Das Buch von Daniel Kehlmann ist erschütternd, auch die Aufführung ist schwer zu ertragen, aber atemberaubend. Regisseur Janusz Kica trainierte die über 50 Akteure perfekt.
Herbert Föttinger ist wunderbar als strenger, verantwortungsbewusster Kapitän Gustav Schröder – der lang nicht begreift, dass die Gesetze der Seefahrt von einer Diktatur außer Kraft gesetzt wurden. Michael Dangl schafft es als kubanischer Staatspräsident Laredo Brú, Sir und Gangster zu verbinden. Joseph Lorenz zeigt als Konsul Holthusen kühlen Geschäftssinn. Roman Schmelzer bezaubert als Hebräischlehrer, Nikolaus Barton zeichnet einfühlsam den Kellner Leo Jockl, der seine jüdische Herkunft verbergen muss, Sandra Cervik gibt Babette Spanier, eine verstörte große Dame. Großartig ist Therese Lohner als widerborstige Tante Charlotte, die ihren Neffen (Matthias Franz Stein) immer wieder in Verlegenheit bringt. Marika Lichter singt herzerwärmend "Wien, Wien nur du allein!"
Die knapp zwei Stunden ohne Pause dauernde, sich stetig steigernde Josefstädter Aufführung ergreift.
(Die Presse)
Ein Stück, das zum Nachdenken anregt.
(Wiener Zeitung)
Das zynische erste und wehleidige letzte Wort hat der von Raphael von Bargen beklemmend verkörperte Otto Schiendick, Stuart und "Ortsgruppenleiter" an Bord der "St. Louis", ein kleiner, gefährlicher Mann, der es versteht, seine Chancen im "Tausendjährigen Reich" zu nützen. Sein Gegenspieler ist Kapitän Gustav Schröder, beim Hausherrn Herbert Föttinger in gewohnt staatstragenden Händen, der gewillt ist, sein Schiff bewusst havarieren zu lassen, um die ihm anvertrauten Passagiere an ein rettendes Ufer zu bringen. Michael Dangl als von Wiederwahl-Gelüsten gesteuerter Präsident und Wojo van Brouwer als sinistrer Minister stellen mit Bravour die korrupte, vom späteren Diktator Batista gesteuerte kubanische Administration vor. Sie alle, wie auch die Flüchtlinge, Roman Schmelzers berührend abgeklärter Hebräischlehrer Aaron Pozner, der elegante Arzt Dr. Spanier (Ulrich Reinthaller) nebst Gattin (Sandra Cervik) oder das Ehepaar Loewe (Maria Köstlinger und Marcus Bluhm) lässt Daniel Kehlmann immer wieder kommentierend aus ihrer Rolle treten – und am Ende ihr weiteres Schicksal, Überleben oder Tod, verraten.
(Tiroler Tageszeitung)
Aus dem wirklich großartigen Ensemble ragen zwei Personen heraus: Hausherr Herbert Föttinger spielt den Kapitän des Flüchtlingsschiffes, den es zwischen Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft schier zerreißt. Und Raphael von Bargen ist als wirklich ganz besonders grauslicher, bösartiger Nazi großartig. Ein beeindruckendes Stück. Sehenswert.
(KURIER)
Die Josefstadt ist die in ihrer Art radikalste Avantgardebühne des Landes: Ohne sich um Trends und Feuilletondiktate zu kümmern, verwirklicht Herbert Föttinger ein konsequentes, spektakuläres Uraufführungsprogramm. Das Ensemble ist riesengroß und in allen Formationen herausragend. Es stellt sich mit überwältigendem Resultat in den Dienst eines großen Textes. Die Schauspieler treten kurz in ihre Rollen, und sie tun das großartig, mit allem Engagement, aller Überzeugungskraft, aller Darstellungskunst. Ein Maßstäbe setzender Uraufführungsabend, der haften bleibt.
(Kronen Zeitung)
"Voyage of the Damned" hieß das Buch, das die Irrfahrt der St. Louis mit 937 aus Nazi-Deutschland flüchtenden Juden an Bord nachzeichnete. Verdammt gut ist das, was Autor Daniel Kehlmann und Regisseur Janusz Kica im Theater in der Josefstadt daraus gemacht haben. Kehlmann nennt seine auf kurze, rasch wechselnde Szenen setzende und dabei nicht nur zahlreiche Einzelschicksale anreißende, sondern auch echte Spannung erzeugende Dramatisierung "Die Reise der Verlorenen". Und schon ganz bald in diesen knapp zwei Stunden, bei denen man nahezu atemlos dem Text lauscht, um ja kein Wort zu verpassen, ist die Parallelität unübersehbar: Die Emotionen der auf diesem Schiff Versammelten, die meinen, mit letzter Kraft und letztem Geld den Verfolgungen des NS-Regimes entkommen zu sein und die Reaktionen der kubanischen und amerikanischen Politiker, die allesamt beteuern, vom menschlichen Leid zwar tief bewegt zu sein, aber aus Gründen der Vorbildwirkung kein Anlegen des Schiffes gestatten zu können, gleichen aufs Haar den Flüchtlingsschiffen von heute.
(APA)
Daniel Kehlmann und Janusz Kica bauen eine erstaunliche Form von Dokumentartheater. Kleine Dialoge in fast vorbeihuschend vielen Szenen, die Bühnenbildner Walter Vogelweider meist in den rohen schwarzen Bühnenraum setzt und die Musiker Matthias Jakisic raffiniert begleitet.
Maria Köstlinger zeigt so rührendes Mitgefühl, dass sie auch in dieser kleinen Rolle hervorleuchtet. Roman Schmelzer versieht den bereits dem KZ Dachau entkommenden Hebräischlehrer Aaron Pozner mit einer stillen Verzagtheit und derangiertem Mut.
Stück und Inszenierung rütteln auf, erzeugen Empathie für einzelne Menschen sowie Empörung über Ungerechtigkeit, sie animieren zu einer heute relevanten Rückbesinnung auf Zeitgeschichte sowie zu Fragen über andere, bessere Auswege.
(Salzburger Nachrichten)
Im Damals bildet sich das Heute ab. Vielstimmigkeit und Verfremdungseffekt münden in wohlkalkulierte Kolportagehaftigkeit. Und dabei gelingt es Kehlmann nicht nur zu zeigen, wie politische Räson Unmenschlichkeit erzeugt, wie aus Elend Geschäft wird und wie individuelle Courage an der Gleichgültigkeit bürokratischer Systeme scheitert.
(Kleine Zeitung)
Und so bleibt am Ende vor allem der Eindruck, dass böse Mächte das Schicksal von Flüchtlingen bestimmen - im Fall der St. Louis ist das durch historische Zeugnisse gut belegt. Wenn die Flüchtlinge von Glück sprechen, hat das in Kehlmanns Werk immer einen faden Beigeschmack. Dabei wollen sie nicht viel: "Endlich wieder ein Mensch sein nach der Todesgefahr".
(DPA)