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Theater in der Josefstadt
Premiere: 06.09.2018

Daniel Kehlmann

Die Reise der Verlorenen

Uraufführung

ca. 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Basierend auf dem Buch "Voyage of the Damned" von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts

Und Sie, begnadet mit später
Geburt, denken vielleicht gerade:
"Wer weiß, wie ich gehandelt
hätte?" Aber ich verrate Ihnen
was: Falls Sie wirklich nicht wissen,
wie Sie gehandelt hätten,
dann wissen Sie es schon. Dann
hätten Sie gehandelt wie ich.

Otto Schiendick

Eine Fahrt in die Freiheit scheint es zu sein, die 937 Juden im Mai 1939 antreten. Man hatte ihnen "erlaubt", Deutschland zu verlassen, in Kuba sollten sie zumindest vorübergehend Aufnahme finden, das hatte zuvor schon bei anderen Flüchtlingen funktioniert. Die Hoffnung ist groß – obwohl die Schifffahrtsgesellschaft ihnen auch noch den letzten Pfennig abverlangt hatte, obwohl die Besatzung bereits von zahlreichen Nazis unterwandert ist. Doch der frohe Mut weicht einer erschreckenden Erkenntnis: Kuba lässt niemanden mehr ins Land.

Daniel Kehlmann erzählt in seinem neuesten Stück eine Geschichte über Menschen auf der Flucht. Doch nicht die Flucht an sich rückt in den Fokus, vielmehr die Tatsache, dass Menschen sich in einer Situation wiederfinden, in der sie ohnmächtig zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Einflüsse werden. Von der Schifffahrtsgesellschaft als bloßes Kapital gesehen, von Goebbels als Propagandamittel missbraucht, von der kubanischen Politik als Wahlkampfthema betrachtet und von der internationalen Gemeinschaft als tragisches, aber leider unabänderbares Schicksal wahrgenommen, werden diese Menschen zu verlorenen Seelen auf offener See.
Nach der Veröffentlichung seines Bestsellers Tyll kehrt Daniel Kehlmann mit der Dramatisierung dieser wahren Geschichte an die Josefstadt zurück. Mit einer Besetzung von gut 30 Figuren versteht er es, uns eine Ahnung davon zu geben, wie schnell aus Individuen eine bloße Masse wird.

Die Reise der Verlorenen bildet nach Peter Turrinis Fremdenzimmer aus der Spielzeit 2017/18 den zweiten Teil der Josefstädter-Dilogie Auf der Flucht.

Das Buch von Daniel Kehlmann ist erschütternd, auch die Aufführung ist schwer zu ertragen, aber atemberaubend. Regisseur Janusz Kica trainierte die über 50 Akteure perfekt.
Herbert Föttinger ist wunderbar als strenger, verantwortungsbewusster Kapitän Gustav Schröder – der lang nicht begreift, dass die Gesetze der Seefahrt von einer Diktatur außer Kraft gesetzt wurden. Michael Dangl schafft es als kubanischer Staatspräsident Laredo Brú, Sir und Gangster zu verbinden. Joseph Lorenz zeigt als Konsul Holthusen kühlen Geschäftssinn. Roman Schmelzer bezaubert als Hebräischlehrer, Nikolaus Barton zeichnet einfühlsam den Kellner Leo Jockl, der seine jüdische Herkunft verbergen muss, Sandra Cervik gibt Babette Spanier, eine verstörte große Dame. Großartig ist Therese Lohner als widerborstige Tante Charlotte, die ihren Neffen (Matthias Franz Stein) immer wieder in Verlegenheit bringt. Marika Lichter singt herzerwärmend "Wien, Wien nur du allein!"
Die knapp zwei Stunden ohne Pause dauernde, sich stetig steigernde Josefstädter Aufführung ergreift.
(Die Presse)

Ein Stück, das zum Nachdenken anregt.
(Wiener Zeitung)

Das zynische erste und wehleidige letzte Wort hat der von Raphael von Bargen beklemmend verkörperte Otto Schiendick, Stuart und "Ortsgruppenleiter" an Bord der "St. Louis", ein kleiner, gefährlicher Mann, der es versteht, seine Chancen im "Tausendjährigen Reich" zu nützen. Sein Gegenspieler ist Kapitän Gustav Schröder, beim Hausherrn Herbert Föttinger in gewohnt staatstragenden Händen, der gewillt ist, sein Schiff bewusst havarieren zu lassen, um die ihm anvertrauten Passagiere an ein rettendes Ufer zu bringen. Michael Dangl als von Wiederwahl-Gelüsten gesteuerter Präsident und Wojo van Brouwer als sinistrer Minister stellen mit Bravour die korrupte, vom späteren Diktator Batist­a gesteuerte kubanische Administration vor. Sie alle, wie auch die Flüchtlinge, Roman Schmelzers berührend abgeklärter Hebräisch­lehrer Aaro­n Pozner, der elegante Arzt Dr. Spanier (Ulrich Reinthaller) nebst Gattin (Sandra Cervik) oder das Ehepaar Loewe (Maria Köstlinger und Marcus Bluhm) lässt Daniel Kehlmann immer wieder kommentierend aus ihrer Rolle treten – und am Ende ihr weiteres Schicksal, Überleben oder Tod, verraten.
(Tiroler Tageszeitung)

Aus dem wirklich großartigen Ensemble ragen zwei Personen heraus: Hausherr Herbert Föttinger spielt den Kapitän des Flüchtlingsschiffes, den es zwischen Pflichtbewusstsein und Hilfsbereitschaft schier zerreißt. Und Raphael von Bargen ist als wirklich ganz besonders grauslicher, bösartiger Nazi großartig. Ein beeindruckendes Stück. Sehenswert.
(KURIER)

Die Josefstadt ist die in ihrer Art radikalste Avantgardebühne des Landes: Ohne sich um Trends und Feuilletondiktate zu kümmern, verwirklicht Herbert Föttinger ein konsequentes, spektakuläres Uraufführungsprogramm. Das Ensemble ist riesengroß und in allen Formationen herausragend. Es stellt sich mit überwältigendem Resultat in den Dienst eines großen Textes. Die Schauspieler treten kurz in ihre Rollen, und sie tun das großartig, mit allem Engagement, aller Überzeugungskraft, aller Darstellungskunst. Ein Maßstäbe setzender Uraufführungsabend, der haften bleibt.
(Kronen Zeitung)

"Voyage of the Damned" hieß das Buch, das die Irrfahrt der St. Louis mit 937 aus Nazi-Deutschland flüchtenden Juden an Bord nachzeichnete. Verdammt gut ist das, was Autor Daniel Kehlmann und Regisseur Janusz Kica im Theater in der Josefstadt daraus gemacht haben. Kehlmann nennt seine auf kurze, rasch wechselnde Szenen setzende und dabei nicht nur zahlreiche Einzelschicksale anreißende, sondern auch echte Spannung erzeugende Dramatisierung "Die Reise der Verlorenen". Und schon ganz bald in diesen knapp zwei Stunden, bei denen man nahezu atemlos dem Text lauscht, um ja kein Wort zu verpassen, ist die Parallelität unübersehbar: Die Emotionen der auf diesem Schiff Versammelten, die meinen, mit letzter Kraft und letztem Geld den Verfolgungen des NS-Regimes entkommen zu sein und die Reaktionen der kubanischen und amerikanischen Politiker, die allesamt beteuern, vom menschlichen Leid zwar tief bewegt zu sein, aber aus Gründen der Vorbildwirkung kein Anlegen des Schiffes gestatten zu können, gleichen aufs Haar den Flüchtlingsschiffen von heute.
(APA)

Daniel Kehlmann und Janusz Kica bauen eine erstaunliche Form von Dokumentartheater. Kleine Dialoge in fast vorbeihuschend vielen Szenen, die Bühnenbildner Walter Vogelweider meist in den rohen schwarzen Bühnenraum setzt und die Musiker Matthias Jakisic raffiniert begleitet.
Maria Köstlinger zeigt so rührendes Mitgefühl, dass sie auch in dieser kleinen Rolle hervorleuchtet. Roman Schmelzer versieht den bereits dem KZ Dachau entkommenden Hebräischlehrer Aaron Pozner mit einer stillen Verzagtheit und derangiertem Mut.
Stück und Inszenierung rütteln auf, erzeugen Empathie für einzelne Menschen sowie Empörung über Ungerechtigkeit, sie animieren zu einer heute relevanten Rückbesinnung auf Zeitgeschichte sowie zu Fragen über andere, bessere Auswege.
(Salzburger Nachrichten)

Im Damals bildet sich das Heute ab. Vielstimmigkeit und Verfremdungseffekt münden in wohlkalkulierte Kolportagehaftigkeit. Und dabei gelingt es Kehlmann nicht nur zu zeigen, wie politische Räson Unmenschlichkeit erzeugt, wie aus Elend Geschäft wird und wie individuelle Courage an der Gleichgültigkeit bürokratischer Systeme scheitert.
(Kleine Zeitung)

Und so bleibt am Ende vor allem der Eindruck, dass böse Mächte das Schicksal von Flüchtlingen bestimmen - im Fall der St. Louis ist das durch historische Zeugnisse gut belegt. Wenn die Flüchtlinge von Glück sprechen, hat das in Kehlmanns Werk immer einen faden Beigeschmack. Dabei wollen sie nicht viel: "Endlich wieder ein Mensch sein nach der Todesgefahr".
(DPA)

Regie
Janusz Kica

Bühnenbild
Walter Vogelweider

Kostüme
Alfred Mayerhofer

Musik
Matthias Jakisic

Dramaturgie
Matthias Asboth

Licht
Manfred Grohs

Musiker
Matthias Jakisic

Otto Schiendick
Raphael von Bargen

Gustav Schröder, Kapitän der St. Louis
Herbert Föttinger

Leo Jockl, Kellner auf der St. Louis
Nikolaus Barton

Dr. Fritz Spanier, Arzt
Ulrich Reinthaller

Babette Spanier, seine Frau
Sandra Cervik

Aaron Pozner
Roman Schmelzer

Max Loewe, Anwalt
Marcus Bluhm

Elise, seine Frau
Maria Köstlinger

Otto Bergmann
Matthias Franz Stein

Charlotte, seine Tante
Therese Lohner

Max Aber, Hautarzt
Peter Scholz

Renata, seine ältere Tochter, sieben Jahre alt
Livia Ernst / Leonie Qualtinger

Evelyne, seine jüngere Tochter, fünf Jahre alt
Ilia Hollweg / Lilly Krainz

Marianne, ein Flüchtlingskind, etwas älter als Renata
Katharina Hope Kemp / Lara Nguyen

Eine jüdische Sängerin
Marika Lichter

Konsul Holthusen, HAPAG-Direktor
Joseph Lorenz

Morris Troper, Europadirektor des American Jewish Joint Distribution Commitee
Gerhard Kasal

Emerson, Internationales Komitee für politische Flüchtlinge
Igor Karbus

Luis Clasing, Zweigstellendirektor der HAPAG
Paul Matic

Robert Hoffmann, sein Stellvertreter
Oliver Rosskopf

Laredo Brú, Präsident von Kuba
Michael Dangl

Manuel Benitez Gonzales, kubanischer Minister für Einwanderung
Wojo van Brouwer

Remos, Außenminister von Kuba
Martin Zauner

Hauptmann Gomez
Ljubiša Lupo Grujčić

Major Garcia, Polizeichef von Havanna
Alexander Absenger

Wright, amerikanischer Botschafter in Kuba
Martin Niedermair

Berenson, Jewish Joint Distribution Commitee
Claudius von Stolzmann

Morgenthau, amerikanischer Finanzminister
Patrick Seletzky

Hull, amerikanischer Außenminister
Alexander Strömer

Britischer Staatssekretär
Michael Schönborn

Kennedy, amerikanischer Botschafter in Großbritannien
Lukas Spisser

Ein Polizist in Havanna
Tamim Fattal

StatistInnen
Victoria Beck, Marlies Denk, Dagmar Goller, Heidegard Heide, Ursula Machold, Denise Neckam, Roozbeh Nafisi, Nina Pjanic, Brigitte Sagmeister, Sophie Schmiedbauer, Heidelinde Sedlecky, Erich Fürst, Javier Griesser, Benjamin Kopp, Christoph Kostomiris, Markus Lipp, Christian Paul, Claudia Trimmel, Manuel Waitz, Paul Weninger, Arnold Wilfing