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Josefstadt
Premiere: 01.09.2016

Ödön von Horvath

Niemand

Uraufführung

Die Premiere fand am 1.9.2016 statt.

Niemand - eine Entdeckung: Die Spur reicht zurück bis in die Mitte der neunziger Jahre. Damals tauchte das unscheinbare Typoskript bei einem Auktionshaus in Pforzheim auf. Der Preis war gering, es gab nur einen einzigen Bieter. Niemand außer ihm schien bemerkt zu haben, dass es sich bei dem Typoskript um ein unbekanntes Stück des Dramatikers Ödön von Horváth handelte. Niemand kannte den Inhalt dieses Stücks, niemand wusste von seiner Existenz, und bis heute vermag niemand zu sagen, warum ein vollständig erhaltenes Theaterstück eines der meistgespielten Dramatiker des zwanzigsten Jahrhunderts nie publiziert, nie aufgeführt wurde und vollkommen in Vergessenheit geriet.
Nichts wissen wir über die näheren Umstände der Entstehung, nichts über die Pläne und Absichten, die Ödön von Horváth und sein Verlag verfolgten. Nahezu alles, was mit diesem Stück zusammenhängt, muss uns rätselhaft erscheinen. Angefangen mit dem Titel des Dramas. Er lautet: Niemand.
In Traugott Krischkes 1980 erschienener Horváth-Biografie Ein Kind seiner Zeit findet sich zumindest ein vager Hinweis: Lajos von Horváth, Ödöns zwei Jahre jüngerer Bruder, so schreibt Krischke, "konnte sich noch Jahrzehnte später an ein in expressionistischer Manier geschriebenes Stück 'in einem blauen Umschlag' mit dem Titel Niemand erinnern."

Der "Niemand" des Titels ist der barmherzige Gott, dessen Abwesenheit in immer neuen Anläufen beklagt wird. Horváth hat hier sein Personal bereits komplett beisammen: die kleinen Leute, die unter der Wirtschaftskrise leiden und sich "eine Moral" nicht leisten können.
Hubert Spiegel, 2015

——— Im Mietshaus des Wucherers Fürchtegott Lehmann tummelt sich ein Potpourri an Menschen, die durch die Wirtschaftskrise an den Rand der Existenz gedrängt werden. So trifft man auf den Musiker Klein, der vor der Delogierung steht, weil er den Mietzins nicht mehr zahlen kann. Weiters gibt es den brutalen Zuhälter Wladimir, der aus dem Elend der anderen Profit schlägt. Die Dirne Gilda, die ihm hörig ist, verkauft ihren Körper, weil die Liebe allein nicht satt macht. Auch die verzweifelte Ursula ist kurz davor, auf den Strich zu gehen, lernt aber den Hausherrn Lehmann kennen. Viel zu schnell willigt sie in eine Heirat mit dem zutiefst abstoßenden und verbitterten Menschen ein.

Der Wienbibliothek gelang es im März 2015 bei einer Auktion, das Manuskript von Niemand, das sich bis dato in Privatbesitz befand, zu erwerben. Der Thomas Sessler Verlag vertritt nun die Rechte.

Mit der Uraufführung von Ödön von Horváths posthum aufgetauchter Tragödie gelingt Herbert Föttinger ein großes Kunststück. Er stellt den Stoff in strenger Stilisierung zur Diskussion und vermeidet jedes Pathos. Die Tragödie Niemand (1924) zeigt Ödön von Horváth, den nachmaligen Anwalt der kleinen, unbeholfenen Leute, noch in den Kinderschuhen. Das Treppenhaus einer Zinskaserne bildet die Begegnungszone für allerlei Erniedrigte und Beleidigte. Alle Figuren, 24 an der Zahl, drückt die nämliche Sorge. Die Wirtschaftskrise presst aus dem Humankapital die letzten Reste Anstand heraus. Den Figuren wird ohne Unterschied schlimm mitgespielt. Wer, wie der fußlahme Hausbesitzer Fürchtegott Lehmann, Güter und Geld besitzt, kann sie doch nicht zu seiner Zufriedenheit verwerten. Im Wiener Josefstadt-Theater wurde Niemand jetzt gleichsam kommentarlos zur Uraufführung gebracht. Man möchte ausrufen: Gott sei Dank. Und doch muss gerade jeder Appell an eine göttliche Instanz wirkungslos verhallen. Gott ist in Horváths verschollen geglaubter Fingerübung für das Unglück der kleinen Leute nicht mehr belangbar. Wenn Lehmann (Florian Teichtmeister) auf seinen beiden Gehstöcken doch noch auf den Schöpfer zu sprechen kommt, dann nur noch im Ton verschämter Kränkung. Wie ein Gespenst irrt der junge Mann auf der Galerie seines Stockwerks herum. Er meint, Gott habe sein verwachsenes Elend schallend ausgelacht. Die verhinderte Nachwuchsprostituierte Ursula (Gerti Drassl) staunt ihren Bräutigam in spe fassungslos an. Sie besetzt in Herbert Föttingers kluger, keuscher Uraufführungsinszenierung die Position des Horváth-Fräuleins. Sie ist die Vorwegnahme von Karoline, von Marianne und wie sie alle später heißen werden. Ihr heißes Herz verbirgt sie unter einem Panzer aus Gleichmut. Das weiße Brautkleid trägt sie wie eine besonders würdelose Verkleidung. Bürgerlicher Mummenschanz, der nicht das Geringste besagt. Eine kahle, in Beton gegossene Treppenspindel (Ausstattung: Walter Vogelweider) dreht sich auf der kahlen Bühne. Die Schauspieler treten in Stirnreihe an. Ein Geigenspieler und verkrachter Untermieter (Dominic Oley) spricht die ersten Szenenanweisungen. Es gewinnt den Anschein, als ob ausgerechnet Bertolt Brecht dem jungen Horváth auf die Füße helfen soll. Weil den Personen – Huren, Zuhälter, Sargträger, bierdurstige Handwerker – durchwegs etwas Verhuschtes, etwas ordinär Gespenstisches eignet, halten die Schauspieler sich ihre Figuren in Armeslänge vom Leib. Gezeigt wird die Distanz, die uns Heutige von den 1920er-Jahren trennt, von den halbverdauten Bildungsbrocken, die Horváth, dem ungeübten Dramatiker, hochkommen. Nietzsche, Bibelmotive, Scherben von Kleist (Der zerbrochene Krug). Den ältesten Bewohnern des Gespensterhauses läutet bereits das Totenglöckchen. Unsichtbare Särge werden von gut gepolsterten Bestattern nach draußen getragen. Hinter einem Rollladen verbirgt sich zu ebener Erde eine Gastwirtschaft, deren grobschlächtiger Wirt seinerseits eine Art Gott ist, ein strafender Allmächtiger, der seine Kellnerinnen niederdrückt. Eine Tür weiter haust die vor Selbstekel mürbe Hure "Gilda Amour" (Martina Stilp). Alle Figuren werden von ihren Begierden beherrscht. Der Zuhälter Wladimir (Roman Schmelzer) scheint einem Panoptikum entsprungen, doch seine Rohkraft können die Mitbewohner nicht entbehren. Nach Lehmanns überstürzter Hochzeit mit Ursula muss der Wucherer wieder hinauf in seine Zimmerflucht getragen werden. Wladimir, der fremde Tonkrüge zerbricht und das viele Bier, das er säuft, nicht bezahlen will, wirft sich den befrackten Lahmen wie ein Paket über die Schulter. Man hilft einander eben, wo man kann. Der junge Horváth glaubt nur nicht mehr an das Prinzip der Mildtätigkeit. Unterschiedslos zirkulieren in seinem Stück Menschen, Waren und Dienstleistungen. An der Unentrinnbarkeit der Verhältnisse ändert sich nichts. Nur ausnahmsweise blitzt Horváths Begabung für das Bonmot auf, bildungsbürgerliche Sentenzen, die das Denken charakterisieren, weil sie haarscharf verfehlen, was sie beredt ausdrücken wollen. "Wer versteht den Zusammenhang?", fragt die Hure. "Es gibt kein Erbarmen." "Doch es gibt Wunder!" Da neigt sich das Stück schon seinem Ende entgegen. Fürchtegotts Bruder namens Kaspar (Raphael von Bargen) tritt auf. Er hat sich am Erstgeborenen einst versündigt, indem er ihn schlug. Er pinkelt in aller Seelenruhe ins Stiegenhaus und nimmt Fürchtegott alles weg: die Braut, den Überlebenswillen. Föttinger inszeniert dieses unbedingt reizvolle Fundstück als Ideensteinbruch. Er will nicht klüger sein als sein Schöpfer. Er stellt den Stoff aber in den Rahmen der Geschichte (Niemand enthält die Gärungsprozesse, die ohne Verzug in den Nationalsozialismus führen). Er hat ein episches Oratorium inszeniert – Welttheater, durch das die Blitze der Erkenntnis zucken. Eine in ihrer Selbstbescheidung wunderbare Leistung aller Beteiligten, zu Recht akklamiert.
(Der Standard)

Die sieben Bilder des Stücks spielen alle am selben Ort: im Treppenhaus eines Mietshauses. Walter Vogelweider hat es als expressionistisch angehauchten Belagerungsturm auf die Bühne gestellt, mit Türen, Stufen, Laufgitterfluren. Unten betreibt der "große Wirt" seine Schänke und die Prostituierte Gilda ihr Geschäft, darüber wohnen das Ehepaar Meyer, eine "uralte Jungfer" und in der winzigen Mansarde der bettelarme Musiker Klein. Das Haus gehört einem Mann namens Fürchtegott Lehmann, der es auf wackligen Beinchen mit harter Hand regiert. Lehmann ist Vermieter, Pfandleiher, Wucherer und verkrüppelt. Mühsam schleppt er sich auf Krücken vorwärts, aber weil er die Treppen nicht hinunterkann, hat er sich alle Mieter im Haus unterworfen: "Alle Beine wurden mein." Die schönsten Beine hat das Mädchen Ursula, das aus Hunger und Not ins Haus kommt, um zusammen mit Gilda auf den Strich zu gehen. Lehmann gibt ihr zu essen, sie wird seine Frau. Und Lehmann, der verbitterte Blutsauger und Tyrann, beschließt, ein besserer Mensch zu werden. Er zwingt sich zur Milde und ersetzt dem "großen Wirt" das Geld, um das ihn eine Kellnerin betrogen hat, um den Bierdurst von Gildas brutalem Zuhälter Wladimir zu löschen. Dennoch wird sie vor die Tür gesetzt und blitzschnell eine andere eingestellt. Alles wiederholt sich, wird Lehmanns Bruder Kaspar später sagen: Aus Mädchen werden Kellnerinnen, aus Kellnerinnen Dirnen, und wenn Wladimir später ins Gefängnis muss, weil er einen von Gildas Freiern wegen eines kostbaren Rings erschlagen hat, taucht sofort der nächste Lude auf, der ebenfalls Wladimir heißt. Der Freier trug den Namen Lehmann, der Ring war aus Blech, und seine Inschrift wird später in Horváths "Kasimir und Karoline" wiederkehren. Sie lautet: "Und die Liebe höret nimmer auf." Föttinger inszeniert all dies zunächst mit Distanz. Als der Vorhang hochgeht, stehen zwei Dutzend Schauspieler aufgereiht an der Rampe, und Dominic Oley, der den Musiker Klein spielt, spricht Horváths ausgiebige Regieanweisungen. Seine Kollegen werden es ihm mehrfach nachtun. So hält die Regie das Pathos und das Pubertäre des Stücks auf Abstand. Seine Themen hat Horváth in diesem Frühwerk bereits gefunden, seinen Ton noch nicht. Später, in "Glaube Liebe Hoffnung" und in den "Geschichten aus dem Wiener Wald", wird er seinen Kleinbürgern unverstandene Sentenzen in die gespitzt-gespreizten Münder legen, jetzt reden seine Figuren noch ganz anders. Vor allem Fürchtegott Lehmann muss hadern, klagen, philosophieren. Florian Teichtmeister spielt ihn differenziert, nicht als Menschen, den sein Schicksal zum Monstrum gemacht hat, sondern als lebenden Toten, den es zerreißt, als sich seine Hoffnungen nicht erfüllen. Denn die jungfräuliche Ursula, bei Gerti Drassl schicksalsergeben bis zur Blässe, gibt sich nicht ihm hin, sondern seinem plötzlich aufgetauchten Bruder Kaspar, der um sein Erbe gebracht wurde, weil die Eltern alles für den Kranken, den Schwächeren bestimmten. Am Ende des Stücks, in dem zum ersten Mal die Titelfigur eingreift, stürzt Lehmann im Treppenhaus zu Tode. Obwohl niemand da war, hatte jemand Lehmann die Krücken weggenommen. Einmal hat der abwesende Gott eingegriffen, glaubt Ursula: "Ein Wunder." Inflation, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise treiben Horváths Figuren zum Äußersten: Sie zeigen ihr Innerstes. Was meist kein schöner Anblick ist. Horváth führt das Stiegenhaus als Marktplatz von Waren und Körpern vor. Das eine zirkuliert wie das andere. Rechnungen müssen bezahlt werden, in jeder Währung, die sich denken lässt. Schuld und Schulden sind ununterscheidbar. Wer sie nicht begleichen kann, hat ein metaphysisches Problem. Unter dem Druck der Verhältnisse werden Horváths Figuren immer roher, auch gefährdeter und fragiler. Am Ende zerbrechen sie nicht nur, sie platzen geradezu auf. "Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren", lässt Büchner Danton sagen. Horváth bricht nicht die Köpfe, sondern die Körper auf. Sie sind das, was seine Mädchenfiguren zu Markte tragen, um es am Leben zu erhalten. Büchners Leonce vergleicht seinen Kopf mit einem leeren Tanzsaal, bei Horváth sind die Körper ein einsames Schlachtfeld. Aber wie die späteren, reiferen Stücke hat "Niemand" noch andere Facetten. Vielleicht wird die nächste Inszenierung dieses Stück als Kommentar zur Schuldenkrise verstehen, denn Schulden sind hier ein zentraler Begriff. Niemand soll sagen, diese Entdeckung habe sich nicht gelohnt.
(FAZ)

Starke Leistungen im 24köpfigen Ensemble, allen voran Teichtmeister, Gerti Drassl und Raphael von Bargen.
(APA)

Herbert Föttinger zeigt "Niemand" in glänzender Besetzung als beklemmendes Drama der Zwischenkriegszeit. Fürchtegott Lehmann ist die zentrale Figur. Ihm leiht Florian Teichtmeister eindrucksvoll seine fragile Gestalt.
In sieben Bildern sind skizzenhaft Einzelschicksale dargestellt. Es geht um Menschen, die versuchen im sozialen Elend der Zwischenkriegszeit zu überleben. Jeder macht jedem das Leben noch schwerer als es ist. Der Text des jungen Horváth ist noch vom Expressionismus geprägt, das Mystische, das Unheimliche taucht in der Verdoppelung von Namen auf, Figuren verschwinden, bekommen aus unerklärlichen, nahezu unheimlichen Gründen Nachfolger.
Herbert Föttinger macht das Beste, was man bei einer Uraufführung wie der dieser tun kann: er zeigt das Stück, wie es ist, setzt gezielt einige Striche und lässt einzelne Figuren immer wieder Regieanweisungen sprechen. Jede der 24 Figuren ist exzellent besetzt. Auch für die kleineren Rollen wurden nur die besten geholt, jeder einzelne des Ensembles ist präzise geführt. Da fehlt nichts.
(NEWS)

Das Ensemble der Josefstadt – allen voran Florian Teichtmeister, Gerti Drassl und Raphael von Bargen in den zentralen Rollen – leistet Großes im Versuch, diesen Text zu beglaubigen. Dafür gibt es zu Recht Bravos vom Premierenpublikum. Fazit: Ein 100 Minuten langer, stellenweise auch langatmiger Abend, der aber dennoch spannend und lohnend ist.
(KURIER)

Föttinger füllt diesen Ort mit dosierter Aktion und einiger Nachdenklichkeit, mit Brutalität und Trauer, mit Perfidie und Selbstverleugnung. Er bemüht sich dabei, den vielen Charakteren Raum zu geben. Was dank der Typen von "Konditor" André Pohl bis Josephine Bloéb als junge Kellnerin in Minirollen gelingt.
(Kronen Zeitung)

Mit "Niemand" gelingt ein Coup. Regisseur Herbert Föttinger lässt Horváths Warnung vor jeglicher Form von Faschismus vage anklingen: Wenn die vermeintliche Mörderin Gilda abgeführt wird, blendet sie grelles Scheinwerferlicht. So ergeht es auch Ursula, auf eine bessere Zukunft hoffend. Die Regie bedient ich der Symbolkraft des Lichts: Lehmann, der die Verdunkelung fürchtet, schreit nach mehr Licht. Während er und die Bewohner dieses Mikrokosmos auf Hilfe von "oben" hoffen, denunzieren sie einander gegenseitig und bauen so die Brücke zu einem totalitären Regime- Adolf Hitler als die in der Wirtschaftskrise herbeigesehnte Figur des "Erlösers in Lichtgestalt".
(Salzburger Nachrichten)

Teichtmeister erspielt mit kalter Wut, stiller Tücke und echter Trauer einen Lehmann, der zwar nicht unbedingt von Horváth, aber von heute ist. Mit leiser Intensität erfreuen Gerti Drassl und Marianne Nentwich als uralte Jungfrau voll Poesie. Raphael von Bargen überzeugt als Fürchtegotts Bruder Kaspar. Heribert Sasse zeichnet mit der ihm eigenen Begabung für zwielichtige Bösewichte den "uralten Stutzer". In aller Kürze seines Auftritts wunderbar: Martin Zauner als Todesbote, ein "schwarz gekleideter Herr".
(Die Presse)

Der Vorhang geht hoch, und alle Figuren stehen an der Rampe, 24, so viele, dass sie sich eng aneinanderdrängen müssen. Dahinter, auf der Drehbühne, ein futuristisch-expressionistisches Treppenhaus (Bühne: Walter Vogelweider). Die Schauspieler verkünden die ersten Sätze – Regieanweisungen und Dialoge – frontal nach vorn, dann steigen sie nach und nach ins Spiel ein. Wir sind in einem Mietshaus, im Erdgeschoss die Schanktür eines Wirtshauses und die Wohnung der Hure Gilda (Martina Stilp). Vom zweiten Stock aus herrscht der verhasste Hausbesitzer Fürchtegott Lehmann, ein Krüppel (Florian Teichtmeister).
Das Personal sieht dem aus künftigen Stücken sehr ähnlich: die Fräuleins, der Strizzi, die Hure. Aber bald merkt man: es ist alles ganz anders. Diese Figuren haben keine knappe, pointierte Sprache. Sie reden und reden, sind verloren in einer Welt, aus der Gott gerade verschwunden ist. Wer ist der Verursacher von allem, wenn Gott tot ist? Niemand. Aber, wie in dem Kinderwitz, lässt sich "niemand" nicht denken, wird "niemand" immer wieder zu "Herrn Niemand" – und zu einer höheren Instanz. In allen Figuren steckt Horváth selber, und rasend kämpft er mit den großen spirituellen Fragen der Zeit. Das Stück ist ein Monster, eine Krake, in deren Inneren es brodelt. Es schleudert Fangarme aus heißer Lava nach dem Unfassbaren, es ist maßlos, pubertär, erschütternd und peinlich – es will alles.
Im Erdgeschoss wird ein Krug zerbrochen. Schuld ist "Niemand" – aber eine Kellnerin stürzt es ins Unglück. Ein Ring mit der Aufschrift "Die Liebe höret nimmer auf" wird Auslöser für einen Mord. Der verbitterte Ausbeuter Lehmann hadert mit Gott, verliebt sich in die Kellnerin Ursula (Gerti Drassl) und will ein neuer besserer Mensch werden. Aber sie ekelt sich vor seinem verkrüppelten Körper. Dann taucht sein gesunder Bruder Kasper auf (Raphael von Bargen), und Ursula wirft sich ihm an den Hals. Daran wird Fürchtegott krepieren – und Ursula wird ein Kind von Kasper kriegen, und das wird wieder ein Krüppel sein.
Durch alles zieht sich zusätzlich ein okkulter Strang, eines David-Lynch-Films würdig: Alle Situationen kehren leicht verändert wieder, in einem ewigen Rad: Immer wieder zerbricht der Krug, die Kellnerin wird auf die Straße gesetzt und schon erscheint die nächste Kellnerin, die fast genauso aussieht wie die vorige. Im ersten Stock erscheint das Unheimliche in der Gestalt eines mysteriösen kleinen Mädchens, das Lehmanns Versuche, Ursula nahe zu kommen, durchkreuzt – geschickt von "Niemand".
Das Stück ist wirr, überladen, überhitzt, voll glühender Verzweiflung, expressionistisch, existenzialistisch und nietzscheanisch. Herbert Föttinger versucht das Ausufernde durch strenge Form zu bändigen: er lässt die Schauspieler alle Sätze kühl sprechen, so als würden sie zitieren. Einmal gibt es ein kurzes Aufatmen von der drückenden Schwere: Marianne Nentwich, die Doyenne des Hauses, in der Rolle der "Uralten Jungfrau", schüttelt Mädchensüße aus dem Ärmel. Stolz zeigt sie ein Foto von ihrem Geliebten aus Jugendtagen, der immer Lackschuhe trug: so ein fescher Mann hätte sie einmal fast geheiratet. Das rührt und bleibt eine Weile in der Luft schweben.
Die Möglichkeit, in den Kopf des ganz jungen Horváth hineinzuschauen, ist die Anstrengung, die die Unternehmung Schauspieler und Zuschauer kostet, wert. Man bekommt ein neues Gefühl dafür, wer Horváth war, und für seine Stücke, wenn man "Niemand" gesehen hat – es ist ein Gewinn.
(Nachtkritik.de)

Sensation in der Josefstadt. Bravos für diesen unstrittigen Theater-Coup.
(Österreich)

Regie
Herbert Föttinger

Bühnenbild
Walter Vogelweider

Kostüme
Birgit Hutter

Musikkonzept
Katharina Steyrleithner

Dramaturgie
Ulrike Zemme

Licht
Emmerich Steigberger

Klein
Dominic Oley

Gilda
Martina Stilp

Ursula
Gerti Drassl

Ein schwarz gekleideter Mann
Martin Zauner

Ein schwarz gekleideter Mann
Wojo van Brouwer

Ein schwarz gekleideter Mann
Gregor Kronthaler

Ein schwarz gekleideter Mann
Patrick Seletzky

Hausmeisterin
Elfriede Schüsseleder

Konditor
André Pohl

Fürchtegott Lehmann
Florian Teichtmeister

Wladimir
Roman Schmelzer

Malermeister
Peter Scholz

Glasermeister
Thomas Kamper

Schreinermeister
Alexander Strobele

Kellnerin
Swintha Gersthofer

Der große Wirt
Saša Savić

Die Nachfolgerin
Josephine Bloéb

Fremder
Raphael von Bargen

Uralter Stutzer
Christian Futterknecht

Erster Detektiv
Oliver Huether

Zweiter Detektiv
Alexander Absenger

Backfisch
Antonia Jung

Uralte Jungfrau
Marianne Nentwich

Betrunkener
Oliver Rosskopf

Dauer
ca. 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause