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Theater in der Josefstadt
Premiere: 16.09.2021

Thomas Jonigk nach José Saramago

Die Stadt der Blinden

Uraufführung

ca. 2 Stunden, 20 Minuten (Pause nach ca. 70 Minuten)

Aus dem Portugiesischen von Ray-Güde Mertin

Ich glaube, wir sind blind. Blinde, die sehen. Und Blinde, die sehend nicht sehen.
Der erste Blinde

Wie gut verankert ist unsere Demokratie im Schatten einer Katastrophe? Welchen Verhaltensmustern folgen wir, wenn uns die Angst antreibt? Und vor allem: Wie verhalten wir uns als Gesellschaft, wenn bestehende Normen nicht mehr gelten?

Der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago setzte sich in seinem Roman Die Stadt der Blinden (1995) mit den Auswirkungen und Folgen einer plötzlichen Epidemie auseinander: Ein Mann erblindet ohne erklärbaren Grund, von einem Augenblick auf den anderen. Innerhalb kürzester Zeit verbreitet sich diese Blindheit wie eine Seuche: Die Erkrankten werden in einem von Soldaten bewachten Sanatorium vom Rest der Gesellschaft abgeschottet. Schon bald versinkt die ganze Stadt im Chaos.

Thomas Jonigks Theaterfassung gewährt uns Einblicke in die Mechanismen dieses Ausnahmezustands, in dem es sich dennoch zu hoffen lohnt: Unter den Blinden befindet sich eine sehende Frau.

Epidemien und deren dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft sind in der Weltliteratur ein gern aufgegriffenes Motiv. Wie nah diese erdachten Szenarien an die Realität heranreichen - und wie bedrohlich überzeichnet sie zugleich sein können - demonstriert das Theater in der Josefstadt nun mit Stephanie Mohrs Inszenierung von José Saramagos Roman "Die Stadt der Blinden". Ein packender, auf seinen drastischen Kern reduzierter Abend. Durch das eindringliche Spiel aller zehn Schauspieler, die insgesamt rund 30 verschiedene (Klein-)Rollen zum Leben erwecken, werden auch die erniedrigendsten und gefährlichsten Situationen derart plausibel, dass man sich dabei erwischt, sich über den bisher moderaten Verlauf der Coronapandemie zu freuen. Durch rasche Kostümwechsel (Nini von Selzam legt viel Wert auf Details), berührende Kürzest-Szenen wie jene zwischen Cervik und dem Schriftsteller (von Bargen) oder der Annäherung zwischen der Frau mit dunkler Brille und dem Alten Mann (Peter Scholz) sowie behutsamen Einsatz von Livemusik (von Bargen spielt Posaune und ein Fantasiestreichinstrument) entstehen viele berührende Momente, die individuelle Dramen greifbar machen. So gelingt es Mohr und dem spielfreudigen Ensemble, einen ergreifenden, aber nie kitschigen Theaterabend auf die Bühne zu bringen, der auch als Mahnung dienen kann, das Wort Solidarität besser ernst zu nehmen.
(APA)

Regie
Stephanie Mohr

Bühnenbild
Miriam Busch

Kostüme
Nini von Selzam

Musik
Wolfgang Schlögl

Dramaturgie
Silke Ofner

Licht
Manfred Grohs

Der erste Blinde
Roman Schmelzer

Erste Frau / Ehefrau, Frau des ersten Blinden
Martina Ebm

Zweite Frau / Sehende Frau, Ehefrau des Augenarztes
Sandra Cervik

Zweiter Mann / Augenarzt
Ulrich Reinthaller

Dritte Frau / Frau mit dunkler Brille
Marlene Hauser

Dritter Mann / Schriftsteller / Täter Zwei / Apokalyptiker Eins
Raphael von Bargen

Vierte Frau / Schweigsame Frau / Nachbarin
Alexandra Krismer

Vierter Mann / Offizier Eins / Täter Eins / Redner
Alexander Absenger

Fünfter Mann / Minister / Täter Drei / Mann auf der Straße / Apokalyptiker Zwei
Julian Valerio Rehrl

Alter Mann / Offizieller Zwei / Der Alte
Peter Scholz