vereinfacht ist dieses Stück und vielleicht auch deshalb bühnenwirksam. Nach der Pause wird gezeigt, was eine Gruppe, mag sie auch klein sein, bewirken kann, wenn sie Solidarität zeigt. Dieses Wunschdenken des linken Utopisten Saramago hat Mohr in rührender Form vorgeführt. Im Chor werden häufig Passagen aus dem Roman vorgetragen, die die Handlung vorantreiben, beeindruckend. Dazwischen können sich in wenigen Strichen die Charaktere entfalten.
(Die Presse)
Epidemien und deren dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft sind in der Weltliteratur ein gern aufgegriffenes Motiv. Wie nah diese erdachten Szenarien an die Realität heranreichen - und wie bedrohlich überzeichnet sie zugleich sein können - demonstriert das Theater in der Josefstadt nun mit Stephanie Mohrs Inszenierung von José Saramagos Roman "Die Stadt der Blinden". Ein packender, auf seinen drastischen Kern reduzierter Abend. Durch das eindringliche Spiel aller zehn Schauspieler, die insgesamt rund 30 verschiedene (Klein-)Rollen zum Leben erwecken, werden auch die erniedrigendsten und gefährlichsten Situationen derart plausibel, dass man sich dabei erwischt, sich über den bisher moderaten Verlauf der Coronapandemie zu freuen. Durch rasche Kostümwechsel (Nini von Selzam legt viel Wert auf Details), berührende Kürzest-Szenen wie jene zwischen Cervik und dem Schriftsteller (von Bargen) oder der Annäherung zwischen der Frau mit dunkler Brille und dem Alten Mann (Peter Scholz) sowie behutsamen Einsatz von Livemusik (von Bargen spielt Posaune und ein Fantasiestreichinstrument) entstehen viele berührende Momente, die individuelle Dramen greifbar machen. So gelingt es Mohr und dem spielfreudigen Ensemble, einen ergreifenden, aber nie kitschigen Theaterabend auf die Bühne zu bringen, der auch als Mahnung dienen kann, das Wort Solidarität besser ernst zu nehmen.
(APA)
Eine ergreifende und fesselnde, auf die drastische Wirkmacht von Saramagos Metapher für Entmenschlichung konzentrierte Uraufführung. Von einer "Blindheit des Herzens" spricht der portugiesische Romancier mehrmals, einer mysteriösen Epidemie, die gefährlich ansteckend ist, und wie er es vorgibt, zeigt Mohr eine Gesellschaft in der Menschenrecht, Menschenwürde, Mit-/Menschlichkeit verloren gehen, das Tasten der ihrer Sehkraft beraubten Figuren ist eines nach Orientierung und Ordnung, doch endet’s für sie in Chaos und Gewaltherrschaft. Das ist so gegenwartsbezogen und überstilisiert dystopisch zugleich, dass einem mitunter der Atem stockt. Im Setting von Miriam Busch, das mit sparsamen Mitteln größten Effekt erzielt, die flugs zu wechselnden, zeitgemäßen Kostüme von Nini von Selzam, ist Roman Schmelzer der erste Blinde, der – dies gilt es zu erwähnen – wie alle anderen die schauspielerische Schwerstarbeit Blindheit zu mimen mit Bravour meistert.
(Mottingers Meinung)