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Theater in der Josefstadt
Premiere: 10.12.2022

Franz Wittenbrink nach Hans Fallada

Jeder stirbt für sich allein

Uraufführung

ca. 2 Stunden, 55 Minuten (Pause nach ca. 85 Minuten)

Ein musikalisches Schauspiel von Franz Wittenbrink nach dem Roman von Hans Fallada
Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber

Soll man die Wahrheit suchen,
wenn keiner sie finden will?

Soll man dem Henker trotzen
oder hält man lieber still?

Soll man sein bisschen Leben
retten, um jeden Preis?

Ist irgendjemand frei von Schuld?
Wer weiß.

Lied des Kommissars Escherich

Fallada zeichnet ein vielschichtiges Bild des Alltags im Dritten Reich zwischen Bedrohung, Verführung und Mitläufertum — vom Gelegenheitsgauner bis zum gefeierten Filmschauspieler, vom Widerstandskämpfer bis zum überzeugten Nazi. Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Quangel, das auf ganz persönliche Art Widerstand leistet und dabei sein Leben aufs Spiel setzt.

Franz Wittenbrink vermischt in seiner Musik Elemente aus Jazz, Tango, Blues und Gassenhauern mit klassisch dramatischen Klängen. Von überbordender Stimmung im Nachtlokal "Paprika" bis zum tragischen Ende der Quangels. Anklänge an Kurt Weill oder John Kander (Cabaret), in deren Tradition sich Wittenbrink sieht, sind unüberhörbar.

Es ist ein bedrückendes Setting, das Köpplinger mit steigender Intensität zu erzählen vermag. Vor allem Dangl und Meyer machen ihre Verzweiflung in ihren Widerstandsbemühungen in intimen Szenen greifbar. Julian Valerio Rehrl überzeugt in seiner Doppelrolle als begeisterter Jung-Nazi und glühender Kopf einer kommunistischen Zelle. Ein wirklich gelungenes Duett kommt von Susa Meyer und Elfriede Schüsseleder. Raphael von Bargen, der einen famos zweifelnden Gestapo-Kommissar gibt, kann in seiner Darbietung des Titelsongs ("Jeder stirbt für sich allein") aufrütteln. Die schnörkellose Regie als auch die eindringlichen Ensembleleistungen tragen diesen Abend. Und lassen erschaudern, wie schnell eine Gesellschaft kippen kann.
(APA)

Aus diesem ernsten Stoff eine Art Musical zu machen, funktioniert. Schattierungen braucht es wenige, die von der fünfköpfigen Live-Band gespielte, zwischen Jazz, Weill und Schlager pendelnde Musik unterstreicht die Atmosphäre der Angst und Bedrohung, die rund um die brutalistische Hausruine herrscht, die Walter Vogelweider auf die Josefstädter Drehbühne gestellt hat. Fallada hat das Mietshaus in der Jablonksistraße 58 als eine Art Mikrokosmos samt Angepassten, Strammstehern, Verfolgten und Widerständigen gezeichnet. Ihre Wege treffen sich hier und im Paprika pausenlos, und es ist keine kleine Leistung, wie Regisseur Köpplinger das über zwanzigköpfige Ensemble mit sicherer Handwerkshand orchestriert. Die Verdichtung im zweiten Teil des Abends ist in erster Linie Raphael von Bargen zu verdanken, der als Kommissar den Postkartenfall polizeilich untersucht. Ein Mitläufer, den es innerlich zerreißt.
(Der Standard)

Michael Dangl und Susa Meyer sind als Ehepaar berührend, Claudius von Stolzmann hat als Gauner, der zum Opfer wird, starke Momente. Am besten ist Raphael von Bargen als Komissar mit Gewissensbissen. Die Bühne (Walter Vogelweider), die ist toll.
(KURIER)

In der Regie Josef E. Köpplingers geben Michael Dangl und Susa Meyer das Ehepaar Quangel – ihnen gelingen berührende Szenen. Auch Raphael von Bargen macht als Kommissar Escherich gute, weil etwas differenzierte Figur und meistert mit "Jeder stirbt für sich allein" den "Titelsong" souverän.
(Tiroler Tageszeitung)

Ziemlich überzeugende schauspielerische und sängerische Leistungen des Ensembles, das kleine Orchester ist famos.
(FAZ)

Wortkarge, dichte gut zweieinhalb Stunden lang zeigt die Inszenierung Überlebensstrategien in einer Diktatur, verstörend auch, weil sie die Fragilität unserer Demokratien gnadenlos verdeutlicht und Widerstand in Zweifel zieht. Unausweichlich drängt die Frage nach der eigenen Position. Große Emotionen geschehen nicht auf der Bühne, sondern bleiben umso heftiger beim Zuschauer.
(OÖ Volksblatt)

Tatsächlich funktioniert die Kombination der düsteren Erzählung (im eindrücklichen, grau-bedrohlichen Beton-Bühnenbild von Walter Vogelweider) mit Musik erstaunlich gut. Wittenbrinks Mischung aus Melodien, die sich aus zeithistorischen Einflüssen speisen - Weill-artiges Kunstlied, UFA-Filmschlager, "Babylon Berlin"-Rhythmen - und personenbeschreibenden Klängen, wie die zögerlichen Sprechgesänge des Ehepaares, das sich langsam der Idee annähert, aus dem gleichgeschalteten Strom hinauszutreten, bildet einen schlüssigen Soundtrack. Das Libretto von Susanne Lütje und Anne X. Weber ergänzt Fallada gut: Etwa wenn die Verlobten Trudel (Paula Nocker) und Franz (Tobias Reinthaller) von einem Kartoffel-Schäl-Alltag ohne Krieg träumen. Oder wenn Denunziant Borkhausen (Paul Matic) sich schönsingt, dass er seinen Ganovenkumpel Enno (Claudius von Stolzmann) in den sicheren Tod geschickt hat: "Wer überlebt, hat recht" - eine Rechtfertigung für das bequeme Unrecht, die es einem kalt über den Rücken laufen lässt. Franz’ "Heldentod" ist der letzte Schubser, den das Ehepaar Quangel braucht, um ihre Postkarten auszulegen. Michael Dangl spielt den wortkargen Otto sehr zurückgenommen, Susa Meyers Anna Quangel hat einen aktiveren Part als im Roman. Die Handlung wurde stark verdichtet, einiges entfernt, einiges verändert. Ausgebaut wurde die Bar "Paprika", die einen Knotenpunkt für Gelegenheitsgangster, von Goebbels Gnade abgefallene Schauspieler (Martin Niedermair) und tödlich launische, kellnervernaschende Obergruppenführer (Robert Joseph Bartl) bildet. Geführt wird das Etablissement von Frau Andrássy (Nadine Zeintl), die mit flotten Klängen ("Geht die Welt bergabrika, tanzen wir im Paprika") ein schillerndes Zeugnis des Eskapismus ablegt. Wittenbrink und Regisseur Josef E. Köpplinger gelingt es, die Essenz von Falladas ausuferndem Roman, der mit seinen vielen Personen auch für eine ganze Netflix-Serie ausreichen würde, in zweidreiviertel Stunden zu vermitteln - ohne die Längen, die solche Dramatisierungen zu oft mit sich bringen. Und am Ende sind auch alle tot, die im Roman sterben. Und das sind viele. Etwa auch der Kommissar, der den Fall der Quangels bearbeitet und der langsam begreift, dass sein Wahrheitsbegriff mit dem der Nazis wenig zu tun hat. Raphael van Bargen gibt ihn, zumal in der Szene, die die Ausweglosigkeit für Verhaftete besonders drastisch erklärt, mit einer kühlen Verzweiflung.
(Wiener Zeitung)

Regie
Josef E. Köpplinger

Bühnenbild
Walter Vogelweider

Kostüme
Dagmar Morell

Choreografie und Regiemitarbeit
Ricarda Regina Ludigkeit

Musikalische Leitung
Christian Frank

Dramaturgie
Matthias Asboth

Licht
Pepe Starman/Josef E. Köpplinger

Musiker
Christian Frank
Herbert Berger
Rens Newland
Klaus Pérez-Salado
Andy Mayerl
Clemens Rofner, Gerald Selig, Simon Springer,

Otto Quangel
Michael Dangl

Anna Quangel
Susa Meyer

Franz Quangel, ihr Sohn / Karl Hergesell
Tobias Reinthaller

Trudel Baumann, seine Freundin
Paula Nocker

Persicke
Oliver Huether

Baldur, sein Sohn / Grigoleit
Julian Valerio Rehrl

Emil Borkhausen
Johannes Seilern

Enno Kluge
Claudius von Stolzmann

Herr Rosenthal
Siegfried Walther

Frau Rosenthal
Elfriede Schüsseleder

Eva Andrássy / Gefängniswärterin
Nadine Zeintl

Max Harteisen
Martin Niedermair

Erwin Toll
Oliver Rosskopf

Obergruppenführer Prall
Robert Joseph Bartl

Klenze
Marcello De Nardo

Kommissar Escherich
Raphael von Bargen

Schröder, sein Assistent / Emil Borkhausen / Gast im Paprika
Paul Matić

Gestapo 1 / Schupo/Wachmann 1 / Gefängniswärter / Gast im Paprika
Ljubiša Lupo Grujčić

Gestapo 2 / Wachmann 2 / Gast im Paprika
Tamim Fattal

Nachbar:innen der Quangels / Briefträgerin / Gäste im Paprika / Passant:innen
Alexandra Kernmayer, Bernadette Kizik, Christoph Kostomiris, Florian Bernhard Sendlhofer